Werbung

Gedenkstätte statt Werkstatt

Bremer Initiativen fordern, die Würde von Naziopfern zu bewahren

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.
In Bremen will die Firma Alstom, die Schienenfahrzeuge u.a. in Görlitz herstellt, eine neue Werkstatt errichten. Der Baugrund hat eine Geschichte. Anwohner protestieren gegen das Bauvorhaben.
In Bremen will die Firma Alstom, die Schienenfahrzeuge u.a. in Görlitz herstellt, eine neue Werkstatt errichten. Der Baugrund hat eine Geschichte. Anwohner protestieren gegen das Bauvorhaben.

Viele sowjetische Kriegsgefangene, die das Hitlerregime in Bremen als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie schuften ließ, überlebten die Schinderei nicht. Begraben wurden sie im Stadtteil Oslebshausen nahe dem Straßenzug Reitbrake. Fortan wurde das Gelände von vielen Bremern »Russenfriedhof« genannt. Auf ihm will die französische Firma Alstom - sie produziert Schienenfahrzeuge - eine Bahnwerkstatt errichten und dafür 760 Millionen Euro investieren.

Sind solche Vorhaben mit der Ruhe und Würde von Toten vereinbar, die künftig unter einem Werkstattkomplex liegen könnten? Nein, meinen die Bürgerinitiative Oslebshausen und das Bremer Friedensforum. Die in der Hansestadt dann und wann zu hörende Frage, ob sich im »Russenfriedhof« noch sterbliche Überreste von Kriegstoten befinden, ist jüngst durch einen Fund erneut beantwortet worden. Bei Grabungen wurden neun Skelette entdeckt, die von sowjetischen Gefangenen stammen. Viele ihrer Kameraden waren bereits 1948 auf den Osterholzer Friedhof im Südosten Bremens umgebettet worden. Im vergangenen Jahr hatte der Senat jedoch mitgeteilt, dass das Areal an der Reitbrake noch bis zu 300 Verstorbene bergen könnte. Das sei Dokumenten zu entnehmen.

Friedensforum und Bürgerinitiative fordern angesichts der aktuellen Funde eine Expertenkommission aus Historikern, Völkerrechtlern und Ethikern, die der Bürgerschaft eine verbindliche Empfehlung zum Umgang mit der Kriegsgräberstätte in Oslebshausen geben könnte. Ein solches Gremium wird nun auch vom Landesparteitag der Linkspartei verlangt. Weiter wird von den Kritikern der Werkstattpläne die Untersuchung des gesamten Russenfriedhofs mit seinen 20 000 Quadratmetern gefordert. Bisher wurden die Grabungen, bei denen rund 2000 Knochen gefunden worden waren, auf einen sogenannten »Kernfriedhof« beschränkt.

Lesen Sie auch »NS-Zwangsarbeit: Unsichtbare Geschichte entdecken« von Hendrik Lasch

Das gründliche Untersuchen ist auch mit Blick auf ein Versprechen von Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) wichtig. Er hatte anlässlich des Volkstrauertages 2021 angekündigt, die an der Reitbrake gefundenen Überreste von Kriegstoten sollten in das Ehrenfeld des Kriegsgräberfriedhofs in Osterholz umgebettet werden.

Es dürfte jedoch damit zu rechnen sein, dass bei den Grabungen der Landesarchäologie nicht alle auf dem Russenfriedhof ruhenden Menschen entdeckt werden. Sie würden weiter an der Reitbrake liegen, während über ihnen eine Bahnwerkstatt gebaut wird. Sollte Bovenschulte dies zulassen, so die Bürgerinitiative, würde er die Reputation Bremens beschädigen. Es sei höchste Eisenbahn, dass er sich um Alternativen für die Bahnwerkstatt kümmert, betont Dieter Winge. Ekkehard Lentz vom Bremer Friedensforum fordert für das Areal Reitbrake eine Gedenkstätte. Eine solche gehöre »an diesen Ort, in geografischem Kontext zu den Nazi-Verbrechen. Alles andere würde die Opfer und ihre Angehörigen verhöhnen«, gibt Lentz zu bedenken.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung