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Der Transgender-Golem

Jeja nervt: Die lange Tradition der Transfeindlichkeit

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Brigitte Macron, die Ehefrau des französischen Präsidenten, geht juristisch gegen eine gegen sie gerichtete Kampagne vor. Rechte und Rechtsradikale, Impfgegner und Anhängerinnen des QAnon-Glaubens verbreiten die Behauptung, dass Macron transgeschlechtlich, also »eigentlich ein Mann« sei. Schon Michelle Obama musste das über sich ergehen lassen.

Die zugrunde liegende Idee, dass sich transgeschlechtliche Frauen auf betrügerischem und sexuellem Wege die politische Macht unter den Nagel reißen, ist die Spitze eines Eisbergs an latent faschistischen Fantasien, die um solche Frauen kreisen. Er ragt weit über rechte Milieus hinaus und hat mit seinen subtilen sexualpsychologischen Grundlagen querfrontlerisches Potenzial. In den USA etwa stehen der Status und die Rechte von Trans im Mittelpunkt eines Kulturkampfes. Mit diesem gelingt es der republikanischen Rechten, verstärkt nach dem Ende der Trump-Präsidentschaft, Menschen zu mobilisieren. Sie hat das Trans-Thema als Schwach- und Hebelpunkt der Linken und Liberalen erkannt, über den diese sich spalten lassen. Die politische Basis wird gegen einen hinterlistigen, unnatürlichen und übermächtigen, die »Wahrheit« des Lebens und der Sexualität angreifenden Feind versammelt.

Kein Wunder also, dass die transhassende Blase auch von antisemitischen Momenten oder gleich offenem Antisemitismus durchsetzt ist. Die Parallelen zwischen den Fantasien über transgeschlechtliche Frauen und über Jüd*innen würden dabei besser verstanden, wenn das sexualpolitische Moment des NS-Antisemitismus eine größere Rolle in unserer politischen Bildung spielen würde. Denn an den Sexualgrusel der Normalbevölkerung anknüpfende judenfeindliche Bilder haben eine wichtige Rolle in der Massenmobilisierung gespielt.

Die Rechte in den USA erkennt in der Transgeschlechtlichkeit so auch eine jüdisch-marxistische Strategie der Destabilisierung. Die Bevölkerung soll in ihrem intuitiven Wissen um die menschliche Existenz und Natur erschüttert und so einer neuen Weltordnung hörig gemacht werden. Geraunt wird etwa, dass deutsch-jüdische, der Frankfurter Schule nahestehende Flüchtlinge die Idee von Transgeschlechtlichkeit überhaupt erst in die USA gebracht hätten. Tatsächlich hatten deutsche Sexualwissenschaftler ihren Anteil daran, dass die Staaten in den 60er Jahren das Zentrum der medizinischen Unterstützung von Trans geworden sind. Das hatte zuvor in Berlin gelegen. Bis 1933.

Dass jüdische Weise sich angeblich zu Göttern aufschwingen und die Herrschaft über das Leben anstreben, ist kein neuer Gedanke. In der Golem-Legende, die auch von Antisemiten mit entsprechenden Konnotationen lebendig gehalten wird, formt der Prager Rabbi Judah Löw einen stummen Diener aus einem Lehmhaufen. Die finalen Worte des Erweckungsrituals aus der Genesis: »Und Gott blies ihm den lebendigen Atem in die Nase, und der Mensch erwachte zum Leben.« Die Magie, die das zuwege bringt, wurzelt in der hebräischen Buchstabenmystik. Es ist also das Spiel mit Sprache (Gendern!), das es den Weisen erlaubt, das Leben zu manipulieren.

In der antisemitisch aufgeladenen Transfeindschaft wird daraus die populäre Legende, die aus einer jüdischen Familie stammende Judith Butler habe mit ihrem sprachphilosophischen »Das Unbehagen der Geschlechter« 1990 eine Art Transgender-Bibel geschrieben - oder das Phänomen Trans überhaupt erst erfunden.

Oder die einflussreiche »Gender-Critical«-Bewegte Jennifer Bilek - die hat die reichen, mächtigen Männer »hinter« dem Transgender-Phänomen erkannt und aufgezählt. Es sind Namen wie die von Bill Gates und George Soros, reiche Unternehmer und »Pharmaindustrielle«, Chiffren des Antisemitismus. Sie finanzieren die Ärzte, die Geschlechter pharmazeutisch und chirurgisch »umwandeln«. Und jetzt können Sie auch erahnen, warum transfeindlicher Sexualgrusel so eine starke Anziehungskraft auf Impfgegner, Querdenkerinnen, die Rechte, einige »Linke« und »Feministinnen« sowie die gesamte ,die Natur menschlichen Daseins romantisierende Querfront ausübt.

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