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Warnsignal an andere, die den Osten verlassen wollen

Ein Jahr nach Schließung des Haribo-Werkes im sächsischen Wilkau-Haßlau blickt die Gewerkschaft NGG stolz auf die Proteste zurück

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.
Wilkau-Haßlau lebte vom Bär: Mit einem Haribo-Lampion protestierte eine Frau im vergangenen Winter auf dem Marktplatz gegen das Aus für den Süßwaren-Standort.
Wilkau-Haßlau lebte vom Bär: Mit einem Haribo-Lampion protestierte eine Frau im vergangenen Winter auf dem Marktplatz gegen das Aus für den Süßwaren-Standort.

Der rote Schriftzug ist verschwunden. »Haribo« stand in großen Lettern an einer Werkhalle nahe der Zwickauer Mulde in der sächsischen Kleinstadt Wilkau-Haßlau. Der Süßwarenkonzern hatte die vormalige VEB Süßwarenfabrik Wesa 1990 gekauft; sie war sein einziger Produktionsstandort im Osten. Vor gut einem Jahr wurde das Werk geschlossen, die Maschinen wurden abgebaut, schließlich im April auch der Schriftzug demontiert. Wer heute vor dem Areal steht, sieht keinen Hinweis auf dessen Geschichte mehr.

Die gut 150 früheren Beschäftigten und viele andere Menschen in Stadt und Region erinnerten sich freilich noch gut an die Schließung, vor allem aber an die wochenlange massive Gegenwehr, sagt Thomas Lißner von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). »Man hat damals gesehen, was geht, wenn alle an einem Strang ziehen«, sagt der Gewerkschafter. Zwar sei es nicht gelungen, den Erhalt des Betriebes zu sichern. Allerdings sei das Unternehmen »unwahrscheinlich unter Druck« geraten und habe den zunächst geplanten Umfang des Sozialplans »verdreifachen« müssen.

Die Belegschaft hatte sich mit vielfältigen Aktionen gegen die Schließung gewehrt, die im November 2020 bekannt gegeben wurde und ausgerechnet im 100. Jubiläumsjahr des Unternehmens erfolgte. Beschäftigte hatten etwa Luftballons mit Hilferufen an Firmengründer Hans Riegel in den Himmel steigen lassen; sie hatten eine Menschenkette um das Werk gebildet oder eine Großkundgebung in Zwickau veranstaltet, trotz Beschränkungen durch Corona. Der Protest war von Landespolitikern, Bundestagsabgeordneten und Bürgermeistern benachbarter Städte unterstützt worden; der Bundestag befasste sich in einer Aktuellen Stunde mit dem Thema, was durchaus kein alltäglicher Vorgang ist. Die Aktionen, sagt Gewerkschafter Lißner, seien »herzerwärmend gewesen und haben für viel Zusammenhalt gesorgt«.

Inzwischen ist die frühere Belegschaft jedoch in alle Winde zerstreut. Ein Fünftel der Beschäftigten sei vorzeitig in Rente gegangen. Fast alle anderen hätten neue Arbeitsplätze gefunden: bei VW, der Wernesgrüner Brauerei, im Handel oder bei der Stadt. Allerdings hätten sich für viele die Arbeitsbedingungen verschlechtert. »Viele haben in der Stadt gewohnt und sind zu Fuß zur Arbeit gekommen«, sagt Lißner. Jetzt brauchen sie ein Auto, um ins VW-Werk zu gelangen, oder müssen drei statt zwei Schichten arbeiten wie zuvor. Viele verdienen auch weniger. Haribo zahlte nach dem Tarif für die ostdeutsche Süßwarenbranche. Einige Beschäftigte seien in andere Betriebe des Nahrungsmittelgewerbes gewechselt, die nicht tarifgebunden sind. »Die sagen mir: Du kannst dir nicht vorstellen, wie die Bedingungen sind«, sagt Lißner und verweist auf den »himmelweiten Unterschied« zwischen Betrieben mit oder ohne Mitbestimmung.

Die Schließung des Werkes war nicht nur ein harter Schlag für die Beschäftigten, sondern auch für die Kommune. Wilkau-Haßlau deckte ein Drittel seines Gewerbesteueraufkommens mit den Überweisungen von Haribo. Deren Wegbrechen »wird sich langfristig auswirken«, sagte Rathauschef Stefan Feustel im Juli der »Freien Presse«. Laut dpa überwies Haribo für 2020 noch einen »kleineren sechstelligen Betrag«. Eine Anfrage des »nd« zu den Folgen der Schließung und zur Zukunft des Werksgeländes ließ das Rathaus unbeantwortet. Bisher zeichnet sich für das Areal unmittelbar neben dem Stadtzentrum dem Vernehmen nach keine Lösung ab.

Der Kampf um Haribo hatte auch Fragen danach befeuert, wie Firmen mit Stammsitz im Westen in Ostdeutschland agieren. Der Süßwarenkonzern stärkte mit der Trennung von dem sächsischen Standort sein Hauptwerk in Grafschaft bei Bonn, das für viel Geld modernisiert worden war. Der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig, der auch Ostbeauftragter der SPD ist, hatte davor gewarnt, dass sich »die 90er Jahre wiederholen« - eine Zeit, als reihenweise Betriebe im Osten von ihren westdeutschen Eigentümern abgewickelt wurden. Er kritisierte, dass die Firmen den Osten als »verlängerte und preiswerte Werkbank« sähen und »beim kleinsten wirtschaftlichen Gegenwind hier die Segel streichen«. Der Protest bei Haribo habe freilich gezeigt, dass so etwas auf Widerstand stoße, sagt Gewerkschafter Lißner: »Jedes Unternehmen, das mit solchen Ideen liebäugelt, überlegt sich das jetzt zweimal.«

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