Eine Machtausübung der Coronaleugner*innen

Warum ist in Deutschland die Impfquote verhältnismäßig niedrig? Sibel Schick meint: Impfverweigerung hat mit der europäischen Kolonialgeschichte zu tun

  • Von Sibel Schick
  • Lesedauer: 5 Min.
Querdenker in Frankfurt am Main
Querdenker in Frankfurt am Main

Eine persönliche Entscheidung bedeutet, dass deren Konsequenzen alleine getragen werden. Dass die meisten Impfgegner*innen für ihre Entscheidung aber nicht leise die Konsequenzen tragen, sich isolieren und zu Hause bleiben, lässt vermuten, dass es ihnen um Gewalt, Macht und Deutungshoheit geht. Sind das nicht ihre Beweggründe, so ist es zumindest das Ergebnis ihrer Handlungen. Sie fälschen Impfpässe und Testergebnisse, demonstrieren illegal, greifen Polizei und Presse an, überlasten Krankenhäuser und verhindern die medizinische Versorgung anderer. Wenn eine Erkrankung in Kauf genommen wird, dann ist auch das eine Machtausübung, weil es aktuell möglich ist, diese vorzubeugen, was aber aus politischen Gründen abgelehnt wird. Und diese Machtausübung lässt sich als ein Erbe des europäischen Kolonialismus erklären.

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Europa ist ein reicher Kontinent. Oft behaupten weiße Europäer*innen - auch Deutsche -, dass dies das Ergebnis von Prinzipien wie Fleiß und Strebsamkeit sei. Das ist falsch. Es ist vielmehr die logische Schlussfolgerung jahrhundertelanger Ausbeutung kolonisierter Länder und Kontinente. Natürlich ist Europa reich. Hätte ich andere so lange ausgebeutet, wäre ich ebenfalls reich.

Es ist also das Erbe europäischen Kolonialismus, unbegrenzt und auf Kosten anderer zu handeln und zu konsumieren. Da eine solche Tradition ganze Gesellschaften prägt, haben Europäer*innen ein Selbstverständnis, das ihnen nicht erlaubt, genau dieses Konsumverhalten zu hinterfragen. Sie halten es für ihr gutes Recht, sich gegen eine Immunisierung durch die Impfung zu entscheiden und die schwersten Konsequenzen davon von Anderen tragen zu lassen.

Das soll nicht heißen, dass es außerhalb von Europa keine Impfgegner*innen gäbe – der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro ist ein prominentes Besipiel dafür. Seine Corona-Politik ist selbstredend nicht mit dem europäischen Kolonialismus zu erklären. Vielmehr scheint seine Haltung dadurch begründet zu sein, dass seine politischen Gegner Impfbefürworter sind. Die Konsequenz jedoch sind auch dort überfüllte Krankenhäser.

Ich wage zu behaupten, dass wenn die Coronaleugner*innen in Deutschland nicht überwiegend weiß wären, massenhafte Inhaftierungen und sogar Abschiebungen die Konsequenz ihres Verhaltens sein könnten. Zu oft haben sich Behörden rassistisch gegenüber Minderheiten verhalten. Und zu oft wurden diese pauschal für etwas verantwortlich gemacht. Anders bei Coronaleugner*innen: Wenn diese gewalttätig werden, sprechen wir nicht selten von Sorgen und Ängsten, die diese Menschen haben – ähnlich wie wir es vor Jahren bei Pegida getan haben. Das liegt daran, dass nicht nur extrem rechte Coronaleugner*innen die Meinung vertreten, sie dürften sich auf Kosten anderer verhalten. Und sollte das nicht erlaubt sein, setzten sie ihre Haltung mitunter mit Gewalt durch. Sie schütteln wütend den Kopf? Gut so. Nehmen Sie das als Anlass zum Nachdenken.

Coronaleugner*innen, Querdenker*innen, faschistische Esoteriker*innen und Impfgegner*innen mögen untereinander heterogen sein, eins haben sie aber gemein: Ihr Handeln ist gewalttätig und gefährlich. Wir zählen bisher mindestens fünf Opfer von tödlichen Angriffen: In Idar-Oberstein erschoss ein Corona-Leugner einen 20-jährigen Kassierer, weil er sich nicht an die Maskenpflicht halten wollte. Der Querdenker Devid R. aus Königs Wusterhausen fälschte Impfpässe und tötete, um die Folgen seiner Tat zu vermeiden, seine drei Kinder, Ehefrau und schließlich sich selbst. Wir wissen aus Recherchen, dass es Querdenker gibt, die ihre Kinder mit gefälschten Negativ-Tests zur Schule schicken, wo auch chronisch kranke Kinder anwesend sein könnten oder solche, die mit gefährdeten Personen zusammenleben. Wie viele Menschen haben Impfgegner*innen bisher bewusst und willentlich mit dem tödlichen Virus angesteckt? Das werden wir nie wissen.

Das Gesundheitssystem kommt inzwischen an seine Belastungsgrenze, weil ungeimpfte Corona-Patient*innen die Betten belegen. Obwohl ein Großteil der Erwachsenen in Deutschland geimpft ist, liegen nachweislich mehr Ungeimpfte als Geimpfte auf den Intensivstationen. Das macht anderweitig kranke Menschen und die Pflegekräfte fertig. Behandlungen müssen wegen ungeimpfter Coronakranker verschoben werden, was eine Lebensgefahr für Betroffene bedeuten kann.

Diejenigen, die die Machtausübung von Coronaleugner*innen am meisten trfft, sind jene, die in dieser Gesellschaft schlechter gestellt sind: Pflegekräfte und Kranke. Natürlich gibt es Pflegekräfte, die sich nicht impfen lassen wollen – von den Arbeitsbedingungen, die durch die zusätzliche Belastung noch schlechter werden, sind allerdings auch sie betroffen. In Deutschland zeigt der moralische Kompass immer in die Richtung der Macht, daher werden Impfgegner*innen toleriert. Wenn ihre Angriffe auf die Polizei und die Politik dasselbe Ausmaß hätten wie ihre Machtausübung auf die Schwächeren dieser Gesellschaft, wäre das Problem vermutlich schon im Keim erstickt worden. Sie können aber noch immer »spazieren«, weil auch Polizei und Politik irgendwo verinnerlicht zu haben scheinen, dass diese Art der Machtausübung für Europäer*innen gutes Recht sei.

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