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Die Leser sind unser wichtigstes Kapital

Eine Ära der Zeitung geht nach 30 Jahren zu Ende, eine neue beginnt: Ein Rückblick und ein Ausblick auf die Zukunft

  • Von Olaf Koppe
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Pressefeste waren alljährlich ein großer Anziehungspunkt, nicht nur für Leserinnen und Leser des »nd«.
Die Pressefeste waren alljährlich ein großer Anziehungspunkt, nicht nur für Leserinnen und Leser des »nd«.

Mit dem heutigen Tag, dem 31. Dezember 2021, stellt die Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH nach über 30 Jahren ihre wirtschaftliche Tätigkeit ein. Herausgeberschaft und wirtschaftliche Verantwortung für die Zeitung »neues deutschland«, seit einiger Zeit bereits erscheinend unter den Labels »nd.DerTag« und »nd.DieWoche«, gehen über auf die neu gegründete nd.Genossenschaft eG. Diese Zäsur gehört neben der Unternehmensneugründung 1990 zu den gravierendsten in der Geschichte der inzwischen 75 Jahre alten und sich trotzdem permanent »verjüngenden« Tageszeitung. Es gehört sicher zum größten Verdienst der ND GmbH, die Zeitung in den letzten drei Jahrzehnten allen Widrigkeiten und Widerständen zum Trotz auf dem deutschen Zeitungsmarkt gehalten zu haben.

Über diesen permanenten Kampf, der stets gegen die sinkende Auflage und damit um die wirtschaftliche Existenz der sozialistischen Tageszeitung geführt werden musste, ist in den letzten Jahren viel und regelmäßig geschrieben worden.

Unvergessen bleibt die Rettungsaktion der Leserinnen und Leser Anfang der 90er Jahre, als der Zeitungsverlag ohne finanzielle Mittel aus der Treuhandverwaltung in den bereits hart umkämpften deutschen Zeitungsmarkt »entlassen« wurde. Über eine Million D-Mark spendeten damals Leserinnen und Leser der Zeitung. Mit dem Geld konnten notwendige Investitionen in die technische Basis getätigt und damit die Voraussetzungen geschaffen werden, um die Zeitung überhaupt weiter produzieren zu können.

Verlag und Zeitung war bewusst, dass sie auf die dauerhafte Solidarität insbesondere der Abonnentinnen und Abonnenten angewiesen waren, dass diese ihr wichtigstes Kapital waren - und es nach wie vor sind. Ohne diese Solidarität wird auch die nd-Genossenschaft nicht existieren können. Ist sie doch Voraussetzung dafür, dass auch schwierige Situationen, zum Beispiel im Vertrieb der Zeitung, durchgestanden werden können.

Ende der 90er und Anfang der Nullerjahre gelang es, den fragilen Abo-Vertrieb - »nd« hat keine eigene Zustellorganisation - durch Kooperation mit vor allem ostdeutschen Regionalzeitungen auf einigermaßen stabile Füße zu stellen. In den letzten Jahren ist dieses Vertriebssystem aufgrund der allgemeinen Marktentwicklungen - unter anderem Auflagenverfall und Einführung des Mindestlohns auch bei den Zeitungszustellern (was wir als Zeitung natürlich ausdrücklich begrüßt haben) - immer wieder Strapazen ausgesetzt, die auch den Leserinnen und Lesern oft eine enorme Geduld abverlangen.

Da macht es sich bezahlt, dass die Zeitung nach wie vor eine hohe Leser-Blatt-Bindung aufweisen kann. Um diese zu festigen, wurde in den letzten 30 Jahren eine Fülle an Aktivitäten ins Leben gerufen, von denen einige bis heute erhalten geblieben sind, andere aus Kostengründen oder jüngst wegen der Corona-Pandemie nicht zu halten waren - wie die jährlichen Pressefeste »nd live« am Berliner Verlagsstandort, in der Kulturbrauerei oder am Rosa-Luxemburg-Platz. Auf eine besonders erfolgreiche Tradition weisen auf den Seiten 4 und 5 Heidi Diehl und Frank Diekert hin: die nd-Leserreisen.

