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Ein leises Sterben

Nicht überrascht, aber enttäuscht: Hans Modrow über Michail Gorbatschow und das Ende der Sowjetunion

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 5 Min.
Hans Modrow
Hans Modrow

Waren Sie überrascht, als der russische Präsident Boris Jelzin am 26. Dezember 1991 die Auflösung der UdSSR verkündete?

Nein, denn der Zerfall der Sowjetunion kam nicht über Nacht, sondern bahnte sich an. Bereits nach der Bukarester Tagung der Mitgliedstaaten des Warschauer Vertrages im Juli 1989 zeigte sich, dass die Sowjetunion alle Bündnispflichten und ihre Verantwortung für das sozialistische Militärbündnis abgeben wollte. Das war auch schon mal ein klares Signal, dass sie nicht mehr bedingungslos hinter der DDR steht und auch die Unverletzbarkeit ihrer Grenzen nicht mehr verteidigen werde.

Am 25. Oktober 1989 verkündete dann der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow bei seinem Treffen mit dem finnischen Präsidenten Mauno Koivisto in Helsinki die sogenannte Sinatra-Doktrin, die den Staaten des Warschauer Vertrages eröffnete, sie sollten ihre inneren Angelegenheiten in Eigenregie regeln. Das war bereits ein Eingeständnis eigener Schwäche und wurde so auch im Westen interpretiert.

Der Name der Doktrin bezog sich auf den berühmten Hit von Frank Sinatra »My Way«. Jeder sollte seinen Weg gehen.

Damit war ein Prozess eingeleitet, der eine Eigendynamik entwickelte, was nicht bedeutet, dass er nicht zu stoppen gewesen wäre - wenn Gorbatschow gewollt hätte. Beim Gipfeltreffen in Malta im Dezember 1989 mit US-Präsident Georg Bush senior hat Gorbatschow kurzerhand den Kalten Krieg für beendet erklärt. Es war offensichtlich, dass er ohne seriöse inhaltliche Vorbereitung, ohne durchdachte Argumentation nach Malta geflogen war. Er schwafelte ein wenig über die große Weltpolitik und verließ als Verlierer den Schauplatz.

Ich traf Gorbatschow erstmals persönlich am 4. Dezember 1989 in Moskau, im Rahmen einer Beratung der Staaten des Warschauer Vertrages, zu der ich als Ministerpräsident der DDR anreiste. Über Nacht hatte sich in Berlin das ZK der SED aufgelöst, dem ich seit 1967 angehörte. Die Ereignisse überschlugen sich in der DDR und in anderen sozialistischen Staaten. Und ich gewann den Eindruck, dass Gorbatschow nicht mehr den richtigen Überblick hatte, wie mir dann mein zweites Treffen mit ihm am 30. Januar 1990 bestätigte.

Da wurden Sie von Gorbatschows Aussage vor der Weltpresse überrascht, die »Vereinigung der Deutschen« werde von der Sowjetführung nicht mehr »in Zweifel gezogen«. Er hat Sie nicht gewarnt?

Nein. Er hat mich auch nicht informiert über die Beratung am 26. Januar im Kreml, als er mit dem KGB-Chef Wladimir Krjutschkow sowie mit Außenminister Eduard Schewardnadse über die deutsche Frage gesprochen hat. Die DDR aufzugeben, war der entscheidende Schritt für das Ende der Sowjetunion. Damit hat sie ohne Not ihre starke Position als eine Siegermacht des Zweiten Weltkrieges aufgegeben. Eine Kapitulation ohnegleichen. Und damit hatte sie dann auch die schlechtesten Karten bei den folgenden Zwei-plus-Vier-Verhandlungen über die deutsche Vereinigung.

Meine Regierung hat am 1. März 1990 darauf gedrungen, dass die Frage der Bodenreform und anderer Entscheidungen der sowjetischen Besatzungsmacht 1945 bis 1949, also vor der Gründung der DDR, rechtens waren und rechtens bleiben müssen. Das war aus unserer Sicht die Voraussetzung, um überhaupt in den Vereinigungsprozess einzusteigen.

