Wenn Windräder Krabben als Kinderstube dienen

Die neue Bundesregierung will Windkraft an Land und auf See stark ausbauen. Ein intelligenter Artenschutz muss damit nicht kollidieren

  • Von Ingrid Wenzl
  • Lesedauer: 8 Min.
Die Trottellummen auf Helgoland machen um Windanlagen auf See einen großen Bogen. Taschenkrebse und Muschelfarmen dagegen profitieren von den Fundamenten.
Die Trottellummen auf Helgoland machen um Windanlagen auf See einen großen Bogen. Taschenkrebse und Muschelfarmen dagegen profitieren von den Fundamenten.

Nach jahrelangem Stillstand in der Klimapolitik tut sich wieder etwas. Die neue Bundesregierung plant, die erneuerbaren Energien in großem Umfang auszubauen. Zwei Prozent der Landesfläche sollen mit Windrädern bestückt werden. Auf See sollen Windenergieanlagen bis 2030 ganze 30 Gigawatt (GW) produzieren, bis 2035 sollen es 40 GW sein und 2045 sogar satte 70 GW. Das übertrifft deutlich die bisher gesetzlich festgeschriebenen Ziele. Heute erzeugen Windparks in der deutschen Nord- und Ostsee gerade mal 7,8 GW.

Teile der Bevölkerung lehnen einen Ausbau nach wie vor ab. Insbesondere in Bayern gelten strenge Abstandsregeln zu Wohnhäusern. Einem massiven Ausbau stehen aber auch Artenschutz-Auflagen entgegen. Als besonders gefährdet gelten Greifvögel und Fledermäuse. Immer wieder geraten Individuen davon in die rotierenden Flügel. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht, da aus Kostengründen Schlagopfer nicht mehr gezählt werden. Eine Studie, die Ende letzten Jahres im Fachjournal »Ecological Applications« erschien, schätzt, dass jährlich zwei bis 30 Fledermäuse pro Windkraftanlage sterben. Das wären in Deutschland bei etwa 20 000 Anlagen ohne Abschaltvorrichtungen bis zu 600 000 im Jahr. Bei Vögeln könnten es im selben Zeitraum rund 100 000 Individuen sein.

Unter ihnen sind Mäusebussard und Rotmilan die häufigsten Kollisionsopfer. Dabei kommt Letzterem in Deutschland bei der Populationssicherung eine besondere Bedeutung zu: Hier brütet über die Hälfte seiner Gesamtpopulation. Laut dem Nationalen Vogelschutzbericht 2019 sind es zwischen 14 000 und 16 000 Paare.

Populations- statt Individuenschutz

Um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu beschleunigen, sieht der Koalitionsvertrag vor, dass beim Artenschutz der Fokus in Zukunft stärker auf ganzen Populationen als auf Individuen liegen soll. Das bisherige Schutzniveau soll dabei insgesamt erhalten bleiben. Bei Fledermäusen sei das schwierig, konstatiert der Leiter der Abteilung Evolutionäre Ökologie am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin, Christian Voigt, denn man wisse gar nicht, wie groß die Populationen seien. »Gerade bei den Risikoarten wie Rauhautfledermaus und Abendsegler haben wir es mit migrierenden Arten zu tun, die im offenen Raum jagen«, erklärt er. »Wir haben in unseren Untersuchungen nachgewiesen, dass (damit) der Einflussbereich von Windenergieanlagen hier in Brandenburg bis ins Baltikum reichen kann.«

Gute Erfolge erzielt im Fledermausschutz die Auflage, bei Inbetriebnahme neuer Windanlagen diese in den ersten zwei Jahren nachts bei Temperaturen über 10 Grad sowie während der Migrationszeit abzuschalten. Weisen die Betreiber*innen über ein akustisches Monitoring nach, dass die Bedingungen zu streng sind, können sie nach den zwei Jahren entsprechend angepasst werden. Laut Voigt gilt das jedoch nur für ein Viertel der bundesdeutschen Anlagen, da die anderen vor dieser Regelung ans Netz gingen. Hier bestehe ein Anpassungsbedarf.

