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Rudolf Hickel - Ein Leuchtturm im Gemeinwesen

Laudatio für Rudolf Hickel zu seinem 80. Geburtstag an diesem Montag

  • Von Frank Strickstrock
  • Lesedauer: 4 Min.
Rudolf Hickel 2011 auf dem Landesparteitag der SPD in Bremen
Rudolf Hickel 2011 auf dem Landesparteitag der SPD in Bremen

Was ist der Marsch durch die Institutionen gegen die Gründung von Institutionen? Womöglich der Unterschied zwischen kurzlebiger Aktion und gelebter Utopie. Sehr lange dauerte der Marsch des Tübinger Asta-Vorsitzenden Rudolf Hickel Anfang der 1970er Jahre jedenfalls nicht, bevor er anfing, seinen eigenen Weg einzuschlagen. Er gehörte zu den Gründern der Universität Bremen vor 50 Jahren und des Instituts für Arbeit und Wirtschaft. Zuvor hatte er schon am Aufbau der Universität Konstanz mitgewirkt.

Und er rief 1975 (zusammen mit Jörg Huffschmid und Herbert Schui) die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik ins Leben, die jedes Jahr den Bericht der sogenannten »fünf Wirtschaftsweisen« mit ihrem Gegengutachten vom Kopf auf die Füße stellt. Zudem ist er seit 1982 Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik und insgesamt ein bienenfleißiger Autor von Büchern und Beiträgen für Fachblätter und Zeitungen - wie auch für diese.

Sein Credo lautet: Banken und Wirtschaft müssen dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Der Kapitalismus muss gezähmt werden, damit alle die gleichen Chancen auf Bildung und ein auskömmliches Leben haben. Markt ohne politische Grenzen kann nicht sozial sein, Austeritätspolitik schadet, der Mindestlohn nutzt allen, der ökologische Umbau muss kommen - dies übrigens ein Thema, das er seit den 70ern propagiert. Und Politiker, die andauernd Betriebswirtschaft mit Makroökonomie verwechseln und vom Wirtschaftsgebaren der »schwäbischen Hausfrau« faseln, wissen nicht, was sie tun.

Als ich vor einem Vierteljahrhundert auf die Idee kam, dass Rudolf Hickel für die politische Taschenbuchreihe rororo aktuell ein Buch über den heraufziehenden Euro schreiben könnte, gehörte er längst zu den profiliertesten, ja berühmtesten Wirtschaftswissenschaftlern des Landes. Als »linker Wirtschaftswissenschaftler« war er Gast in allen möglichen Talkshows und ich fragte mich, ob sich meine mit kleinem Budget ausgestattete Taschenbuchreihe den großen Mann, der nun wirklich was von Geld verstand, überhaupt werde leisten können.

Er aber war Feuer und Flamme für die Idee und so fuhr ich also nach Bremen zur Uni. Mit raumgreifenden Schritten präsentierte er mir den Campus auf dem Weg vom Institut zur Cafeteria. Ich merkte sofort, dass dieser Mann gerne tut, was er tut, und der Weltökonomie zum Trotz offensichtlich ganz bodenständig verwurzelt war in dieser Stadt, völlig ungeachtet seiner besonderen Sprachfärbung, die auf seine fränkische Herkunft hindeutete.

Der Vorschuss, meinte er, stehe für ihn nicht im Vordergrund - als Professor verdiene er genug und sei ja ohnedies privilegiert. Dem Professor für Finanzwirtschaft ging es persönlich nicht ums Geld. Gastvorträge, Kulturbeiräte, Gutachten oder wichtige Aufsichtsratssitze für die Arbeitnehmerseite von der Allianz bis zur Salzgitter AG: Wer ihn rief, profitierte immer mehr davon als er selbst. Vor allem von seiner Expertise und seinem Engagement.

Denn Rudolf Hickel ist auch ein Mensch, der sich anderen zuwendet, der das Leben liebt und den Genuss. Als Sohn eines Konzertmeisters hört er gern Bach, als »68er« Janis Joplin. Er ist engagierter Gewerkschafter, Marx-Kenner, der früher mal Priester werden wollte und gern gut isst - und ganz wichtig: ein glühender Fan des SV Werder Bremen. Kurz: einer von uns, aber eben auch einer, der herausragt, ein Leuchtturm im Gemeinwesen.

Als jemand, der John Maynard Keynes‘ Lehre weiterentwickelt und deshalb jahrzehntelang unermüdlich gegen die Irrtümer des ökonomischen Neoliberalismus gestritten hat, gehört er seit der Finanzkrise im Grunde zu den Siegern der Geschichte. Leider geben die Geschichte und der Neoliberalismus das immer noch nicht zu. Deshalb vermute ich stark, dass Rudolfs Kampf weitergehen wird, auch wenn er selbst längst eine Institution geworden ist. Dieses Land wäre ein viel besserer Ort, wenn wir mehr von seiner Sorte hätten.

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