Aber auch vielfältige Veranstaltungen am Franz-Mehring-Platz und außerhalb trugen und tragen zu dieser engen Leser-Blatt-Bindung bei. Manche, die die Leserinnen und Leser vor allem im Berlin-Brandenburger Raum nicht mehr missen möchten, haben sich fest etabliert, zum Beispiel die nd-Wanderungen, die nd-Im-Club-Veranstaltungen, der nd-Literatursalon mit Irmtraud Gutschke, der nd-Filmclub im Kino »Toni«, die Beteiligung am Hofkino-Sommer, eine Vielzahl von Foren und Gesprächsformaten mit Redakteurinnen und Redakteuren der Zeitung. Dabei war es in den letzten zwei Jahren angesichts der Corona-Pandemie nicht einfach, solche Aktivitäten weiterhin anzubieten. Ich bin aber davon überzeugt, dass die nd-Genossenschaft auf diesem Gebiet vieles erhalten und weiterführen wird.

So kann ich hier zumindest schon verraten, dass auch im kommenden Jahr der nd-Filmclub im Kino »Toni« in Kooperation mit der Defa-Stiftung, dem Berliner Film- und Fernsehverband sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung fortgesetzt wird. Darüber werden wir in der nächsten »nd.Commune« im Januar noch ausführlicher berichten.

Auf die ersten Termine möchte ich hier schon einmal hinweisen: Am Mittwoch, dem 26. Januar 2022, werden wir den Konrad-Wolf-Film »Goya oder der arge Weg der Erkenntnis« aus dem Jahr 1971 zeigen, der in Koproduktion zwischen Defa und dem sowjetischen Lenfilm-Studio entstand. Für den Film schrieb Angel Wagenstein auf der Grundlage des gleichnamigen Romans von Lion Feuchtwanger das Drehbuch. Die Aufführung ist ein Wiedersehen mit vielen bekannten internationalen und DDR-Schauspielern, darunter Donatas Banionis in der Titelrolle des Goya, Olivera Katarina, Fred Düren, Rolf Hoppe, Ernst Busch, Wolfgang Kieling, Martin Flörchinger, Arno Wyszniewsi und die großartige Tatjana Lolowa. Als Gesprächspartner wird Moderator Paul Werner Wagner den bekannten Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel zu Gast haben.

Bereits einen Tag später, am 27. Januar, gibt es im »Toni« aus Anlass des Holocaust-Gedenktages die Filmpremiere des Dokumentarfilms »Gertrud Kolmar - Wege durch Berlin« von Sven Boeck, der an diesem Abend als Gesprächspartner auch zu Gast sein wird. Der Film erzählt die Lebensgeschichte der jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar, die 1943 im KZ Auschwitz ermordet wurde. Sie war von 1941 bis 1943 als Zwangsarbeiterin in einer Berliner Pappenfabrik eingesetzt. Hier findet sie die letzte Liebe ihres Lebens. Der Film folgt den Beschreibungen von Orten und Wegen in den Briefen Kolmars und sucht sie im Berlin von heute.

Liebe Leserinnen und Leser, gestatten Sie mir ein paar persönliche Worte. Mit der Einstellung der wirtschaftlichen Tätigkeit der ND GmbH zum 31. Dezember endet auch meine Tätigkeit als Verlagsleiter, die letzten Jahre zugleich auch Vertriebs- und Anzeigenleiter. Der nd-Genossenschaft werde ich in den nächsten Monaten noch beratend und unterstützend zur Seite stehen, aber die Verantwortung für die genannten Bereiche der Verlagsarbeit übernehmen künftig andere. Denen wünsche ich nicht nur viel Glück, sondern auch Erfolg. Die 29 Jahre beim »nd« haben mich geprägt, sie haben mir viel Freude, aber naturgemäß auch hier und da Ärger bereitet. Was ich aber in bleibender Erinnerung behalten werde, sind die vielen wunderbaren Begegnungen mit den Leserinnen und Lesern dieser Zeitung. Sie vor allem haben mir die Kraft gegeben, immer wieder an dieses einzigartige Zeitungsprojekt zu glauben.

Machen Sie’s gut und bleiben Sie nicht nur gesund, sondern der Zeitung auch weiterhin gewogen.

Olaf Koppe war langjähriger Geschäftsführer, zuletzt Verlagsleiter der ND GmbH.

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