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Die Verzweiflung der Kaffeebauern

Der Klimawandel treibt viele Kleinbauern aus Guatemala auf gefährlichen Pfaden in die Flucht

  • Von Andreas Boueke, Guatemala-Stadt
  • Lesedauer: 8 Min.
n ehemals wohlhabenden Kaffeeanbauregionen Guatemalas breitet sich Hunger aus, unter dem Kinder besonders leiden.
n ehemals wohlhabenden Kaffeeanbauregionen Guatemalas breitet sich Hunger aus, unter dem Kinder besonders leiden.

»Wir bearbeiten den Boden mit Hacken und Schaufeln«, sagt der Kleinbauer Arturo Gonzales. Mit seiner schmutzigen Hand wischt er sich Schweiß von der Stirn. »Früher war das Klima hier angenehm kühl, aber jetzt arbeiten wir meist in der Hitze.«

Noch vor wenigen Jahren war die Umgebung des guatemaltekischen Dorfes El Escobal auf über 1500 Metern Höhe ein ertragreiches Anbaugebiet für wertvollen Exportkaffee. Doch seit die Temperaturen immer weiter steigen, sind die Kaffeefelder nur noch selten von Nebel umhüllt. »Viele Pflanzen sind krank«, sagt Arturo Gonzales. Er erinnert sich noch daran, wie vor rund zehn Jahren die ersten Sporen des Kaffeerosts auf den Feldern der Region aufgetaucht sind. Seither hat sich der Pilz schnell verbreitet und einen Großteil der Pflanzen zerstört. Heute sind die allermeisten der 250 000 Hektar Land, auf denen in Guatemala noch Kaffee angebaut wird, vom Kaffeerost befallen. Der Pilz überdauert Trockenperioden. Wenn es regnet, breitet er sich schnell auf weitere Pflanzen aus. Die Kirschen befallener Sträucher bleiben klein und schrumpelig. Für Arturo Gonzales bedeutet das den Verlust seiner wichtigsten Einkommensmöglichkeit. »Wenn es auf unserem eigenen Feld nichts zu tun gibt, versuchen wir, auf den Plantagen größerer Landbesitzer Arbeit zu finden. Dort müssen wir die Kaffeekirschen jetzt genau auswählen, weil viele nichts mehr taugen. Das ist mühselig und braucht viel Zeit. So lohnt sich die Arbeit nicht.«

Fast 100 Jahre lang hat der Kaffeeanbau die guatemaltekische Volkswirtschaft geprägt. In den meisten Regionen ist es üblich, dass die Tagelöhner den Kaffee über Wochen in Intervallen ernten. Diese Handarbeit führt zu einer besseren Qualität als beim Einsatz von Erntemaschinen. Unreife Kirschen bleiben hängen, damit sie nachreifen können. Arturo Gonzales erinnert sich an Zeiten, als er auf einem Hektar Land 200 Säcke Kaffeekirschen ernten konnte. Jeder Sack wiegt knapp 70 Kilo. Heute sind so viele Pflanzen krank, dass auf demselben Grundstück nur noch 15, 20 Säcke produziert werden können. »Von dem Verdienst können wir nicht mal genug Dünger kaufen. Deshalb suchen wir woanders nach Einkommen. Aber die Großgrundbesitzer geben uns keine Arbeit mehr. Sie haben dasselbe Problem. Auch für sie ist der Kaffee nicht mehr rentabel.«

Die vergangenen Jahre waren so heiß und trocken, dass auch Pflanzungen im Schatten nur noch sehr wenige Kaffeekirschen produzieren. Anfang des Jahrtausends gehörte Guatemala noch zu den fünf Spitzenproduzenten der Welt. Seither ist das Land auf den elften Rang zurückgefallen. In diesem Jahr wird die Kaffee-Ernte wahrscheinlich noch schlechter sein. Die Kaffeekrise macht den Alten das Überleben schwer, den Jüngeren verbaut sie die Zukunft. Deshalb verlassen immer mehr Nachbarn von Arturo Gonzales das Dorf El Escobal. Viele Familien verkaufen ihr Land, um Schulden begleichen zu können oder um einen Angehörigen in die USA zu schicken. Auch deshalb sind die Grundstückspreise in der Kaffeeanbauregion drastisch gefallen. Don Arturos Frau Maria zeigt auf mehrere Hütten, die seit Langem leer stehen. »Als Mutter willst du deine Kinder gut versorgen. Aber oft haben wir nicht mal genug Geld, um ein Glas Milch zu bezahlen. Die Kinder leiden am meisten unter der Armut