Auch bei Greifvögeln kann die Technik helfen, Zusammenstöße zu verhindern. Laut Katrin Ammermann vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) befinden sich solche Systeme kurz davor, sich auf dem Markt zu etablieren. »Bei den hochwertigsten handelt es sich um kameragestützte Systeme mit künstlicher Intelligenz, die den Vogel in seiner Art erkennt und die Windanlage abschaltet, wenn er direkt auf diese zufliegt«, berichtet sie.

Artenschutz bedeutet aber auch, dass Windkraftanlagen an ökologisch besonders sensiblen Orten erst gar nicht gebaut oder Ausgleichsmaßnahmen getroffen werden. Die Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums, Katrin Böhning-Gaese, sieht eine zentrale Stellschraube für den Schutz des Rotmilans darin, insgesamt seine Lebensbedingungen zu verbessern. Sein Bestand leidet stark unter der Intensivierung der Landwirtschaft. »Wenn sie die Jungen großziehen, brauchen sie sehr viel Nahrung. Früher hat sich der Rotmilan ganz massiv von Feldhamstern ernährt. (Aber) der Feldhamster ist inzwischen auf der Roten Liste«, erläutert sie. Indem man die Landwirtschaft extensiviere oder auf Ökolandbau umstelle, mehr Hecken pflanze oder Waldinseln schaffe, profitiere davon nicht nur der Rotmilan selbst, sondern der gesamte Lebensraum. Das setzt jedoch ein generelles Umdenken voraus. Alle zuständigen Bundesministerien müssen dafür an einem Strang ziehen.

Mehr Windkraft auf See

Vergleichbare Lösungen auf See zu finden, ist schwer. Die Nord- und Ostsee sind ein eng bewirtschaftetes Terrain. Dort drehen sich nicht nur Windräder, es wird nahezu überall gefischt, Sand- und Kies abgebaut sowie Erdgas und Öl gefördert. Es herrscht reger Schiffverkehr und militärische Übungen finden statt.

Schon heute stellen Offshore-Windparks nachts bei schlechter Witterung und Sicht für ziehende Singvögel eine beträchtliche Gefahr dar. Unterschiedlich sensibel reagieren verschiedene Seevogelarten. Als besonders scheu gelten die bei uns überwinternden Seetaucherarten; Windparks stören sie schon in einer Entfernung von zehn Kilometern. Ursprünglich angelockt von dem im Frühling nahe Sylt vorbeifließenden, fischreichen Jütlandstrom, weichen sie wegen der Anlagen auf andere, weniger günstige Gebiete aus.

Eine 2021 im »Journal of Environmental Management« erschienene Studie von Verena Peschko vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Kolleg*innen zeigt, dass auch Basstölpel während der Brutzeit in der Regel Windparks aus dem Weg gehen, wenn sie auf Nahrungssuche gehen. In Deutschland findet sich eine einzige große Brutkolonie dieser Vögel auf Helgoland. Die Offshore-Windparks in 23 bis 35 Kilometer Entfernung stellen für knapp 90 Prozent von ihnen eine Barriere dar; so nehmen sie weitere Flugstrecken bei der Nahrungssuche in Kauf, was ihr Energiebudget reduzieren und sich negativ auf die Kükenaufzucht auswirken kann. Vorangegangene Forschungen ergaben, dass auch Trottellummen und Dreizehenmöwen sensibel auf Offshore-Windanlagen reagierten und diese teilweise stark mieden. Ihre einzige Brutkolonie in der deutschen Nordsee liegt ebenfalls auf Helgoland.

