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Die Kehrseite des Wirtschaftswunders

Der Abschied vom Verbrennungsmotor sorgt in Thüringen für Ungewissheiten. Den Beschäftigten droht ein sozialer Abstieg

  • Von Sebastian Haak, Arnstadt
  • Lesedauer: 7 Min.
Der Weltkonzern Bosch orientiert sich als Automobilzulieferer um. Die Beschäftigten des Standorts in Arnstadt trifft dies hart, denn es gibt kaum vergleichbare Jobs in der Region.
Der Weltkonzern Bosch orientiert sich als Automobilzulieferer um. Die Beschäftigten des Standorts in Arnstadt trifft dies hart, denn es gibt kaum vergleichbare Jobs in der Region.

Ein Jahr bei vollem Gehalt nicht arbeiten zu müssen. Was sich wie eine geradezu traumhafte Situation anhört, ist für Maximilian Weise eher ein Albtraum. Einer, aus dem er gerne erwachen würde, um festzustellen, dass er das Ganze wirklich nur geträumt hat. In seinen Worten klingt das so: »Man fühlt sich irgendwie nutzlos.« Sieben Jahre lang hätten er und seine Kollegen »Gas gegeben«. »Und jetzt auf einmal heißt es: Wir brauchen euch nicht mehr.« Das Weihnachtsfest 2021 sei das schlimmste gewesen, das er je erlebt habe. »Fürchterlich.« Und dabei sei er noch einer von denen, die es - wie auch Domian Schulz - im Vergleich zu manchen seinen Kollegen relativ gut hätten. »Ich kann mir gut vorstellen, dass wir Kollegen haben, die einfach absacken«, sagt Schulz.

Um zu verstehen, was Weise und Schulz - die nicht wirklich so heißen, aber zu ihrem Schutz so genannt werden müssen - so niederdrückt, muss man zurückgehen in die Geschichte von Bosch in Arnstadt, wo beide gearbeitet haben, und einen Blick auf ihre nicht gerade rosigen Zukunftsaussichten werfen. Sie fürchten einen massiven sozialen Abstieg und können daher ihre freie Zeit nicht richtig genießen. Eine vergleichbare Beschäftigung werden sie wohl nur schwer finden, was ein schlechtes Licht auf den Wirtschaftsstandort Thüringen wirft. Auch mehr als dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung spielen dort Tarifverträge kaum eine Rolle, und es werden überdurchschnittlich oft Niedriglöhne gezahlt. Das, was Weise und Schulz erleben und fühlen, bringt viele der wirtschaftlichen Probleme im Freistaat ans Licht.

Weise und Schulz haben bei Bosch bis vor Kurzem Regler für Lichtmaschinen von Verbrennungsmotoren hergestellt. Hervorgegangen war diese Fertigung aus der Solarsparte des Unternehmens, die dereinst groß war in Arnstadt, 2014 aber sang- und klanglos unterging. Um wenigstens einige Arbeitsplätze zu sichern, suchte der Weltkonzern damals ein Produkt, dessen Fertigung sich schnell in die Mitte Thüringens verlagern ließ, ganz egal, wie zukunftsträchtig es war. Etwa 100 Mitarbeiter haben die Regler zuletzt in Arnstadt produziert.

Doch mit dieser Produktion ist seit Dezember 2021 Schluss. Der Konzern argumentiert, es gebe wegen des Wandels in der Automobilindustrie weg von Verbrennern hin zu E-Autos keine Nachfrage mehr nach Reglern für Lichtmaschinen. Das Unternehmen habe in den vergangenen Jahren geprüft, ob die Herstellung anderer zukunftsträchtiger Produkte in dem Werk angesiedelt werden könne, hatte eine Sprecherin des Konzerns vor einigen Wochen erklärt - und hinzugefügt: »Leider ist das nicht in wirtschaftlich vertretbarer Weise möglich.«

Also hat Bosch die Beschäftigten in Arnstadt am 1. Dezember 2021 in die bezahlte Freistellung geschickt. Die betroffenen Mitarbeiter erhalten nach Angaben des Unternehmens bis Ende 2022 ihr volles Gehalt. Ohne dafür arbeiten zu müssen. Dann werden sie - Stand jetzt - keine Bosch-Mitarbeiter mehr sein. Ihre bis dahin laufenden Arbeitsverträge werden nach den Plänen des Unternehmens enden. Es sei denn, die Mitarbeiter wechseln an andere Bosch-Standorte, gehen vorzeitig in Rente oder scheiden gegen die Zahlung einer Abfindung früher als Ende des laufenden Jahres aus ihrem bestehenden Arbeitsverhältnis aus.

