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Es bleibt kompliziert

Neun Corona-Ausfälle: Bayern-Trainer Nagelsmann ist zum Auftakt der zweiten Halbserie gefordert

  • Von Maik Rosner, München
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei diesem Thema wolle er nicht sagen, dass er »aggressiv« werde, sagte Julian Nagelsmann, aber »ein bisschen kribbelt’s in mir«. Es ging um die Frage, ob und welche Urlaubsregeln den Spielern des FC Bayern mitgegeben worden seien. Er, Nagelsmann, sei »kein Kindergärtner« oder nein, besser: »kein Erzieher«. Er sei Fußballtrainer, erinnerte Nagelsmann, und man habe durchweg »Spieler, die in einem mündigen Alter sind und natürlich eine gewisse Eigenverantwortlichkeit haben«. Man habe überdies alle Verhaltensempfehlungen und Corona-Regeln wie immer besprochen, zudem seien Urlaubsreisen nicht gesetzlich verboten.

Es wurde deutlich, dass sich Nagelsmann schützend vor seine Belegschaft stellen wollte nach den jüngsten neun Corona-Infektionen, von denen einige im Urlaub der Spieler festgestellt worden waren. Immerhin konnte noch ein Rumpfkader am Donnerstag trainieren. Damit stand für den Moment fest, dass das Gesundheitsamt der Stadt München keine Quarantäne angeordnet hatte. Der Rückrundenauftakt der Bundesliga an diesem Freitag gegen Borussia Mönchengladbach kann demnach stattfinden. Es sei denn, es kommen noch weitere Infektionen hinzu und der FC Bayern kann nicht mehr die laut Ligaspielordnung erforderlichen 16 spielberechtigten Akteure zusammenkratzen. Diese müssen allerdings nicht alle spielfähig sein, auch verletzte und gesperrte Spieler werden hinzugezählt. Auf dieser Liste der 16 Akteure müssen sich mindestens neun Lizenzspieler befinden, darunter ein Torwart.

Zumindest am Donnerstag sah es nicht nach Worst-Case-Szenario aus: Niklas Süle hatte nach Rückenproblemen wieder mittrainiert, Leon Goretzka wird hingegen verletzt ausfallen wie auch Josip Stanisic (Reha) und die Afrika-Cup-Starter Eric Maxim Choupo-Moting und Bouna Sarr. Dafür trainierten sieben Amateur- und Nachwuchskicker mit. Die 16-Jährigen Paul Wanner und Arijon Ibrahimovic (nicht verwandt mit Zlatan Ibrahimovic) hatte Bayern kurzfristig aus dem Trainingslager der deutschen U17-Nationalmannschaft in Südspanien einfliegen lassen.

Definitiv verzichten muss Nagelsmann auf die mit Corona infizierten Profis Manuel Neuer, Dayot Upamecano, Lucas Hernández, Alphonso Davies, Leroy Sané, Kingsley Coman, Corentin Tolisso, Tanguy Nianzou und Omar Richards. Und das vor jenem Spiel, in dem die Münchner das 0:5-Pokaldebakel bei der Borussia vom Oktober geraderücken wollen. »Es gibt schon Revanche-Gedanken«, sagte Nagelsmann, »ich will trotzdem gewinnen.« Gegen den Angstgegner, gegen den die Bayern die meisten Niederlagen in der Bundesliga angehäuft haben. Sofern nichts mehr passiert, steht Nagelsmann aber immer noch eine erlesene Startelf zur Verfügung, von Weltfußballer Robert Lewandowski über Thomas Müller bis hin zu Joshua Kimmich, der nach seiner Covid-Erkrankung laut Nagelsmann voll belastbar ist: »Top körperliche Werte« habe Kimmich und sei »sehr, sehr fit«.

Trotz dieser guten Nachricht entwickelt sich der Start ins Halbjahr der Entscheidungen für Bayerns Trainer noch komplizierter als seine erste Saisonhälfte beim neuen Arbeitgeber. Der 34-Jährige war ja anfangs mehr als Moderator außersportlicher Themen gefordert gewesen denn in seiner hauptamtlichen Aufgabe als Fußballlehrer, für die ihn die Münchner mit mehr als 20 Millionen Euro von RB Leipzig abgeworben hatten. Dass er beide Arbeitsbereiche, den als Krisenkommunikator und den als Cheftrainer, bisher überwiegend bravourös bewältigte, veranlasste Uli Hoeneß bereits zu einer Art Ritterschlag. Nagelsmann sei »einer der besten Einkäufe« in der Vereinsgeschichte, befand Hoeneß in der Münchner »Abendzeitung«.

Zudem vertritt Nagelsmann den Verein ohne Murren bei Themen, bei denen eher seine Vorgesetzten, der Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidžić oder Präsident Herbert Hainer gefragt wären. Vor allem in der Debatte um das Sponsoring durch Qatar Airways oder in der Impfdebatte um Kimmich musste Nagelsmann zunächst für AG und e.V. sprechen.

»Es gab schon mal einfachere Zeitpunkte, Bayerntrainer zu werden. Es ist schon ein Durchschlängeln«, räumte Nagelsmann zwischendurch ein, als er überwiegend als eloquenter »Außenminister« des FC Bayern gefragt war. Doch zu klagen ist seine Sache nicht. Loyal sagte er: »Wenn du einen Weltverein übernimmst als Trainer, gehören eben auch politische Themen ab und zu dazu.« Und er habe ja »immer noch ein sehr gutes Energie-Level« sowie »genug Kapazitäten«. Ein bisschen kribbelt’s allerdings manchmal schon in ihm.

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