»Schon bei dem in der marinen Raumordnung für 2040 anvisierten Ausbauziel von 43 GW ließen sich vielfach notwendige Abstände zu den Vogelschutzgebieten und Wanderkorridoren geschützter Arten nicht einhalten«, sagt der Leiter der Abteilung Meeresschutz beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), Kim Detloff. Um den Zielen des Koalitionsvertrags nachzukommen, plant das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) nun im selben Gebiet sogar 57,5 GW Windstrom. Das sei mit geltendem Naturschutzrecht unvereinbar, erklärt der NABU. Er fordert weniger Windenergie insgesamt und keine auf naturschutzfachlich kritischen Flächen. Natur- und Klimaschutz dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Zentral sei, dass auch die übrigen Nutzer*innen der deutschen Nord- und Ostsee Abstriche machten, um die Meere zu entlasten und so einen umfassenderen Ausbau der Windkraft zu ermöglichen.

Kombinierte Nutzungen

Eine Entzerrung könnte nach Ansicht des Meeresbiologen Bela Buck vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) Mehrfachnutzungen bringen. Seit über 20 Jahren forscht er zu Aquakulturen in Windparks. Sein Fokus liegt dabei auf sogenannten extraktiven Organismen: »Miesmuscheln, Austern und Algen. Die müssen nicht gefüttert werden. Im Gegensatz zu Shrimps oder Fischen nehmen sie ihre Nährstoffe aus der Wassersäule auf«, erzählt Buck. Erste halbkommerzielle Projekte gäbe es inzwischen in Belgien, wo Miesmuscheln in Windparks kultiviert würden. In Asien seien es hauptsächlich Algen, aber auch Seegurken. In deutschen Offshore-Windparks gilt laut Ammermann dagegen für die Fischerei aus Sicherheitsgründen ein Fahrverbot.

Buck und andere Wissenschaftler*innen des AWI und des Thünen Instituts haben über zwei Jahre auch untersucht, wie sich die Randbereiche der Offshore-Windparks für Fischerei und Aquakultur nutzen ließen. Dabei erwiesen sich die künstlichen Riffe als adäquater Lebensraum für junge, in der Nordsee heimische Taschenkrebse. Die erwachsenen Tiere wandern an den Rand der Windparks ab. Vanessa Stelzenmüller vom Thünen Institut sieht darin eine Chance für umweltverträglichere Fischereipraktiken. Der Meeresboden bleibe dabei unbeschädigt und es werde kein Beifang erzeugt. Detloff warnt jedoch vor einem möglichen Reboundeffekt: »Erfahrungen zeigen, dass neue Nutzungen nicht zur Aufgabe traditioneller Ansprüche führen«, sagt er.

Technischer Fortschritt

Einen möglichen Ausweg sieht er in mehr Effizienz: So haben Wissenschaftler*innen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) berechnet, dass linksdrehende Rotoren aufgrund der Corioliskraft in der nördlichen Hemisphäre bis zu 23 Prozent mehr Strom produzieren könnten. Speziell auf See könnte sich das rechnen. Doch die Windkraftbranche reagiert einstweilen skeptisch.

Wie an Land können technische Neuerungen Beeinträchtigungen für die Meeresfauna zumindest abpuffern. Mittels Radar ließe sich der Breitfrontzug der Singvögel besser vorhersagen, sodass bei schlechtem Wetter die Windparks vorübergehend abgeschaltet werden könnten. Und die Errichtung schwimmender Windräder, wie sie sich bereits vor Schottland drehen, produziert deutlich weniger Schallemissionen als das Rammen der Monopiles. Dies käme den sehr lärmempfindlichen Schweinswalen zugute, deren Population in der Nordsee in den letzten 20 Jahren um die Hälfte geschrumpft ist. Eine Herausforderung stellt dabei nach jetzigem Kenntnisstand laut BfN allerdings die geringe Wassertiefe vor deutschen Küsten dar.

Die Technik allein wird es nicht richten. »Transformation kann nicht bedeuten, fossile Energieträger eins zu eins gegen erneuerbare auszutauschen«, erklärt Kim Detloff, gerade wenn man den hohen Energiebedarf der Schwerindustrie und die Mobilität mitdenke. Deutschland habe dafür schlicht nicht genug Fläche. Was es braucht, ist eine ernsthafte Debatte über das Thema Suffizienz und eine wahre Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft.

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