Die Klimaveränderungen tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen ihre Heimat verlassen. Auch der älteste Sohn von Maria hat sich auf den Weg Richtung Norden gemacht, zusammen mit seinem Vater, seinem Onkel und dessen Sohn. »Früher gab es hier im Dorf mehr Möglichkeiten, Geld zu verdienen«, sagt die Mutter. »Auch eine Frau fand Arbeit. Ich habe Strümpfe und Unterhosen verkauft. Aber heute haben die Leute kein Geld mehr. Wie soll man so aus der Armut rauskommen?«

Die guatemaltekischen Kleinbauern Arturo und Maria Gonzales leiden unter der Kaffeekrise. Arturo strandete auf der Flucht in Mexiko und ist mit Schulden wieder zurück.
Die guatemaltekischen Kleinbauern Arturo und Maria Gonzales leiden unter der Kaffeekrise. Arturo strandete auf der Flucht in Mexiko und ist mit Schulden wieder zurück.

In Europa ist es üblich, dass der Staat Subventionen zahlt, wenn eine Wirtschaftsregion Hilfe braucht. Aber die guatemaltekische Regierung kümmert sich nicht um die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Probleme der kleinbäuerlichen Familien. Die Menschen hören zwar oft, wie Politikerinnen und Politiker im Wahlkampf wirtschaftliche Entwicklungsprogramme für die ländlichen Regionen versprechen. Doch sobald die Wahlen vorbei sind, schenkt die Politik der Armut auf dem Land so gut wie keine Aufmerksamkeit mehr.

Maria sieht müde aus. Sie weiß, wie gefährlich die Reise durch Mexiko ist. Aber im Grunde genommen sieht sie keine Alternative für ihre Kinder. »Tag für Tag denkst Du darüber nach, wie es weiter gehen soll. Wovon sollen wir leben? Was kannst du deiner Familie zu essen geben? Ist es besser, wenn die Kinder arbeiten und ein wenig Geld verdienen, anstatt zur Schule zu gehen?«

Als die Männer der Familie ihr Dorf El Escobal zum ersten Mal verlassen haben, war auch der siebzehnjährige Sohn Byron dabei: »Schon als ich klein war, habe ich jeden Tag Geld verdient«, erzählt der Junge. »Aber der Lohn hier reicht nicht zum Überleben. Deshalb haben mein Vater und ich beschlossen, nach Norden zu gehen. Meine Mutter war sehr traurig. Aber wir hatten keine andere Wahl.«

In Mexiko kam es zur Katastrophe, sagt Vater Arturo. »Es ist uns schlecht ergangen. Mein Bruder wurde ermordet, sein Sohn schwer verletzt, und fast hätten auch mein Sohn und ich nicht überlebt.« Die Männer wurden überfallen und verschleppt. »Die Entführer haben uns eingesperrt«, erzählt Byron. »Sie fotografierten uns und schickten die Bilder an unsere Familien, um Geld zu erpressen. Eine Art Lösegeld für unsere Freilassung.«

Für die Angehörigen in den USA und in Guatemala war das ein Schock. Mutter Maria bekam einen Anruf von Verwandten in den USA: »So erfuhren wir, dass die Vier entführt worden waren und wir ein Lösegeld zahlen sollten. 12 000 Dollar. Sie gaben uns 24 Stunden, um das Geld aufzubringen und ihre Leben zu retten.« Derweil war der Junge Byron den Kriminellen ausgeliefert: »Sie sagten, sie würden uns den Hals durchschneiden, wenn sie das Geld nicht bekommen.«

