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Abkommen der Superlative

Das asiatisch-pazifische Freihandelsabkommen RCEP hat das Potenzial, dem historischen Aufstieg Asiens weiter Schub zu geben, meint Jörg Kronauer.

  • Von Jörg Kronauer
  • Lesedauer: 3 Min.
Tiefwasserhafen Yangshan südlich von Shanghai
Tiefwasserhafen Yangshan südlich von Shanghai

Man kann es mit Superlativen beschreiben, das asiatisch-pazifische Freihandelsabkommen RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership), das zum 1. Januar in Kraft getreten ist. Seine 15 Mitgliedstaaten von Ostasien (Japan, Südkorea, China) über Südostasien (die zehn Asean-Staaten) bis Australien und Neuseeland erwirtschaften 30,5 Prozent der Weltwirtschaftsleistung – mehr als das nordamerikanische USMCA (USA, Mexiko, Kanada, 28 Prozent) und erheblich mehr als die EU (17,9 Prozent). Sein Anteil am Welthandel wird auf fast ein Drittel beziffert, mit steigender Tendenz. In den RCEP-Ländern leben rund 2,2 Milliarden Menschen, fast fünfmal so viel wie in der EU (450 Millionen) und mehr als sechsmal so viel wie in den USA. Für Ökonomen heißt das: Es ist der mit Abstand größte Markt mit dem mit Abstand größten Arbeitskräftepotenzial. Mit China und den Asean-Staaten gehören ihm zudem mehrere der seit Jahren wachstumsstärksten Volkswirtschaften an. Allein die Superlative zeigen: RCEP ist ein Faktor, der Beachtung verdient.

RCEP ist dabei mehr als ein Wirtschaftsblock, der feiste Rekordzahlen und eine gewaltige ökonomische Dynamik vorweisen kann. Das Abkommen hat eine Besonderheit: Es schließt nur Staaten Ost- und Südostasiens und der Pazifikregion zusammen. Traditionell war vor allem Südostasien stark auf die ehemaligen Kolonialmächte ausgerichtet: Die USA sind bis heute der größte Investor in den Asean-Staaten; sie werden nur von der EU übertroffen – sofern man die Investitionen aller EU-Staaten zusammenzählt. Freihandelsabkommen einiger Asean-Staaten mit der EU oder auch mit den USA verstärkten diese Tendenz. Das RCEP-Abkommen geht einen anderen Weg: Es ermöglicht es Ost- und Südostasien, seine Ökonomie nach seinem eigenen Rhythmus zu entwickeln, ohne Einmischung seitens der ehemaligen Kolonialmächte Europas und Nordamerikas. Damit schafft es einige ökonomische Voraussetzungen für seine Eigenständigkeit.

Westliche Ökonomen tendieren trotz allem zuweilen dazu, RCEP zu belächeln. Es stimmt: Das Abkommen wird zwar mehr als 90 Prozent aller Zölle abschaffen; der Zeitraum, in dem das geschehen soll, erstreckt sich jedoch über 20 Jahre. Die Vereinbarung gilt auch sonst als nicht besonders ehrgeizig: Ihre Regeln zu Dienstleistungen etwa, zum Schutz des geistigen Eigentums sind dünn. Standards für Arbeiterrechte und Umweltschutz, Verpflichtungen bezüglich der Einhaltung der Menschenrechte? Fehlanzeige. Doch all dies ist wohl ökonomisch gar nicht der entscheidende Punkt.

Als auf lange Sicht wichtiger dürften sich andere Faktoren erweisen. RCEP schafft Anreize, Lieferketten innerhalb der neuen Freihandelszone aufzubauen. Das verschiebt die industriellen Gewichte weiter in die Asien-Pazifik-Region – zuungunsten Indiens, das sich gegen eine Teilnahme entschieden hat. Aber auch zuungunsten Taiwans, das gar nicht erst eingebunden wurde. Hinzu kommt, dass Normen und Standards für Handel und Technologie in Zukunft wohl zunehmend innerhalb der RCEP-Region entwickelt werden – und zwar allein aufgrund ihres gewaltigen ökonomischen Gewichts. Wer die Normen setzt, ist strategisch im Vorteil, und Standards entscheiden über den Marktzugang. Die Zeit arbeitet für die Asien-Pazifik-Region.

In der deutschen Wirtschaft löst RCEP schon jetzt Unruhe aus. Das Geschäft mit den RCEP-Staaten ist ungemein lukrativ: Der Handel mit ihnen steht für 15 Prozent des deutschen Außenhandels, mehr als der Handel mit dem gesamten amerikanischen Kontinent. Das neue Freihandelsabkommen begünstigt nun aber Konkurrenten etwa aus Japan, Südkorea oder China. Prognosen sagen Unternehmen aus der EU Einbußen im RCEP-Geschäft voraus. Die Alternative bestünde darin, Standorte in die RCEP-Staaten zu verlegen – das allerdings ginge zulasten der Standorte in der EU. RCEP hat das Potenzial, nicht nur zum historischen Aufstieg Asiens beizutragen, sondern darüber hinaus zum relativen historischen Abstieg der ehemaligen Kolonialmächte Europas und Nordamerikas – im Rahmen des beginnenden Epochenwechsels von der atlantischen zur pazifischen Ära.

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