Der Betriebsrat von Bosch in Arnstadt, der Gesamtbetriebsrat des Unternehmens und die IG Metall laufen seit Wochen Sturm gegen diese Pläne. Aus Solidarität und Verbundenheit mit den Thüringer Beschäftigten. Und weil sie Bosch vorwerfen, in Arnstadt etwas erproben zu wollen, das bald konzernweit angewandt werden könnte: Bosch wolle in Thüringen testen, wie Arbeitnehmervertreter darauf reagierten, wenn die Rechte von Beschäftigten massiv verletzt würden, sagte der Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Erfurt, Kirsten Breuer, vor wenigen Wochen. Dann wurde seine Wortwahl noch deutlicher: »In Arnstadt soll ein Testballon gestartet werden, um zu gucken, wie sich IG Metall und Betriebsrat verhalten, wenn man reingeht wie in ein Kirmeszelt und da Leuten mit voller Wucht in den Bauch tritt.«

Aus Sicht der Betriebsräte und Gewerkschafter haben die Beschäftigten vor dem Hintergrund eines bestehenden Arbeitsvertrages ein Recht darauf, von ihrem Arbeitgeber mit Arbeit versorgt zu werden - auch wenn es von Bosch heißt, die bezahlte Freistellung der Beschäftigten stehe »im Einklang mit den rechtlichen Erfordernissen«, wie es die Unternehmenssprecherin formuliert hatte. Nun werden sich wohl bald auch die Arbeitsgerichte mit der Frage beschäftigen, welche dieser Rechtsauffassungen Bestand haben wird. Nach Angaben der IG Metall haben inzwischen 65 der etwa 100 Bosch-Beschäftigen in Arnstadt einen Anspruch auf Arbeit gerichtlich geltend gemacht.

Doch Weise und Schulz sagen beide, sie hätten es angesichts dieser Gesamtsituation derzeit noch vergleichsweise gut, auch wenn sie zu Hause säßen und sich nutzlos fühlten. Beide leben im Eigenheim, und dort, sagen sie, gebe es immer etwas zu tun. Sie könnten sich also auch ganz gut ohne die Produktion von Autozubehör beschäftigen. Andere ihrer Kollegen aber säßen in Mietwohnungen ohne Garten und wüssten teilweise nicht, was sie mit sich anfangen sollten, gerade jene, die noch viele Jahre von der Rente entfernt seien. Einigen drohe die Tagesstruktur verloren zu gehen, auch wenn sich ihr Bankkonto in den nächsten Monaten noch regelmäßig füllen wird. »Geld ist eben nicht alles«, sagt Schulz.

Doch der Blick auf die Zeit nach dem 31. Dezember 2022 bereitet auch den beiden Männern Sorgen. Bosch werfen sie vor, in den vergangenen Jahren nicht auf all die Ideen und Gesprächsangebote des Betriebsrats eingegangen zu sein, die das Ziel hatten, den Standort langfristig zu erhalten.

Die Zukunftsangst von Weise und Schulz offenbart, wie es aus der Perspektive vieler Beschäftigter wirklich um den Wirtschaftsstandort Thüringen bestellt ist. Zwar wurden Lobeshymnen darauf gesungen, wie gut sich das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten entwickelt habe; Wirtschaftsvertreter klagen schon lange über den Fachkräftemangel in Deutschland und vor allem im vom demografischen Wandel besonders betroffenen Osten. Quasi jeder finde dort eine Anstellung, sagen sie.

