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Brasiliens hausgemachte Flutkatastrophe

Medien und Politiker verschweigen Zusammenhang mit Expansion der Soja-Industrie

  • Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 4 Min.
Menschen auf einer überfluteten Straße im Südosten Brasiliens
Menschen auf einer überfluteten Straße im Südosten Brasiliens

Über Wochen anhaltende Regenfälle und drei Dammbrüche haben weite Areale in Zen-tral- und Ostbrasilien unter Wasser gesetzt. Überschwemmungen und Erdrutsche haben bereits mindestens 50 Menschenleben gefordert. Mehr als 133 000 Menschen verloren in den Bundesstaaten Maranhão, Tocantins, Piauí, Bahia, Pará, Goiás, Minas Gerais, Espírito Santo, Rio de Janeiro und São Paulo ihr Dach über dem Kopf. Bahia ist aktuell der am stärksten betroffene Bundesstaat. Wenigstens 24 Menschen kamen hier ums Leben, etwa 100 000 Menschen mussten die Häuser verlassen.

Massenmedien und Landespolitiker machen die für diese Jahreszeit ungewöhnlich heftigen Regenfälle und den globalen Klimawandel für die Ereignisse verantwortlich. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Die Flutkatastrophe ist nämlich auch hausgemacht. Tatsächlich haben jahrelange Abholzungen der Cerrado-Savanne des zentralbrasilianischen Hochplateaus und der Hochebenen des Nordostens sowie die Umwandlung in weite Agrarflächen mit Monokulturen, insbesondere Sojabohnenplantagen, den Wasserhaushalt der Region schwer gestört.

Der Cerrado gilt in Brasilien als »Berça das águas«, als Geburtsort des Wassers. Er versorgt acht der zwölf großen Wassereinzugsgebiete des Landes und die großen Flüsse wie den Xingu, den Rio Tocantins und den Rio São Francisco. Doch bereits mehr als 50 Prozent von ursprünglich rund zwei Millionen Quadratkilometern Cerrado-Savanne sind bereits abgeholzt. Allein zwischen August 2020 und Juli 2021 wurden weitere 8531 Quadratkilometer dem Agrobusiness geopfert, so die aktuellen Zahlen des für die Waldüberwachung per Satellit zuständigen Weltraumforschungsinstituts INPE.

Dabei fanden die größten Abholzungen in der Agrarregion Matopiba, bestehend aus den Bundesstaaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia statt, analysierten Forscher des Umweltforschungsinstituts IPAM. Laut offizieller Landwirtschaftsstatistik vervielfachte sich die Sojabohnen-Anbaufläche in Matopiba von etwa 600 000 Hektar im Jahr 1995 auf heute rund 8 Millionen Hektar. Und genau diese Bundesstaaten sind nun von den jüngsten Überschwemmungen am stärksten betroffen.

Das extrem an Arten reiche Cerrado-Ökosystem besteht zum Großteil aus Pflanzen mit einem komplexen Wurzelsystem, das bis zu 20 Meter in die Tiefe reicht. Sie sind an den extremen Wechsel von heftigen Niederschlägen in der Regenzeit und lang anhaltender Trockenphase angepasst. Lediglich ein Drittel der Bäume und Sträucher ist sichtbar an der Oberfläche. Zwei Drittel dieser Pflanzen befinden sich im Untergrund und können so große Mengen an Regenwasser festhalten und den Wasserhaushalt ausgleichen. Nicht so die sich in der Region ausbreitenden Monokulturen wie Soja oder Mais mit ihrem oberflächigen Wurzelwerk. Deren Wasserspeicherkapazität ist deutlich geringer.

Wenn es regnet, geht das meiste Wasser, angereichert mit Mutterboden und Pestiziden, direkt in die Flüsse. Eine im Jahr 2014 veröffentlichte Studie der Universität von São Paulo zeigte bereits einen fünffach erhöhten Oberflächenabfluss durch Monokulturen oder künstlich angelegte Rinderweiden in der Cerrado-Region. In den Phasen ohne Bodenbedeckung, also nach der Ernte und bis nach der Aussaat, ist der Oberflächenabfluss sogar um bis zu 20-fach höher als auf nicht abgeholzten Cerrado-Flächen. Zunehmende Überschwemmungen und Verschlammung von Stauseen sind die Folge. Hinzu kommen die steigende Bodenversiegelung durch anhaltenden Straßenbau für den Abtransport der Sojaernte zu den Exporthäfen sowie die durch Landflucht sich stark ausweitenden Städte - und die Katastrophe ist perfekt.

»Wenn wir zum Voranschreiten des Sojabohnenanbaus in Gebieten mit hohem ökologischen Wert die Auswirkungen des globalen Klimawandels hinzufügen, sehen wir, dass die katastrophalen Situationen in Bahia, Tocantins und Piauí überhaupt nicht natürlich sind«, kommentiert der brasilianische Geograf Marcos A. Pędłowski vom Zentrum für Humanwissenschaften der Landesuniversität Norte Fluminense in seinem Blog. »Was wir heute erleben, ist eine besonders drastische Kombination aus extremen Wetterereignissen und der Konsolidierung eines räuberischen Agrarmodells, das die Ärmsten in Randgebiete verdrängt, in denen es normalerweise keine städtische Infrastruktur gibt.«

Pędłowski kritisiert, dass der Zusammenhang zwischen der Sojabohnenernte und den Flutwellen in den Städten von den großen brasilianischen Medien verschwiegen werde. »Diese bieten den Lesern oder Fernsehzuschauern lediglich eine Katastrophenerzählung an, in der nur das Thema Klimawandel und dies auch nur vage erwähnt wird.«

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