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Mädchen, rettet uns!

Jeja nervt: Die Durchseuchungspolitik der Bundesrepublik

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.
Weil Maßnahmen gegen die Pandemie nicht weit genug gehen, lernt Yasmin lieber auf dem Schulhof.
Weil Maßnahmen gegen die Pandemie nicht weit genug gehen, lernt Yasmin lieber auf dem Schulhof.

Omikron ist dominant, Erkrankungen summieren sich jeden Tag auf bisher nicht gesehene Werte. Von der Ende November im politischen Berlin mehrheitsfähig gewordenen Impfpflicht ist weit und breit nichts zu sehen. Wir gleiten schon wieder weitestgehend schutzlos in die nächste Erkrankungs-, Long-Covid- und Sterbewelle.

Die ganze Republik hat sich mit der Welle abgefunden. Die ganze Republik? Nein! Ein kleines, 13-jähriges Mädchen im nordrhein-westfälischen Hagen hat den winzigen Spielraum erkannt, in dem es sich vernünftig und solidarisch gegen die längst beschlossene Durchseuchungspolitik zur Wehr setzen kann. Das an Asthma erkrankte Kind weigerte sich in dieser ersten Schulwoche, sich schutzlos ins Gebäude zu ungeimpften, die Regeln missachtenden Mitschüler*innen zu setzen. Es wollte sich und andere der politisch geduldeten Erkrankung schlicht nicht aussetzen. Man könnte sagen, dass Yasmin, deren Vorname als Hashtag in den vergangenen Tagen durch die sozialen Medien bekannt geworden ist, ihr Kindeswohl selbst in die Hand genommen hat.

Doch wer so denkt, hat nicht mit der ideologischen Anpassung an die gewollte Durchseuchung gerechnet. Die Infektion mit dem herrschenden, falschen Bewusstsein und dem politischen Willen hat sich nämlich ohne jeden Befehl von oben ausgebreitet, selbst in kleinste Amtsstuben. Kindeswohlgefährdung sah das Hagener Jugendamt durchaus. Jedoch nicht darin, den Kampf gegen eine Jahrhundertpandemie gar nicht erst richtig aufzunehmen und sich in einem langen, schmerzhaften Akt der Durchseuchung zu fügen. Nicht darin, Kinder und Erwachsene einander in engen Räumen auszusetzen, auf dass die Erreger fröhlich flottieren mögen. Als Yasmins Geschichte bekannt wurde, drohte das Hagener Jugendamt stattdessen öffentlich mit Inobhutnahme. Begründung: der stundenlange Aufenthalt an der Frischluft bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Hätte man die Ohren ein wenig gespitzt, hätte man das Lachen Hunderttausender Kinder aus Sibirien, aus der mongolischen Steppe, aus dem skandinavischen Norden, aus Alaska und Yukon bis ins kleine Hagen hören können.

Ja, es ist absurd: Seit zwei Jahren sind Kinder und Jugendliche regelmäßig mit ihren viel zu oft völlig unzurechnungsfähigen Eltern hinter Wohnungstüren weggesperrt. Nur, um sich den Fehler der krachend gescheiterten »Flatten the Curve«-Strategie nicht eingestehen zu müssen. Trotzdem provoziert jeder weitere über eine Metropolregion verhängte chinesische Lockdown in hiesigen Medien Schlagzeilen voll Häme und Überheblichkeit. Dabei sind in China, in relativen Zahlen, in den letzten zwei Jahren so viele Menschen infolge einer Corona-Infektion gestorben wie bei uns an einem einzigen Januartag. Die Methode »lang und schmerzhaft« verursacht zudem, dass es Jugendämtern und Sozialarbeiter*innen extrem schwerfällt, den Kontakt zu vulnerablen Kindern und Jugendlichen aufrechtzuerhalten. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir im Mehrfamilienwohnhaus ist »einiges los«.

Wem die Anordnung bekannt vorkommt, sich der menschengemachten Tragödie gefälligst mit individuellen Pseudoschutzmaßnahmen wie einer Naturkatastrophe zu fügen: Ja, auch bei der Klimakrise hat sich das herrschende kapitalistische Patriarchat schon darauf geeinigt, den schwächsten Teil der Herde von den Wölfen fressen zu lassen. Auch in diesem Fall sind das - in guter, alter Tradition - die Menschen der sogenannten Dritten Welt sowie die hiesigen Armen. Dass ab und an auch weniger Prekarisierte gerissen werden, ist als Peitsche, als Antreiber der ganzen Herde, bereits mit eingepreist.

Doch eine Hoffnung bleibt uns: Insbesondere Mädchen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass mit ihnen zu rechnen ist. Mädchen werden die Welt retten. Die Welt, die allen voran von Männern in ein Schlachtfeld des großen Hauens und Stechens verwandelt worden ist. Und die zuletzt in den Zustand eines vor sich hin kreiselnden öden Wüstenplaneten zu fallen droht. Wenn es nach mir geht, bräuchte es keinen Corona-»Expertenrat«. Ein paar Dutzend kluge Schülerinnen täten es auch.

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