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Don’t kill the messenger

Den Boten erwischt es oft, wenn der Inhalt der Nachricht missfällt

  • Von Daniel Lücking
  • Lesedauer: 2 Min.
Durchgreifen gegen Gewalt, die über den Messenger Telegram verabredet wird, darf nicht zu Lasten des Betreibers gehen.
Durchgreifen gegen Gewalt, die über den Messenger Telegram verabredet wird, darf nicht zu Lasten des Betreibers gehen.

Dass der Überbringer unangenehmer Nachrichten allzu oft für deren Inhalt verantwortlich gemacht wird, scheint zu den Mustern zu zählen, die die Menschheit nicht überwinden kann. »Don’t kill the messenger«, mahnt ein englisches Sprichwort und will den Boten schützen. Die erste Erwähnung der problematischen Verknüpfung von Ursache, Wirkung und Folge ist bereits in griechischen Schriften um 470 vor Christus zu finden. Heute könnte es Telegram treffen. Im digitalen Bereich hat sich dieses Verhaltensmuster in den letzten Jahren immer wieder gezeigt. Symptomatisch dafür steht auch die fälschlicherweise sogenannte Facebook-Revolution vor rund zehn Jahren.

Ins Bewusstsein rückte Ägypten, als sich Tausende Menschen auf dem Tahirplatz in Kairo versammelten. Es bildete sich die Erzählung von einer »Facebook-Revolution« heraus, obgleich nichts am Netzwerk revolutioniert wurde und auch Twitter eine wesentliche Rolle bei der Organisation der Proteste spielte. Auslöser dafür waren nicht die Netzwerke, über die die Menschen sich organisierten, sondern die politische und soziale Unzufriedenheit der Menschen. Nicht zuletzt hatten steigende Preise bei Grundnahrungsmitteln dafür gesorgt, dass die Krise über lange Zeit wirkte.

»Wir hatten solche Phänomene im Iran«, sagte 2012 die Professorin Marianne Kneuer und wies darauf hin, dass es vergleichbare, auf soziale Medien gestützte Organisationsformen gab, die aber im Iran nicht zur Revolution führten. In der Bekämpfung des Arabischen Frühlings spielte dann aber bald die zeitweise Abschaltung des Internets oder einzelner Plattformen ebenso eine Rolle wie später staatliche Eingriffe und Sperrmaßnahmen in China oder in der Türkei.

Lesen Sie auch »Nicht nur ein Hass-Megaphon« von Sebastian Weiermann

Im Fall Telegram nun dieselben Fehler zu machen - dieses Mal läuft die Debatte in Deutschland -, sollte vermieden werden. Betreiber von Netzwerken entziehen sich zu Recht den Löschversuchen, die häufig staatliche Ersatzmaßnahmen für die eigentlich nötige strafrechtliche Verfolgung der Verbreiter von Hassbotschaften sind. Reglementiert und knebelt ein Staat einen Kommunikationskanal, verschwindet das Problem nicht. Es werden neue Kommunikationsmittel gefunden, instrumentalisiert und missbraucht. Für das politische Problem ist das keine Antwort. Es ist nur für eine Weile weniger sichtbar.

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