Bis heute ist die Mutter in El Escobal dankbar für die Solidarität ihrer Nachbarinnen und Nachbarn: »Gott segne all die Leute aus unserem Dorf, die uns geholfen haben. Sie standen Schlange, um uns Geld zu geben. Einige sind sogar auf ihren Motorrädern losgefahren, um Geld aufzutreiben, damit meine Familie überlebt.« Es gelang nicht, das gesamte Lösegeld aufzutreiben. Byrons Onkel wurde exekutiert. Byron erinnert sich an diese Tage wie an einen Albtraum. »Manchmal bekamen wir etwas zu essen. Irgendwann brachten sie uns nach draußen und sagten, sie würden uns in die USA bringen. Doch plötzlich wurden wir überrumpelt und sie schnitten uns die Hälse auf. Wir konnten uns nicht wehren. Fast wären wir gestorben.«

Byron, sein Vater und sein Cousin waren schwer verletzt. Seinem Onkel hatten die Entführer so tief in den Hals geschnitten, dass er sofort starb. Die Überlebenden lagen blutend im Wald, während niemand in El Escobal wusste, was geschehen war. »Mehrere Nächte lang haben wir auf eine Nachricht gewartet, aber es kam keine«, sagt Maria. »Dann schickte uns jemand ein Foto von der Leiche meines Schwagers. Erst Tage später erfuhren wir, dass sein Junge schwer verletzt war. Mein Sohn und mein Mann waren noch länger verschwunden.«

Mit einem Finger zieht Byron eine Linie über seinem Hals nach. »Hier sieht man die Narbe. Sie haben die Haut von einem Ohr zum anderen aufgeschnitten. Ich weiß nicht, was genau passiert ist. Mein Vater hat mich getragen und um Hilfe gebeten. Er hat alles getan, damit ich nicht sterbe. Vier Tage lang war ich im Koma.« Arturo Gonzales konnte seinen Sohn retten: »Gott sei Dank traf ich zwei mexikanische Polizisten, die uns in ein Krankenhaus brachten. Fünf Tage lang waren wir auf der Intensivstation. Ich dachte, ich würde sterben.«

Der Traum von einer besseren Zukunft in den USA war vorerst geplatzt. Einen Monat später kamen die beiden zurück nach El Escobal, obwohl Arturo Gonzales nicht weiß, wie er dort das Überleben seiner Familie sichern soll. Trotzdem war Maria glücklich: »Es war so eine große Freude, als mein Sohn und mein Mann zurückkamen. Dafür danken wir Gott. Es war, als wären sie wiedergeboren worden. Doch die Erfahrung der Entführung war furchtbar und traumatisierend. Ich weiß nicht wirklich, was mein Sohn alles erlitten hat. Auch danach gingen die Drohungen weiter. Die Mörder riefen hier an und sagten, sie würden uns alle töten. Wir hatten Lösegeld gezahlt, und mein Schwager war tot, aber sie drohten, sie würden auch seine Frau und mich umbringen.«

Für Arturo Gonzales war der misslungene Versuch, die USA zu erreichen, ein finanzielles Desaster: »Wir haben Schulden. Die Bank macht uns täglich Druck. Aber wir besitzen nichts mehr. Das Abenteuer, in die USA zu ziehen, um unsere Situation zu verbessern, hatte schlimme Folgen. Nichts hat sich verbessert.«

Wahrscheinlich wird der Vater sich bald wieder auf den Weg machen. »Das Elend ist groß. Von Tag zu Tag wächst der Wunsch, es noch mal zu versuchen. Hier im Dorf verdienen wir nicht genug, um unsere Schulden tilgen zu können. Wenn wir uns nicht wieder auf den Weg machen, nehmen uns die Banken unser Haus weg. Wir schulden noch 40 000 Quetzales, 5000 Euro. Für uns ist das eine unbezahlbare Summe.«

Durch die Pandemie ist alles noch schlimmer geworden. Wahrscheinlich wird Don Arturo es nicht mehr lange aushalten, bevor er erneut versuchen wird, in die USA zu gelangen - in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich und seine Familie.

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