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Versorger blocken Neukunden ab

Wegen der extrem gestiegenen Strompreise kalkulieren viele Anbieter ihre Tarife neu

  • Von Jörg Staude
  • Lesedauer: 4 Min.
Energieversorger zum Rapport, fordert der Verbraucherzentrale-Bundesverband.
Energieversorger zum Rapport, fordert der Verbraucherzentrale-Bundesverband.

Im Dezember wurden viele von einer gepfefferten Preiserhöhung des Stromanbieters überrascht. Unter anderen die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen veröffentlichte noch kurz vor den Festtagen den Rat: Suchen Sie sich möglichst kurzfristig einen preisgünstigeren Anbieter über entsprechende Vermittlungsportale.

Verzweifelte Stromkund*innen, die beispielsweise beim vielfachen »Testsieger«, dem Portal Check 24 nach einem günstigeren Stromtarif suchen, bekommen jedoch derzeit nach Eingabe ihrer Daten über der Fundliste einen Hinweis zu lesen: »Wir zeigen Ihnen aktuell weniger Tarife an als gewohnt. Aufgrund der extrem gestiegenen Strompreise kalkulieren viele Anbieter ihre Tarife neu.«

Dass es »weniger« Tarife seien, ist enorm untertrieben. Check 24 hat nach eigenen Angaben mehr als 1100 Energieanbieter im Bereich Strom und Gas gelistet - bei der Suche nach neuen Stromtarifen können Kund*innen derzeit aber schon froh sein, ein Dutzend Angebote zu sehen, wie aktuelle Testläufe zeigen.

Lässt man die Wechselboni weg, bringt auch kaum eines der aufgelisteten Angebote eine spürbare Preisersparnis gegenüber dem, was die Strom-Grundversorger von ihren Bestandskund*innen verlangen. Teilweise werden in den Fundlisten sogar Tarife angezeigt, bei denen der Strom doppelt so viel kostet wie der Bestandstarif des jeweiligen Grundversorgers.

Bei Anfragen zu dem Thema gibt sich Check 24 wie auch andere Preisportale eher zugeknöpft. Wie viele Tarife nun tatsächlich weniger im Angebot sind und wie es um das bisherige Sparversprechen steht, dazu ist wenig zu erfahren.

Das verwundert nicht. Die Strompreiskrise trifft das Geschäft der Portale im Kern. Wenn kein Anreiz zum Wechseln da ist, lassen sich auch keine Wechselprovisionen verdienen, die es nur dann gibt, wenn jemand über das Portal einen neuen Anbieter gefunden hat.

Und auch die stete Klage der Portale, dass zu viele wechselfaule Haushalte ihren Strom vom teuren Grundversorger beziehen, läuft derzeit ins Leere. Eher können sich die 62 Prozent der Haushalte, die Ende Oktober 2021 laut dem Monitoringbericht der Bundesnetzagentur ihren Strom - wenn auch in verschiedenen Tarifen - noch immer vom Grundversorger bezogen, im Moment glücklich schätzen.

Check 24 selbst gibt derzeit den Stromkund*innen einen Rat, der ziemlich genau das Gegenteil der jahrelangen Geschäftspolitik darstellt: Aufgrund der langfristigen Beschaffungsstrategie könne ein aktueller Grundversorgungstarif für Strom »vorübergehend attraktive Konditionen« bieten, ist auf der Webseite zu lesen.

Beim Portal Finanztip, das einen eigenen Stromrechner auf Basis der Daten von Check 24 und des Konkurrenten Verivox anbietet, ist sogar jetzt noch das alte Versprechen zu lesen: Wer den Stromanbieter wechselt, könne in vielen Fällen sparen. Die Verbraucherzentrale NRW sieht hingegen den Grundversorgungstarif vorübergehend als eine Option, erklärt Energiemarktreferentin Christina Wallraf. »Wer noch einen Bestandskundenvertrag hat, sowohl bei Strom als auch bei Gas, spart derzeit wenig oder gar nichts durch einen Anbieterwechsel«, sagt sie.

Zwar sollten Haushalte, denen eine deutliche Preiserhöhung angekündigt wurde, alternative Angebote einholen. Die Suche nach einem neuen Tarif gestalte sich aber in der Regel schwierig. Wallraf: »Das Angebot auf den Vergleichsportalen ist in der Tat deutlich kleiner als üblicherweise.« Neukundentarife würden derzeit kaum offeriert. Die Expertin geht allerdings davon aus, dass die jetzige Situation nicht von Dauer ist, weshalb sie eine staatliche Preisregulierung ablehne.

Politisches Handeln sei dennoch gefragt, das sieht auch der Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV) so. Dessen Vorsitzender Klaus Müller forderte am Montag gegenüber der »Passauer Neuen Presse« wegen der stark gestiegenen Energiekosten »Erste-Hilfe-Sofortmaßnahmen« wie einen Heizkostenzuschuss für ärmere Haushalte. Außerdem seien »grundsätzliche Entscheidungen nötig, um die Preiskrise der fossilen Energien zu lösen«, sagte Müller. Er forderte die Politik direkt auf, die Energieversorger »zum Rapport« zu bestellen und Auskunft zu verlangen, wie es bei einigen zur Unterfinanzierung und bei anderen zur Verdopplung und Verdreifachung von Preisen kommen könne. »Zudem müssen einige Energieanbieter bezüglich ihres Geschäftsgebarens zur Ordnung gerufen« und eine Lösung dafür gefunden werden, dass weder wechselwillige Verbraucher*innen bestraft noch Haushalte mit geringem Einkommen in den Grundtarifen über Gebühr belastet werden.

Zu den grundsätzlichen Entscheidungen, die Preiskrise bei den fossilen Energien zu lösen, zählt der VZBV-Chef die Streichung der EEG-Umlage sowie »Tempo beim Ausbau der Stromnetze und der erneuerbaren Energien, um mittelfristig unabhängiger von Öl und Gas zu werden«. Zudem müsse die Spaltung der Grundversorgungstarife als Folge der extremen Energiepreisanstiege wieder beendet werden.

Aus der Ungleichbehandlung haben die Portale übrigens auch gleich wieder eine Geschäftsidee gemacht: In der Fundliste etwa von Check 24 wird als Tarif des Grundversorgers mitunter nur noch jener für Neukunden angezeigt.

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