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Arm, schlau und sexuell gewalttätig

Jeffrey Epstein hat über 20 Jahre Minderjährige sexuell ausgebeutet. Seine Partnerin Ghislaine Maxwell wurde wegen Menschenhandels verurteilt

  • Von Anjana Shrivastava
  • Lesedauer: 9 Min.
Die Klärung der Schuldfrage bei sexueller Gewalt kann erscheinen wie eine Runde »Stuhltanz«. Die Frage ist: Wer nimmt die Stühle weg?
Die Klärung der Schuldfrage bei sexueller Gewalt kann erscheinen wie eine Runde »Stuhltanz«. Die Frage ist: Wer nimmt die Stühle weg?

Palm Beach und West Palm Beach, zwei Städte in Florida, liegen nebeneinander. Palm Beach liegt direkt an der Atlantikküste, West Palm Beach nicht. In Palm Beach beträgt das Durchschnittseinkommen pro Kopf rund 200 000 Dollar im Jahr, in West Palm Beach dagegen rund 34 000 Dollar. Der Multimillionär Jeffrey Epstein besaß eine Villa in Palm Beach, die er für 6,8 Millionen Dollar gekauft hatte. Die Mädchen und jungen Frauen, die zu ihm kamen und »Massagen« gegen Bargeld tauschten, wohnten in der Regel in West Palm Beach, teilweise in betreuten Wohnungen, teilweise noch bei ihren Eltern.

Die Amerikaner sagen gerne: »All politics is local«, jede Politik ist Lokalpolitik. Im Fall der sexualisierten Gewalt Epsteins stimmt dieser Spruch besonders. Die Missstände waren schon im Jahr 2005 offensichtlich, stadtbekannt und von der Polizei protokolliert: Mädchen kamen scharenweise von West Palm Beach nach Palm Beach. Epstein und seine Anwälte hatten allerdings beteuert, niemand hätte die Mädchen gezwungen. Sie wurden bezahlt, sogar großzügig. Aber auch in den deregulierten Verhältnissen des Neoliberalismus gibt es keinen freien Markt in der Liebe mit Minderjährigen. Da gibt es eine Grenze zur Entgrenzung.

Im Jahr 2005 erhielt Jeffrey Epstein in Palm Beach eine kurze Haftstrafe - mit operettenhaften Zügen: Ein Jahr lang saß er im offenen Vollzug. Sechs Tage in der Woche hatte er die Freiheit, im eigenen Büro zu arbeiten, als ob nichts wäre. Seine Anwälte hatten einen Deal mit dem FBI ausgehandelt. Danach kam die Finanzkrise, später die MeToo-Bewegung. Im Juli 2019 wurde Epstein am Flughafen in New Jersey verhaftet, gerade als er, aus Paris kommend, in seinem Privatjet gelandet war. Nun wurde seine Lage ernst. Kaum drei Wochen später beging er im Gefängnis Selbstmord. Seine Geschäftspartnerin und einstige Liebhaberin Ghislaine Maxwell flüchtete. Heute sitzt sie in New Yorker Haft und wartet auf die Strafverkündigung, nachdem eine Jury sie Ende des Jahres 2021 in fünf Fällen des Menschenhandels für schuldig erklärte. Anderthalb Jahrzehnte mussten vergehen, bis die Wahrheit von Palm Beach und die Wahrheit von West Palm Beach miteinander abgestimmt waren.

Auch Epstein war ein Kind der Ungleichheit - einer Ungleichheit, die sich durch diese Geschichte zieht. Er war das, was man in Deutschland einen Hochstapler nennen würde. Bis heute bleiben die Details seiner Vermögensentwicklung im Schatten. War er ein Milliardär? Oder hat Epstein den modernen Milliardär einfach bis zur Perfektion gespielt? Trump hat einen Turm in New York gebaut; für einen Mann wie Epstein war ganz New York schlicht eine Bühne.

Epstein ist in einem ärmeren Teil von Brooklyn, in Coney Island, aufgewachsen. Sein Vater war Gärtner. Er studierte einige Zeit, machte aber nie einen Abschluss. Stattdessen bekam er Ende der 70er Jahre eine Stelle als Mathematiklehrer in Manhattans feinster Mädchenschule. Da beobachtete Epstein das Leben der Reichen. Es erschien ihm luxuriös, teilweise aber auch verwahrlost. Die Mädchen der Privatschule wirkten oft unbeaufsichtigt und verloren. So schillernd war Epsteins mathematischer Unterricht, dass der Vater eines Kindes gesagt habe, Epstein sollte eher an der Wall Street arbeiten.