Sie haben alle DDR-Bürger ziemlich überrascht, als Sie am 2. Februar 1990 aus Moskau zurückkehrten und erklärten: »Deutschland, einig Vaterland.«

Das war die logische Konsequenz der Ereignisse, die ich bereits geschildert habe. Uns, das heißt mir und meiner Stellvertreterin Christa Luft, war bewusst, das alles, was jetzt geschieht, auf eine Eliminierung der DDR von der politischen Weltkarte hinausläuft. Unsere Überlegungen gingen nun dahin, einen Weg zur Vereinigung einzuleiten, der im Interesse der DDR-Bürger ist. Und ich bin bis heute überzeugt, dass unser Drei-Stufen-Plan, also eine schrittweise Entwicklung hin zur Vereinigung, besser gewesen wäre, als der überstürzte Beitritt oder Anschluss der DDR an die Bundesrepublik.Viele schwerwiegende Folgen, nicht nur für die Ostdeutschen, wären vermeidbar gewesen.

Wir wollten damals auch eine eindeutige Ansage, dass das vereinte Deutschland militärisch neutral sein wird. Darauf hat Gorbatschow anfangs auch bestanden, sich dies dann jedoch abschwatzen lassen.

Was hat Sie mehr betrübt: das Ende der DDR oder der Kollaps der UdSSR?

Natürlich war es zunächst der Untergang der DDR. Das Ende der Sowjetunion war ein Ereignis ganz anderer Dimension. Es betraf die ganze Welt und Weltordnung. Die Bilder vom Einholen der sowjetischen Flagge im Kreml am 1. Januar 1991, als die Auflösung der UdSSR offiziell in Kraft trat, haben sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt. Dieser Akt symbolisierte den Abschluss eines Kapitels Menschheitsgeschichte, von sieben Jahrzehnten Sozialismus auf einem Sechstel der Erde. Im Nachhinein erscheint mir der Zerfall der einstigen Welt- und Supermacht Sowjetunion wie ein langsames, leises, schmerzhaftes Sterben.

Für mich sind der Untergang der DDR und das Ende der Sowjetunion untrennbar verbunden, das eine bedingte das andere. Gorbatschow hat fatalerweise nicht auf die Empfehlungen Valentin Falins, eines exzellenten Deutschland-Kenners, gehört. Falin hatte Gorbatschow zu überzeugen versucht, die DDR, wenigstens als Faustpfand für die Sicherung ureigener Interessen der Sowjetunion, nicht so einfach aus der Hand zu geben. Vor dem legendären Strickjackentreffen von Kohl und Gorbatschow am 16. Juli 1990 in einem Kurort im Kaukasus bat er ihn noch einmal eindringlich, vom Bundeskanzler mindestens 100 Milliarden D-Mark für die Zustimmung zur Einheit zu fordern. Gorbatschow tat es nicht, obwohl die wirtschaftliche Lage in der Sowjetunion katastrophal war.

Falin hat übrigens mir gegenüber bereits am 23. August 1991 das Ende der UdSSR prophezeit. An jenem Tag trat Gorbatschow, von Jelzin gezwungen, als KPdSU-Generalsekretär zurück. Die einst mächtigste und mitgliederstärkste kommunistische Partei der Welt wurde von Jelzin verboten und zur verbrecherischen Organisation erklärt, obwohl er ihr jahrzehntelang angehört hatte.

Das muss für Sie, mit der Sowjetunion seit ihrer Jugend verbunden, bitter gewesen sein.

Ich war vier Jahre lang Kriegsgefangener in der Sowjetunion, habe eine Antifa-Schule besucht und 1953, als Stalin starb, mein Studium an der Komsomol-Hochschule in Moskau abgeschlossen. Ich hatte das volle Vertrauen der sowjetischen Seite und meinerseits volles Vertrauen in die sowjetischen Genossen. Ich bin der Sowjetunion für ihren Kampf gegen Hitlerdeutschland, für unsere Befreiung vom Faschismus, die 27 Millionen Sowjetbürger das Leben kostete, auf ewig dankbar. Deutsche stehen gegenüber den Völkern der ehemaligen UdSSR in untilgbarer Schuld.

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