Weise und Schulz wollen einer solchen Aussage nicht pauschal zustimmen. Auch wenn es ihnen gelingen sollte, einen neuen Job zu bekommen, so rechnen sie damit, dass sie sich wohl finanziell deutlich verschlechtern werden. Deshalb wollen die beiden Männer bei allem Groll, den sie gegenüber Bosch empfinden, am liebsten Beschäftigte des Konzerns bleiben.

Dieser Wunsch hat vor allem damit zu tun, dass Bosch nach Tarif bezahlt. Wenn nicht unmittelbar nach einem Flächentarifvertrag, so doch - wie über Jahre hinweg in Arnstadt - zumindest in Anlehnung an diesen, was den Beschäftigten in der Regel noch immer bessere Arbeits- und Entlohnungsbedingungen garantiert, als sie in nicht-tariflich gebundenen Unternehmen hätten.

»Eine durch den Betriebsrat überwachte, tarifliche gesicherte Beschäftigung, das ist selten in Thüringen«, sagt Breuer, der sich zwar einerseits darüber ärgert, dass die Bosch-Beschäftigten bei der Ansiedlung der Reglerproduktion in Arnstadt vor ungefähr sieben Jahren etwa ein Fünftel weniger Geld verdient hätten, als es der für sie eigentlich geltende Flächentarifvertrag ihnen versprach. Zuletzt war die Lohnlücke nach seinen Angaben zufolge immerhin kleiner geworden.

Andererseits aber räumt sogar der Gewerkschafter ein, dass Weise, Schulz und ihre Kollegen selbst damit noch immer besser verdient haben als viele Mitarbeiter in anderen tariflosen Unternehmen. Ganz zu schweigen davon, dass Breuer die betriebliche Altersvorsorge bei Bosch fast schon überschwänglich lobt.

Der Wunsch von Weise und Schulz, langfristig im Dienst von Bosch zu bleiben, hat aber auch damit zu tun, dass sie nicht daran glauben, dass der Wechsel zu einem anderen Unternehmen ein Selbstläufer wird, obwohl es ja eigentlich einen Fachkräftemangel auch in ihrer Branche gibt.

Beide Männer waren nämlich zuletzt in zentralen Funktionen bei Bosch tätig. Sie haben Tätigkeiten verrichtet, die mit ihren erlernten Handwerksberufen nichts mehr zu tun hatten. Doch wenn sie bei anderen Unternehmen nach Jobs fragen, erzählen sie, dann werden sie einzig danach beurteilt, welche formalen Qualifikationen sie vorweisen können, welche Zeugnisse und welche Berufsabschlüsse sie haben. All das Wissen, das sie sich in den vergangenen Jahren mehr oder weniger inoffiziell und ohne Nachweise durch ihre Arbeit in der Autozuliefererindustrie angeeignet haben, spiele für andere Unternehmen keine wirkliche Rolle.

Deshalb befürchten sie, dass ihnen außerhalb von Bosch nur Jobs angeboten werden, die mit Blick auf die zu erledigenden Arbeiten und den dafür gezahlten Lohn eine deutliche Verschlechterung bedeuten würde. »Für andere Unternehmen bin ich einfach nicht das Fachpersonal, das sie suchen«, sagt Weise. Der Gewerkschafter Breuer generalisiert das: Die Wirtschaft in Thüringen tue sich trotz allen Jammerns über den Fachkräftemangel noch immer »extrem schwer damit, non-formale Bildung wirklich anzuerkennen und entsprechend zu bezahlen«.

Aber trotz allem, die Hoffnung, dass es für sie in Arnstadt als Bosch-Beschäftigte doch noch irgendwie weitergehen könnte, haben weder Weise noch Schulz gänzlich aufgegeben. »Wir haben schon mal Außergewöhnliches geschafft«, sagt Schulz in Anspielung auf den Wandel vom einstigen Solar- zum Regler-Standort. Noch liegen etwa elf Monate eines Dämmerzustandes vor ihnen, der beiden noch viel Schlaf rauben wird.

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