Vom Aktienhändler zum Vermögensverwalter für Milliardäre

Ein anderer Vater, Ace Greenberg, war zufällig Seniorpartner bei der Investmentbank Bear Stearns. Er engagierte Epstein. Dieser war das, was Greenberg gerade dringend suchte: PSD, »Poor, Smart and Dying to be Rich« (arm, schlau und fest entschlossen, um jeden Preis reich zu werden). Er entsprach schon zu dieser Zeit der Figur des Gordon Gekko aus dem Spielfilm »Wall Street« von 1987, die legendär wurde. Als Börsenhändler hatte Epstein den Kunden nicht nur Aktien verkauft, er konnte mit seiner mathematischen Begabung die Investitionen zudem steuerlich optimieren. Epstein fehlte es zwar an Beziehungen und Geld, aber er besaß kapitalistischen Geist. Im snobistischen New York war auch Donald Trump als »Roads and Bridges«-Mann verpönt, weil er als junger Mann von Queens nach Manhattan pendeln musste. Trump, privilegiert in Queens geboren, hat die Vermarktung des New Yorker Geistes der 80er perfektioniert. Und Epstein verkörperte diesen Geist.

Als Hochstapler blieb Epstein nirgendwo lange. Schon im Jahr 1981 verließ er Bear Stearns wieder. Er gründete eine Firma für Vermögensverwaltung und ließ wissen, dass er nur für Milliardäre arbeite. Es gibt Anekdoten, wie Epstein es verschmähte, Vermögen von 700 Millionen in die Hand zu nehmen. Er gab sich philosophisch: »Ich will, dass die Menschen die Macht, die Verantwortung, aber auch die Last des Geldes begreifen.« Es stimmt auch, dass er bald eine Waffe tragen durfte - wegen seiner manchmal heiklen Einsätze.

Seit dieser Firmengründung bleibt das Wissen über Epstein eher schemenhaft. Er arbeitete als rechte Hand für Milliardäre wie Leslie Wexner, Gründer der Modemarke Victoria’s Secret. Epstein wohnte in Wexners Stadthaus, das als größte Privatresidenz Manhattans gilt. Die Einrichtung dort wurde schnell legendär, dazu gehören ein Ölgemälde von einer Frau mit Opiumpfeife, die sich auf einem Löwenfell räkelt, und ein vergoldeter Schreibtisch, der dem berühmten Bankier J. P. Morgan gehört haben soll. Es wurde gemunkelt, Epstein lebe wie ein »moderner Maharadscha« - nur wovon, das wusste keiner so genau.

In dieser Zeit tritt Ghislaine Maxwell in Epsteins Leben. Sie hat alles, was er nicht hat. Sie ist in Reichtum in England geboren, sie hat in Oxford studiert und redet vornehm. Auch sie hat ein Haus in der Stadt, dort feiert sie Partys mit russischen Frauen aus der Halbwelt oder mit Prinz Andrew. Maxwell und Epstein beginnen eine Beziehung, die der Gesellschaft in Manhattan Rätsel aufgibt. Denn Epstein lebt weiter wie ein Junggeselle, verbringt jährlich 600 Stunden in Flugzeugen.

Epstein bringt einen Hauch von Silicon Valley nach Manhattan. Er kleidet sich eher schlicht, trägt nie Anzüge, reist stets mit persönlichem Yogalehrer, den Maxwell für ihn ausgesucht hat. Er meidet die Presse und hüllt sich in eine geheimnisvolle Aura.

Dann tut er etwas, was manche für seinen entscheidenden Fehler halten: Er bietet seinen Privatjet, eine Boeing 747, dem Team von Bill Clinton an, der gerade eine Reise nach Afrika plant. Clinton, der soeben sein Präsidentenamt hinter sich hat, will nach Afrika reisen, um auf die Immunschwächekrankheit Aids aufmerksam zu machen. Epstein bietet an, Clinton zu begleiten.

Danach kommen erste Huldigungen wie von Donald Trump in Zeitschriften wie dem »New York Magazine«: »Ein toller Typ, den ich 15 Jahre kenne«, so Trump über Epstein. »Er mag wie ich sehr schöne Frauen, und teilweise mag er schon sehr junge.« Ein Foto von Trump und Epstein, zusammen in Palm Beach, wo beide wohnen, wird bekannt. Die Zeitschrift berichtet, dass nach der Afrikareise ein Freund, vielleicht Trump selbst, von Epstein den folgenden Bericht bekam: »Wenn du ein Boxer wärst in einem Downtown-Fitness-Club in der 14th Street und Mike Tyson reinspaziert wäre, dann hätte dein Gesicht den gleichen Ausdruck wie das dieser ausländischen Politiker gehabt, als Bill Clinton das Zimmer betrat: Er ist der größte Politiker der Welt.«

Alles schien möglich, wenn man seine eigene Boeing 747 hatte. Es folgten die ersten Porträts von Epstein in Zeitschriften wie »Vanity Fair«. Stets war auch eine Notiz über Epsteins Vorliebe für junge Frauen zu finden, aber überall galt dies nur als Beiwerk.

