»Die Lichter werden nicht ausgehen«

Energieexperten sehen im Ende der Atomkraft Chancen für Ausbau von erneuerbaren Energien

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 4 Min.
Windenergie statt Atomkraft soll im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel zukünftig die Stromversorgung sichern.
Windenergie statt Atomkraft soll im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel zukünftig die Stromversorgung sichern.

Die einen wollen feiern, andere werden trauern. Nach knapp 37 Jahren Betriebszeit wird das Atomkraftwerk Grohnde im niedersächsischen Kreis Hameln-Pyrmont am 31. Dezember für immer abgeschaltet. »Wir werden uns Silvester ab 23 Uhr vor dem AKW-Tor treffen und runterzählen«, sagt Peter Dickel von der »Regionalkonferenz Grohnde abschalten«, in der atomkraftkritische Bürgerinitiativen aus der Region organisiert sind. »Um punkt Zwölf wollen wir auf die Stilllegung angestoßen, ohne Alkohol und Corona-konform.«

Drinnen im Kraftwerk werde dann niemandem zum Feiern zumute sein, sagt AKW-Leiter Michael Bongartz: »Für uns Kraftwerker ist das ein trauriger Moment, denn die Anlage ist in einem sehr guten Zustand. Wir haben unseren Auftrag, für eine sichere und verlässliche Stromversorgung zu sorgen, mit großer Leidenschaft erfüllt.« Diese Aufgabe müssten nun andere übernehmen.

»In den vergangenen fast 37 Jahren haben wir in Grohnde mehr Strom erzeugt als jedes andere Kraftwerk auf der Welt«, fügt Bongartz hinzu. Seit der ersten Netzsynchronisation am 5. September 1984 sei der Reaktor insgesamt »acht Mal Weltmeister« in der Jahresstromerzeugung gewesen und habe dabei »zwei Mal einen Weltrekord« aufgestellt.

Das Kraftwerk habe eine durchschnittliche Verfügbarkeit von gut 91 Prozent aufgewiesen - auch dies ein Spitzenwert im internationalen Vergleich. Ein weiterer Rekord sei im Februar 2020 mit der Erzeugung der 400-milliardsten Kilowattstunde hinzugekommen.

Atomkraftgegner machen eine andere Bilanz auf. Seit der Inbetriebnahme des Kraftwerks habe es dort 262 meldepflichtige Ereignisse gegeben, berichtete der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). 1985 fiel bei einer Revision auf, dass das Hochdruck-Notkühlsystem nicht funktionierte, weil eine der vier Pumpen Gas statt Wasser enthielt. Ein Leck im Primärkühlkreislauf, befand der Umweltverband BUND, hätte damals »zur Kernschmelze und damit zum Super-GAU führen können«.

2017 seien »unerwartete Oxidationen an Brennelementen« aufgetreten, erklärt die Anti-Atom-Organisation »ausgestrahlt«. »Bis heute weiß niemand genau, welche Vorgänge im Reaktorkern dazu geführt haben. Keines der aufwendigen Simulationsprogramme hatte sie vorhergesagt.«

Anwohner verwiesen auch auf Gefahren durch Einwirkungen von außen, etwa durch einen terroristischen Anschlag auf das AKW und das auf demselben Gelände errichtete Zwischenlager. 2015 beantragten sie beim Land Niedersachsen die vorzeitige Abschaltung, über eine nachgereichte Klage wurde nicht mehr entschieden.

Bereits der Bau des AKW Grohnde war heftig umkämpft. Bei schweren Auseinandersetzungen am Bauplatz wurden am 19. März 1977 Hunderte Demonstranten und Dutzende Polizisten teils schwer verletzt. Im Juli 1977 errichteten Bürgerinitiativen auf dem geplanten Kühlturmgelände ein Anti-Atom-Dorf, in dem sogar eine Hochzeit gefeiert wurde. Ende August rückten 1500 Polizisten an und zerstörten die über 20 Hütten, ein Windrad, einen Backofen und den Stall für das Dorfschwein »Genscher«.

Neben Grohnde gehen mit Brokdorf in Schleswig-Holstein und Gundremmingen-C in Bayern zeitgleich zwei weitere der sechs noch betriebenen kommerziellen Atomreaktoren vom Netz. Deutschland verliert damit seinen Platz als zweitgrößter Atomstrom- und Atommüllproduzent in der Europäischen Union. Die drei letzten AKW - Isar-2, Neckarwestheim-2 und Emsland - werden in einem Jahr abgeschaltet. Droht spätestens dann eine Versorgungslücke, wie sie von Kernkraft-Lobbyisten seit einiger Zeit an die Wand gemalt wird?

Nein, heißt es beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die Abschaltung der verbliebenen sechs Atomkraftwerke werde keine nennenswerten Auswirkungen auf die Stromkapazitäten in Deutschland haben, sagt DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert: »Die Lichter werden nicht ausgehen.« Vielmehr ebne das Aus für die Atomkraft den Übergang zum längst überfälligen Ausbau der erneuerbaren Energien.

Die sechs noch laufenden AKW haben zusammen eine Netto-Kapazität von rund 8000 Gigawatt. Dem DIW zufolge produzierten sie 2020 insgesamt 11,3 Prozent des Stroms in Deutschland. Nach Vollendung des Atomausstiegs sei zwar kurzfristig mit einem höheren Einsatz fossiler Energien - also von Kohle- und Gaskraftwerken - sowie Stromimporten zu rechnen. Der damit verbundene vorübergehende Anstieg werde aber durch einen beschleunigten Ausbau von Photovoltaik, Windkraft und anderen Erneuerbaren schnell ausgeglichen werden.

Ähnlich äußert sich die Denkfabrik Agora Energiewende. Um die Versorgungssicherheit brauche sich niemand Sorgen machen, wenn die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen. Allerdings müsse, damit die wegfallenden Atomstrommengen durch Erneuerbare Energien kompensiert werden, in den kommenden Monaten der Ausbau von neuen Wind- und Solaranlagen massiv beschleunigt werden.

In Grohnde bereiten sich die Kraftwerker unterdessen auf die Zeit nach der Abschaltung vor. Mit dem Ende des Regelbetriebes beginnt dort die Phase des Rückbaus. Der Betreiber PreussenElektra rechnet damit, dass allein der Abriss des nuklearen Teils rund 15 Jahre dauern wird. Dazu kämen noch rund zwei Jahre für den Abbruch der Gebäude. Der Rückbau sei ein »hoch komplexes Unterfangen«, sagt Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD). Er sieht das Land in der Pflicht, den flüssigen Ablauf aller Genehmigungsverfahren zu gewährleisten, rechtzeitig für die entsprechenden Lagerkapazitäten zu sorgen und den Abriss so zu einer Erfolgsgeschichte zu machen.

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