Das Transgender-Grenzregime

Jeja nervt: Das Unverständnis für antifaschistische Sexualpolitik

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Vergangene Woche gab es in Reaktion auf meine Kolumne wieder große Schelte vonseiten der Leser*innen. Ich schrieb, dass der sich gegen trans Frauen richtende Sexualgrusel faschisierend sei. Der Grund: In ihm gehen Anteile auf, die bereits im Antisemitismus eine Rolle spielen.

Eine geäußerte »Kritik« will ich gesondert aufgreifen. Sie ging in etwa in die Richtung, dass sich Trans wie ich nun schon zu einer Art »neue Juden« stilisierten. Meine Kolumne wurde dementsprechend als Meilenstein für den fortschreitenden Wahnsinn des »radikalen Transaktivismus« gewertet. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund interessant, dass die wichtigste intellektuelle Mutter der Transhasser*innen-Bewegung, Janice Raymond, ihr ganz eigenes Verhältnis dazu hat. Im Rückgriff auf die katholische Theologin Mary Daly spricht Raymond in ihrem jahrzehntealten Werk »The Transsexual Empire« nämlich davon, dass transgeschlechtliche Frauen die »Endlösung« für Frauen darstellten.

Raymond argumentiert, dass männliche Fantasien schon immer darum kreisten, sich die Fähigkeit zum Gebären anzueignen. In einem mythischen Akt gehe es ihnen dann jedoch nicht darum, Kinder zu bekommen, sondern sich selbst zu gebären. Sie wollten so der Demütigung entkommen, von Frauen abzustammen. Demnach bestehe, so Raymond, und ich stimme zu, im Patriarchat ein grundlegender Neid auf die weibliche Schöpfungskraft, die für Kultur und Harmonie sorge. Die »wahre Energiequelle« dieser weiblichen Kraft verortet sie im »weiblich-identifizierten Selbst« der Frauen, das in lesbisch-feministischen Kreisen zur Geltung komme.

Beim Phänomen der Transgeschlechtlichkeit gehe es entsprechend darum, den Affront, den lesbische Sexualität für das Patriarchat darstellt, zu unterlaufen. Dazu konstruierten männliche Ärzte transgeschlechtliche Frauen, um die Sinne von cis-Frauen zu vernebeln, sie zu verführen und Zugriff auf ihre weibliche Energie zu erhalten.

Beim Brechen der Grenzen dieser Lesben geht es jedoch nicht vorrangig um die Überwindung persönlicher sexueller Grenzen, sondern um die ideelle Grenze zwischen den Geschlechtern. Diese benötigten Frauen, um sich, in Abgrenzung zu patriarchalen Ideen vom Frausein, selbst als Frauen zu identifizieren: Identitätspolitik also.

In der Raymond’schen verschwörungstheoretischen Vorstellung von Patriarchat ist bereits eine Verwischung dessen angelegt, was die Überwindung persönlicher Grenzen und die Migration über die Grenze zwischen den Geschlechtern bedeutet. Da ist es nur konsequent, dass sich im sich »radikalfeministisch« labelnden Milieu ein tiefes Misstrauen gegen weibliche Erfahrung von Betroffenheit erhalten hat. Das hat sich etwa im Zuge der MeToo-Bewegung als bisweilen schrille Entsolidarisierung mit denen entladen, die ihre Peiniger öffentlich anprangerten. Es passt auch dazu, dass sich im Milieu Zeter und Mordio darum ranken, wo transgeschlechtliche Frauen aufs Klo gehen könnten, während die unvorstellbaren Zahlen allein im Hellfeld der Vergewaltigung kaum mobilisierend wirken.

Solche Identitätsfantasien der Nivellierung sexueller Gewalt finden sich, nicht zufällig, auch im NS-Antisemitismus wieder. 1935 wurde die sogenannte Rassenschande verboten, also der sexuelle Kontakt insbesondere zwischen Juden und »arischen« Frauen. Hier kamen zwei Gedanken zusammen. Erstens: der jüdisch-männliche Sexualtrieb, der auf die »Verführung« von (»arischen«) Frauen ausgerichtet sei. Zweitens: der jüdische Plan, sich durch Assimilation und Einbringung in den »arischen« Genpool der Identifizierung als von außen stammende Jüd*innen zu entziehen und die biologische Identität der Deutschen durch Grenzverwischung zu beenden.

Die libidinöse Rolle, die die Grenze und ihre Penetration durch Migration in autoritären Charakteren spielt, hat übrigens Klaus Theweleit treffend analysiert – als Männerfantasie.

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