Die große Hoffnung, vom Geld der Reichen etwas abzubekommen

In West Palm Beach gab es dagegen eine junge Frau, die wie Epstein unten angefangen hatte - und immer noch unten war. Doch träumte sie von Größerem. Es ist Haley Robson, sie wohnt mit ihren Eltern an einer nicht asphaltierten Straße neben einem Abwasserkanal, als ein Journalist des »New York Magazine« sie im Jahr 2007 aufsucht. Anfang der 2000er Jahre besuchte Robson 18-jährig Epstein in seiner Villa, danach wollte sie nicht wieder hin. Stattdessen wollte sie noch jüngere Mädchen zu Epstein bringen.

Für jedes Mädchen, das sie lieferte - dünn und schön sollten sie sein - verdiente sie 200 Dollar in bar. Im Polizeibericht steht, dass Robson wie Heidi Fleiss sein wollte, die berühmte Leiterin eines Callgirl-Rings in Hollywood während dieser Ära. So gesehen war auch Haley Robson PSD: Poor, Smart and Dying to be rich. Es war die Zeit der »Trickle Down«-Theorie, wonach der Wohlstand der Reichen unweigerlich nach unten durchsickern würde. Jedoch findet der modische Geist schnell seinen Weg nach unten, während die finanziellen Ressourcen eher langsam sickern.

Als Robson eine 14-Jährige nach einem Besuch bei Epstein nach Hause brachte, hatten sie zusammen 500 Dollar. »Wenn es so weitergeht, werden wir reich«, berichtete Robson der Polizei später von ihrem Erfolg. Die eigentliche Dienstleistung wurde immer umschrieben als »Massage«, aber mit offenem Ausgang. Bis zuletzt wurde von »Massagen« gesprochen, um die Mädchen leichter zu Aussagen zu bewegen. Ein anderes Mädchen berichtete der Polizei: »Ich dachte mir, wenn dies vorbei ist, dann wirst du so viel Geld kriegen.«

Die 14-Jährige identifiziert Epstein anhand eines Fotos gegenüber der Polizei in West Palm Beach. Das Polizeiprotokoll von damals beinhaltet schon alle Einzelheiten. Dennoch setzt nun die Legende ein, dass erst die akribische Reportage der Journalistin Julie K. Brown im »Miami Herald« die Wahrheit ans Licht gebracht habe. Die »New York Times« und der New Yorker Staatsanwalt Geoffrey Berman überhäufen Brown mit Lob, das sie sicher auch verdient. Bald gibt es eine HBO-Serie zu ihrem erfolgreichen Buch »Perversion of Justice«. Ihre Arbeit hat dem Fall juristisch neuen Schwung gegeben.

Es ist zwar eine schöne Story, dass eine Lokaljournalistin alle Missstände ans Licht bringt - aber dass die örtliche Polizei dieses schon längst getan hat, ohne große Aufmerksamkeit zu erhalten, ist eher eine unschöne Geschichte. Der Journalist Jose Lambiet aus Florida dagegen ist überzeugt, dass damals, im Jahr 2005, nur die Wut der Bevölkerung von West Palm Beach den Fall so weit gebracht hat. Wieso wurden diese Wut und die Polizeiarbeit so lange ignoriert? Wieso haben die Anklägerinnen von damals niemals etwas vom Epstein-Deal mit dem FBI erfahren? Die völlige »Neuentdeckung« des Falls ist ein Mythos, um die Missachtung der Vorarbeit in West Palm Beach zu verdrängen.

Fünf Tage nachdem Epstein vom Richter keinen Haftaufschub bekommen hatte und ihm 45 Jahre Gefängnis drohten, nahm er sich das Leben. Er war immer einen Schritt weiter als die anderen. Umgehend prangerte Präsident Trump - selbst gewählt auf einer Welle proletarischer Wut - die Familie Clinton öffentlich an, sie sei in ein Mordkomplott gegen Epstein verwickelt.

Vermeintliche Schwester. US-Gericht verurteilt Epstein-Vertraute Ghislaine Maxwell wegen Menschenhandels

Ghislaine Maxwell wurde wegen Zuhälterei und Menschenhandel verurteilt und kann bis zu 65 Jahren Haft bekommen. Bill Gates hat seine Beziehung zu Epstein als einen Fehler bezeichnet. Leslie Wexner behauptet nun, dass Epstein ihm Milliarden entwendet habe. Die Universitäten haben sich von ihrem Geldgeber Epstein deutlich distanziert. Trump ist nicht mehr Präsident. Das Foto von Epstein in einer Verbrechergalerie im New Yorker Bundesgericht wurde wieder abgenommen, beide Seiten im Maxwell-Prozess hatten dies so gewünscht. Epstein entging ja einem gerichtlichen Urteil durch die Selbsttötung. Aber die Unterschiede zwischen Palm Beach und West Palm Beach bestehen wie eh und je.

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