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  • »Ballade von der weißen Kuh«

Sich zur Wahrheit lügen

Beklemmende Ruhe: Der iranische Film »Ballade von der weißen Kuh« über die Bestialität der Todesstrafe

  • Von Felix Bartels
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Zeit steht still für trauernde Menschen: Witwe und Bruder eines unschuldig Hingerichteten in dem Film »Ballade von der weißen Kuh«
Die Zeit steht still für trauernde Menschen: Witwe und Bruder eines unschuldig Hingerichteten in dem Film »Ballade von der weißen Kuh«

Wie schleppend darf ein Film eigentlich sein? Die »Ballade von der weißen Kuh« mittelt das aus. Dass bei der Langsamkeit keine Langeweile entsteht, darin liegt ihr eigentliches Kunststück. Sie handelt von der Todesstrafe, deren Unmenschlichkeit und davon, wie viel Kraft einer aufbringen sollte, gegen das Vergangene anzukämpfen, und wie viel darauf, mit dieser Last zurechtzukommen. Gerade aber, dass der Fall, den wir sehen, kein politischer ist, macht ihn politisch. Dissidenten sind sich des Risikos bewusst, das sie eingehen. Ein gewöhnlicher Mensch, der unschuldig in die Todeszelle gerät, verdeutlicht stärker das Bestialische der Todesstrafe: dass sie einmal vollzogen nämlich nicht mehr korrigiert werden kann.

Der Film erzählt von Mina, die in einer nicht näher bestimmten Stadt im Iran wohnt, zu einer nicht genau datierten Zeit. Mina ist Witwe, ihr Mann wird zu Beginn der Handlung zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihrer gemeinsamen Tochter Bita verschweigt sie diese Umstände, erzählt ihr vielmehr, dass der Vater auf eine lange Bildungsreise gegangen sei. Ein Jahr nach der Hinrichtung stellt sich heraus, dass der Verurteilte unschuldig war. Die Behörden des Landes bieten Mina eine finanzielle Entschädigung an, die sie dringend benötigt, da sie als alleinerziehende Fabrikarbeiterin ihre Rechnungen kaum zahlen kann. Für Mina aber geht es um mehr als bloß eine finanzielle Entschädigung, sie will eine offizielle Anerkennung der Unschuld, was aufgrund des göttlichen Charakters der geltenden Rechtsform zum Politikum wird.

Eines Tages läutet Reza an Minas Tür, der sich als Freund ihres Mannes zu erkennen gibt und eine finanzielle Schuld begleichen möchte. Recht bald stellt sich für den Zuschauer heraus, dass die Schuld, die er zu tilgen hat, anderer Natur ist. Mina hingegen tappt noch lange im Dunkeln.

Getragen wird diese Handlung von einer eminenten Bildästhetik, deren Wirkung vollständig aus der Szene kommt. Die Kamera bleibt durchweg statisch, veranstaltet keine Spielereien, während die Motive, die von ihr eingefangen werden, zum Gemälde taugen. Die Formen, Linien, Strukturen, die Architektur der Orte - sei es die äußere Ansicht eines Hauses, sei es der langgezogene Flurgang einer Haftanstalt -, all das überwältigt nicht, es spricht vielmehr zum Zuschauer.

Konsequenterweise verzichtet der Film ganz auf Musik und schafft so eine Ruhe, die nicht nur beklemmend ist, sondern zugleich einen Eindruck davon vermittelt, wie still die Zeit für einen trauernden Menschen steht. Entsprechend ist auch das Erzähltempo so langsam, dass man es gerade noch ertragen kann. Da passiert insgesamt erstaunlich wenig, wir sehen reine Charakterdramaturgie - nur eben mit ganz wenig Dramaturgie. Es geht ums Innere. Das erfordert eine feine Spielweise, und über allen glänzt hier Avin Poor Raoufi als stumme Bita. Wie das hochsensible Mädchen, dem keine Regung der Mutter entgeht, erkennbar merkt, wenn es belogen wird, und doch nichts sagt (auch mit Gebärden nicht), wie sehr die Mutter aufhört, seine Mutter zu sein, und das Kind durch konziliantes Verhalten Verantwortung für die Mutter und also die Familie übernehmen muss, all das legt die vielleicht zehnjährige Darstellerin in ihre Augen.

