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Neue Orte gegen die Einsamkeit

Durch die Pandemie fühlen sich doppelt so viele Menschen einsam, 36 Berliner Projekte wollen diese Situation verbessern

  • Von Jörg Meyer
  • Lesedauer: 6 Min.
Wieviel Nachbarschaft braucht der Mensch, um sich nicht einsam zu fühlen?
Wieviel Nachbarschaft braucht der Mensch, um sich nicht einsam zu fühlen?

Von einem Tag auf den anderen mussten wir alles dicht machen«, sagt Alexandra Schibath zu »nd«. Sie leitet den Bereich Stadtteil- und Kulturarbeit und Träger beim Nachbarschaftsheim Schöneberg und berichtet von dem Schock im März 2020, alles der erste Lockdown der Coronapandemie Berlin quasi von einem Tag auf den anderen erstarren ließ. »Wir haben Schilder am Haus angebracht, und dann hatten die Kolleg*innen den unfassbaren organisatorischen Aufwand, die 70 bis 80 Selbsthilfegruppen und die vielen Freizeitgruppen zu informieren.«

Seitdem, so Schibath, habe ein großer Teil der Arbeit darin bestanden, mit den Nachbar*innen und Nutzer*innen in Kontakt zu bleiben. »Wir haben ›Kultur to go‹ vor dem Haus installiert«, berichtet Schibath. »Wir haben jeden Tag Bücher aus unseren Büchertauschregalen oder Kochrezepte ausgelegt. Die Mitglieder der Schreibgruppe, die sich regelmäßig getroffen hatte, haben dort Gedichte mit hingelegt.« Diese Angebote hätten den Menschen Begegnungsmöglichkeiten gegeben und seien gut angenommen worden.

»Das beißende Gefühl der Einsamkeit ist eine unwillkommene Begleiterin für viel zu viele Europäer*innen.« Diesen Satz hat die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Dubravka Šuica, im Mai 2020 gesagt - zu einem Zeitpunkt, als die erste Welle der Infektionen mit dem Coronavirus in der europäischen Welt abklang und die ersten Lockerungen nach monatelangem Lockdown manchen Menschen das Leben in der Pandemie wieder etwas erleichterten. Ein gutes Jahr später haben die Forscher*innen des Wissenschaftlichen Dienstes der Kommission auf die Bitte Šuicas hin, sie mit Daten zum Thema zu versorgen, diese vorgelegt und die Einsamkeit als Folge der Lockdowns untersucht. Ein Ergebnis: Durch die Pandemie hat sich das schon vor ihrem Beginn »besorgniserregende Ausmaß der Einsamkeit« noch einmal erhöht, heißt es in dem Papier. Demnach stieg die Zahl der EU-Bürger*innen, die sich einsam fühlen, von 12 Prozent im Jahr 2016 auf 25 Prozent in den ersten Monaten nach Ausbruch der Pandemie 2020. Eine Antwort auf die Entwicklung, die der Report abbildet und erläutert, ist das »React-EU«-Programm, eine aus Mitteln des EU-Sozialfonds finanzierte Investitionsoffensive zur Bewältigung der Corona-Folgen.

Die Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales fördert damit nun in Zusammenarbeit mit dem Verband sozial-kulturelle Arbeit (VskA) in allen Bezirken 36 Projekte der mobilen Stadtteilarbeit, um besagte Corona-Folgen aufzufangen. Insgesamt 9,3 Millionen Euro aus dem EU-Sozialfonds gehen zu gleichen Teilen an die Projekte. Sechs Pilotprojekte starteten bereits im Sommer, nun haben alle 36 ihre Arbeit aufgenommen. Zunächst soll herausgefunden werden, was in den Nachbarschaften gebraucht wird, dann sollen konkrete Angebote, die zum Kiez passen, entwickelt werden. Im Pankower Mühlenkiez treffen sich beispielsweise Nachbar*innen nun zum »Bordsteincafé« und im Lichtenberger Ortsteil Falkenberg wird gemeinsam auf der Straße gespielt.

Auch das Nachbarschaftsheim Schöneberg erhält Mittel des Programms. So wie in vielen anderen Nachbarschaftszentren hat man hier den Beginn der Pandemie besonders stark zu spüren bekommen.

Hannah Schneider arbeitet seit September für das Nachbarschaftsheim an der Umsetzung des EU-Projekts. »Gemeinwesenarbeit ist immer nötig, aber jetzt ist es umso nötiger, die Menschen zu unterstützen«, sagt sie. Anfang des kommenden Jahres wollen sie und ihre Kollegin sechs Wochen lang im Stadtteil von Tür zu Tür gehen, an sozialen Orten in Friedenau-Ost präsent sein, mit den Menschen ins Gespräch kommen. Wenige Fragen sollen das Gespräch eröffnen und leiten: Wie lange leben Sie schon hier? Leben Sie gerne hier? Was gefällt ihnen nicht so gut, und was können Sie tun, um das zu ändern?

