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  • Politik
  • Aufarbeitung der NS-Vergangenheit

Vermitteln, was Faschismus bedeutet

Bundesstiftung will Bildungsprojekte über »NS-Unrecht« fördern. Laut Studie besteht großes Interesse bei jungen Menschen

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 3 Min.
Eines der im Rahmen der
Eines der im Rahmen der "Bildungsagenda NS-Unrecht" von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft geförderten Projekte ist das "Junge Schauspiel Frankfurt", das unter dem Motto "Fragile Verbindungen" Theater- und Videoproduktionen zeigt. Darin setzen sich divers besetzte Jugendensembles mit Opfern und Orten von erzwungener Migration in Frankfurt am Main auseinander.

Die im Jahr 2000 gegründete Bundesstiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft sollte zunächst Anträge ehemaliger Zwangsarbeiter auf »humanitäre Ausgleichsleistungen« für das Erlittene bearbeiten und die bescheidenen Summen auszahlen. Von Beginn an gehörte auch die Förderung von Projekten zur Bewahrung der Erinnerung an die in der Zeit des Hitlerregimes begangenen Verbrechen sowie »Menschenrechtsbildung« zu den Aufgaben der Einrichtung.

Jetzt startet die beim Bundesfinanzministerium angesiedelte Stiftung mit einer »Bildungsagenda NS-Unrecht« ein neues Förderprogramm. Damit sollten insbesondere junge Menschen angesprochen werden, sagte Stiftungschefin Andrea Despot bei der Vorstellung des Vorhabens am Dienstag in Berlin. Unterstützung sollen nach ihren Worten »ausgewählte Projekte für geschichtsbewusstes, lebendiges Erinnern an die nationalsozialistische Verfolgung und gegen Ausgrenzung und Diskriminierung« erhalten.

Nach dem Start einer Pilotphase im vergangenen Jahr 2021 werden nach Angaben von Despot derzeit 17 bundesweite und europäische Projekte mit bis zu neun Millionen Euro finanziert. Einen Schwerpunkt solle das »Lernen im Netz« bilden, sagte Despot, denn es sei »Hauptlernort für junge Menschen«. Despot erinnerte an die Worte der im Juli 2021 verstorbenen Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano: »Erinnern heißt handeln.« Dies verstehe man als Auftrag, »Wissen mit verantwortlichem Denken und geschichtsbewusstem Handeln zu verweben«.

Zugleich hat die Arbeit der Stiftung nur wenige Berührungspunkte mit dem Geschichtsunterricht an den Schulen: »Das curriculare Durchschlagen wird sehr beschränkt sein, zumal Bildung auch Ländersache ist«, teilte Despot auf Nachfrage mit.

Mit den Projekten will die Stiftung auch die Schicksale von Opfergruppen ins Gedächtnis rufen, für die es bislang wenig Aufmerksamkeit gebe, so etwa diejenigen von aus Osteuropa verschleppten Kindern, die in das Bild der Nazis vom »arischen« Menschen passten. Sie wurden in »Lebensborn«-Heimen aufgezogen und oft von Anhängern des Regimes adoptiert, also ihrer familiären Wurzeln beraubt.

Annette Schavan, Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung und ehemalige CDU-Bundesbildungsministerin, sagte, man wolle mit der Bildungsarbeit »die Gesellschaft stark und wach machen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« und dazu beitragen, die sich mehrenden Angriffe »auf Menschenwürde und Demokratie« abzuwehren. Diese manifestierten sich auch auf Demonstrationen gegen die Pandemiebekämpfungsmaßnahmen, auf denen diese mit der Verfolgung in der Nazizeit gleichgesetzt würden.

Die Stiftung stellte am Dienstag auch erste Ergebnisse der von ihr geförderten aktuellen MEMO-Jugendstudie zu Einstellungen junger Menschen zur Aufarbeitung der NS-Zeit vor. Für die Untersuchung wurden im vergangenen Sommer fast 3500 repräsentativ ausgewählte Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren befragt. Mehr als drei Viertel von ihnen finden es sinnvoll, sich weiterhin mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig gibt fast die Hälfte der Befragten an, dass sie sich bisher »eher wenig« oder »überhaupt nicht« mit Bezügen dazu in der eigenen Familiengeschichte befasst haben.

Bemerkenswert die Aussage von Luise Hölscher, Staatssekretärin im Finanzministerium, Deutschland habe sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs »stets klar zu seiner historischen Verantwortung für die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung bekannt«.

Ein materielles Bekenntnis zu dieser Verantwortung gab mit der Stiftungsgründung erst 55 Jahre nach Kriegende. Sie war Resultat langwierigen Feilschens um die Einzahlungen in den Stiftungsfonds durch deutsche Unternehmen, die in der Nazizeit von der Ausbeutung von Zwangsarbeitern profitiert hatten. Am Ende steuerten 6000 Firmen gut 2,5 Milliarden Euro bei, von der Bundesregierung kam die gleiche Summe. Insgesamt wurden 1,66 Millionen Anträge von Opfern positiv beschieden, die durchschnittliche Auszahlung betrug rund 2700 Euro.

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