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Wie eine Kampfdrohne zum Verkaufsschlager wurde

Hochtechnologie der deutschen Rüstungsindustrie steckt in der türkischen Drohne Bayraktar TB 2, die schon in verschiedenen Konflikten zum Einsatz kam

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 3 Min.
Ukrainische Soldaten stehen bei einer Kampfdrohne des Typus Bayraktar TB2 UCAV auf dem Flugplatz Kulbakyne während einer Militärübung.
Ukrainische Soldaten stehen bei einer Kampfdrohne des Typus Bayraktar TB2 UCAV auf dem Flugplatz Kulbakyne während einer Militärübung.

Ihr Name klingt harmlos, aber sie kann tödlich sein: die türkische Kampfdrohne Bayraktar TB2, zu Deutsch »Fahnenträger«. Nach dem Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan im Herbst 2020 wurde sie zum Verkaufsschlager, da Aserbaidschan ihre Tödlichkeit im Gefecht unter Beweis gestellt hatte. 900 Ziele sollen mit der Bayraktar zerstört worden sein, Schäden in Höhe von zwei Milliarden Euro seien entstanden, berichtete das ZDF-Magazin »Frontal«.

Was die breite Öffentlichkeit wahrscheinlich nicht wusste: In der Drohne steckt deutsche Waffentechnik. So stammt das Zielerfassungssystem, mit dem die Angriffsziele ausgemacht werden, von der Filiale einer deutschen Rüstungsfirma in Südafrika. Dort greifen die ohnehin harmlosen deutschen Rüstungskontrollmechanismen gar nicht. Auch die Technik der Raketen, die von der Drohne auf Panzer, Gebäude oder Menschen abgeschossen werden, entstammen zum Teil deutschen Ingenieur-Gehirnen, entwickelt vom Gefechtskopfspezialisten TDW, der zum Rüstungskonzern MBDA gehört. TDW hat die Gefechtsköpfe von Boden-Luft-Raketen - sogenannte LRAT (Long Range Anti Tank) und MRAT (Middle Range Anti Tank) - für die Bekämpfung von Panzern entwickelt und dann an die türkische Waffenschmiede Roketsan verkauft. Die deutsche Technik wurde dann von türkischen Ingenieuren nachgebaut. Diese Informationen seien alles andere als neu, sagt Rüstungskontrollexperte Max Mutschler zu »nd«.

Mutschler arbeitet beim Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) und verweist auf Recherchen des Polit-Magazins »Monitor« aus dem Jahr 2020. Die Journalisten hatten damals herausgefunden, dass Roketsan offenbar Hilfe aus Deutschland bekommen hatte. In einer Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Grünen ist die Rede von »Bauteilen, Gefechtsköpfen und Technologie für die ›Panzerabwehrlenkwaffen LRAT und MRAT‹«, die zur Ausfuhr genehmigt worden seien. In der Türkei würden diese Raketentypen unter den Namen OMTAS und UMTAS produziert. Mit einer weiterentwickelten Version würden nun türkische Drohnen bewaffnet. Der Vorteil für die Türkei ist dabei der Zeitgewinn: Die Eigenentwicklung solch komplexer Waffentechnik hätte wohl noch einige Jahre gedauert, der Einkauf geht einfach schneller und ist letztlich auch kostengünstiger.

Was die Bayraktar TB2 in kriegerischen Auseinandersetzungen anrichten kann, zeigte sich im Berg-Karabach-Konflikt, bei dem Aserbaidschan die türkischen Kampfdrohne kriegsentscheidend einsetzte. »Gerade in solchen Konflikten, wie wir sie zwischen Armenien und Aserbaidschan gesehen haben, sind Drohnen letztlich der Game Changer«, erklärt Greenpeace-Abrüstungsexperte Alexander Lurz zu »nd«. Aber auch in Libyen, wo die türkische Armee 2020 den Vormarsch des abtrünnigen Generals Khalifa Haftar kurz vor Tripolis stoppen konnte, waren Bayraktar-Drohnen im Spiel, wie Medien damals berichteten. So viel Erfolg auf dem Schlachtfeld weckt die Nachfrage bei Staaten, die diese todbringende Waffe auch unbedingt haben wollen: Turkmenistan, Kirgistan, Polen, die Ukraine, Aserbaidschan, Libyen, Marokko, Niger und natürlich die Türkei sollen bereits in ihrem Besitz sein laut der englischen Wikipedia-Version; Somalia, Kenia, Oma, Irak, Kasachstan, Albanien, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Lettland Interesse bekundet haben. Der armenisch-aserbaidschanische Krieg provozierte einen regelrechten Run auf die Bayraktar TB 2. Kein Wunder, kostet so eine Drohne doch nur den Bruchteil eines Kampfflugzeugs. »Ein neuer Eurofighter kostet um die 100 Millionen Euro, eine Drohne wie die Bayraktar liegt im einstelligen Millionen-Bereich«, schätzt Alexander Lurz. Und Drohnen können für die Aufklärung »Stunden, sogar Tage in der Luft sein«, sagt Lurz, mit Kampfflugzeugen sei der logistische Aufwand ungleich höher. Was Militärs freut, erweist sich für unschuldige Menschen bisweilen als Todesurteil, denn Drohnen töten nicht präziser als Kampfflugzeuge. »Drohnen sind keine Wunderwaffe, die eine chirurgische, saubere Kriegführung ermöglichen«, so Mutschler.

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