»Es geht um die Unterstützung bei der Selbstorganisation und um die Frage, was wir gemeinsam tun können, um die Situation vor Ort zu verbessern«, erklärt Schneider. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit solle auf Älteren und Alten sowie Alleinerziehenden liegen. Die Folgen der Kontaktbeschränkungen zeigten sich erst jetzt, nach und nach, weiß auch Alexandra Schibath aus dem Jugendhilfebereich ihres Hauses. »Viele Kinder und Jugendliche sind verhaltensauffällig aus dem Lockdown zurückgekommen.«

Der VskA ist der Fachverband der Nachbarschaftsarbeit. Mitglied sind bundesweit Vereine, die Nachbarschaftshäuser betreiben. »Seit diesem Jahr setzen wir das EU-Projekt um. Das Geld kommt bei uns an, wir verteilen es auf die Teilprojekte, organisieren und beraten die Projekte fachlich«, sagt VskA-Geschäftsführerin Barbara Rehbehn zu »nd«. Menschen direkt anzusprechen und zu fragen, was sie sich in ihrem Kiez vorstellen, sei eine spezielle Form der Sozialen Arbeit, »für die viele nicht ausgebildet sind«, so Rehbehn. Deshalb biete der VskA auch Fortbildungen für die Beschäftigten an.

»Es sind viele Begegnungsorte weggefallen in den letzten zwei Jahren«, so Rehbehn. Was aber nicht überall gleichermaßen neu entstehe, seien die Unterstützungsstrukturen in den Nachbarschaften. »Dafür brauchen wir die professionelle Begleitung, um herauszufinden, wo die Erschöpfung besonders groß ist, wo Einsamkeit verbreitet ist. An der Stelle können die mobilen Stadtteilarbeiter*innen aktiv werden.«

Im Wedding, in der Nähe des S-Bahnhofs Bornholmer Straße, liegt das Familienzentrum Fabrik Osloer Straße. Ein Bewegungsraum, ein kleiner Theatersaal und ein Begegnungscafé, in dem sich auch die Nähgruppe oder Gesprächsgruppen treffen - all diese Räume sind gerade menschenleer und sind es seit bald zwei Jahren.

Sabine Röseler arbeitet hier seit November im Projekt mobile Stadtteilarbeit. »Wir wollen mobile Standorte im Kiez errichten, um die Bevölkerung direkt anzusprechen und um wieder soziales Leben im Stadtteil zu gestalten«, ist ihr Plan für die kommenden Monate. »Wir machen hier ›hinausreichende Arbeit‹, das heißt, wir werden an unterschiedlichen Orten, an denen sich Menschen treffen, präsent sein«, so Röseler. Das könnten die Spielplätze an der Grüntaler Promenade sein, um Spielangebote für Kinder zu machen und mit Eltern ins Gespräch zu kommen oder auch Orten, an denen Senior*innen sich treffen. Gezielt wolle man auch diejenigen ansprechen, die vielleicht nicht in die Nachbarschaftshäuser kommen. Ein Weg, gerade ältere Menschen zu erreichen, sei die Netzwerkarbeit, der Kontakt beispielsweise zu und über Pflegestationen. »Die kompletten Folgen der Pandemie können wir noch gar nicht erahnen«, sagt Röseler. Auch deshalb sei es umso wichtiger, jetzt die Menschen proaktiv aufzusuchen.

»Wir können hier nicht sitzen und warten, dass die Leute zurückkommen, sondern wir als soziale Einrichtung müssen jetzt auf die Menschen zugehen, rein in die Kieze«, ergänzt Stadtteilkoordinatorin Maike Janssen.

Die anhaltend unsichere Situation mache auch die Beschäftigten im Schöneberger Nachbarschaftsheim »mürbe«, sagt Alexandra Schibath. Zwar hätten in einem so großen Nachbarschaftshaus alle ihre eigenen Arbeitsbereiche, so wie die Jugendarbeit, die Selbsthilfegruppen oder die Nähwerkstatt. Aber der Blick aufs »Große Ganze«, auf die Nachbarschaft sei ebenso wichtig. Dieser drohte in den zwei Pandemiejahren verloren zu gehen, weil der Aufwand, den eigenen Bereich zu organisieren, so viele neue Aufgaben mit sich brächte. »Wir müssen hier teilweise unsere Arbeit völlig neu denken«, so Schibath weiter.

Ob im Soldiner Kiez oder in Schöneberg: Gemeinwesen- und Nachbarschaftsarbeit ist seit Beginn der Pandemie extrem schwierig geworden. Viele eingeübte Strukturen funktionieren nicht mehr wie vor Corona, viele Menschen haben sich komplett zurückgezogen. Und neue Wege müssen erst entwickelt und erprobt werden. Nun wird auch das schwierig, weil mit der Omikronvariante die nächste große Infektionswelle vor der Tür steht. »Dass wir noch mal so auf Rückzug sind«, damit habe niemand gerechnet, als das Projekt geplant wurde, sagt Sabine Röseler.

Dennoch soll das Projekt »mobile Stadtteilarbeit« bis zum Sommer 2023 laufen. Was danach kommt steht in den Sternen. Aber dass die sozialen Folgen der Corona-Pandemie bis dahin aufgefangen sind, ist derzeit nur schwer vorstellbar.

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