Ob man lügen darf, um einem geliebten Menschen Schmerz zu ersparen, ist filmisch oft gefragt worden. Die Sache erzählt sich leicht herunter, wenn das Setting insgesamt bedrückt. Trostlose Diktaturen sind besonders geeignet. In der »Ballade von der weißen Kuh« geht es aber nicht um Leben und Tod - Wahrheit selbst wird hier Thema, was dann auch das moralische Maß ändert. Reza, der helfen möchte, den Justizfehler zu korrigieren, belügt zugleich Mina. Mina, die gegen den Staat auf Wahrheit pocht, belügt ihre Tochter. Mit jedem Schritt hin zur Wahrheit machen die Figuren auch einen hin zur Lüge. Sie lügen sich zur Wahrheit.

Zudem hat Minas Verhalten hier eine andere Funktion als in vergleichbaren Filmen, etwa »Jakob der Lügner« (1975), »Das Leben ist schön« (1997) oder »Good Bye, Lenin!« (2003), in denen Unwahrheit zum Mittel der Hoffnung wird. Mina lügt, weil sie sich andernfalls aufraffen, den permanenten Blick auf die Vergangenheit wieder in die Zukunft richten müsste. So sehr sie ihre Tochter liebt, wir sehen hier nebenbei auch das Drama eines seelisch vernachlässigten Kindes, dessen Mutter es ungewollt teilhaben lässt am Schmerz, statt stark für es zu sein und ihm damit Sicherheit und Hoffnung zu geben. Mina tut also das Gegenteil dessen, was Guido Orefice in »Das Leben ist schön« tat.

Weniger gebrochen ist ihr Standpunkt im Hauptthema des Films, dem Kampf der Witwe um den Ruf ihres Mannes. Sie will keine finanzielle Entschädigung, sondern Wiedergutmachung. Der Hingerichtete kann nicht ins Leben zurückgeholt, doch wenigstens seine Reputation könnte wiederhergestellt werden. Damit sprengt Mina das paradoxe Rechtsverständnis ihrer Welt, demnach Recht nicht menschlich, sondern gottgegeben sei und damit eigentlich nicht revidiert werden kann. Alles - Verbrechen, Urteil, Strafe - ist Allahs Wille; jede nachträgliche Änderung widersetzte sich dem Göttlichen oder stellte es infrage. Justizirrtümer werden folglich nur selten und stets gegen Widerstand revidiert. Das nicht menschliche Recht wird also zum unmenschlichen Recht.

Die weiße Kuh (die wir zweimal, zu Beginn und zum Ende des Films, in einer eindrucksvollen Einstellung sehen) spielt auf die al-Baqara-Sure im Koran an. Deren Bezeichnung leitet sich ab aus einer Äußerung des Propheten Mose. Die Kuh erscheint in seiner Rede, wie meistens im religiösen Kontext, als Opfer. Der Film nimmt sie als Metapher für schuldlos zum Tod Verurteilte. Die Sure propagiert das Qisas-Prinzip, das in der abendländischen Tradition Talionsrecht heißt und dem Prinzip der Kompensation entgegensteht. Nicht Wiederherstellung des alten Zustands ist das Ziel. Die Tat wird in der Strafe gespiegelt; dem Täter widerfahre, was er selbst getan hat: Mörder werden hingerichtet, Diebe um ihre Hand (also das, womit sie die Tat begangen haben) kürzer gemacht. Die Sure sieht nun aber (im Vers 178) anstelle der Vergeltung am Körper die Zahlung von Geld vor. Zur Entlastung des Gottes und zur Barmherzigkeit zwischen den Verbliebenen. Es soll, in unser Verständnis übersetzt, nicht noch mehr Blut fließen als ohnehin schon.

Aber genau hier wird die Sache paradox, denn ob die finanzielle Entschädigung eher dem Prinzip der Talion oder eher dem der Kompensation zuzurechnen wäre, ist nicht auszumachen. Die Zahlung lässt sich angesichts der Fähigkeit des Geldes, verschiedene Qualitäten in einem Maß auszudrücken, sowohl als Spiegelung der Tat verstehen wie auch als Wiederherstellung. Zugleich ist sie beides nicht: Sie tut dem Täter nicht an, was er dem Opfer antut; sie macht nicht ungeschehen, was dem Opfer geschah. Mina will weder das eine noch das andere. Eine öffentliche Anerkennung des Fehlurteils lässt nicht das Leben, aber das Nachleben ihres Mannes, seinen Abdruck in der Erinnerung der anderen wieder gut sein.

»Ballade von der weißen Kuh« (»Ghasideyeh gave sefid«): Iran/Frankreich 2020. Regie: Maryam Moghaddam, Behtash Sanaeeha. Drehbuch: Mehrdad Kouroshniya, Maryam Moghaddam, Behtash Sanaeeha. Mit: Maryam Moghaddam, Alireza Sani Far, Avin Poor Raoufi. 105 Minuten. Start: 3. Februar.

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