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Was Satelliten nicht zeigen

Hochgerüstetes Europa: Propaganda – hier wie da – führt zu Zerrbildern

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.
Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt den Einsatz von Kampfgruppen auf dem Truppenübungsplatz Pogonovo in Woronesch, Russland am Sonntag, 16. Januar 2022.
Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt den Einsatz von Kampfgruppen auf dem Truppenübungsplatz Pogonovo in Woronesch, Russland am Sonntag, 16. Januar 2022.

Uns erreichen Satellitenfotos russischer Militärdepots. Die sind reichlich gefüllt. Wahlweise werden mal 170 000, mal »nur« 100 000 russische Soldaten nahe der Grenze zur Ukraine vermutet. Wie angriffsfähig sind sie objektiv? Auffällig ist, dass wesentlich mehr Technik vorhanden ist als Unterkünfte für deren Besatzungen. Wo sind die Lager für Munition, Treibstoff, Verpflegung? Schneefall hilft zu erkennen, dass nur einige der Baracken und Zelte belegt sind. Oft fehlen Fahrzeugspuren, die auf Betrieb hinweisen. Satellitenbilder von Militärflugplätzen, auf denen Transporter, Kampfjets und Hubschrauber stehen, sind ebenso rar. Dafür werden kurze Videos aus nicht überprüfbaren Quellen in Endlosschleife gezeigt. Was verraten die Twittereien über Kolonnen, wohin gehen die gefilmten Eisenbahntransporte?

Stutzig macht, dass sogar mehr oder weniger selbst ernannte Fachleute nach dem Abschuss von Flug MH 17 den Weg einzelner Raketensysteme quer durch Russland bis in den Donbass medial verfolgen konnten. Nun jedoch ist es nicht möglich, den Verbleib ganzer Einheiten aufzuklären? Von westlichen Medien gern genommen werden Sequenzen vom russischen Militär-TV. Gezeigt um innere Stärke zu signalisieren, sind sie als Rechtfertigung westlicher Aufrüstung hochwillkommen.

Gibt es eigentlich noch das Radarsatelliten-Aufklärungssystem der Bundeswehr, das tageszeit- und wetterunabhängig Daten sammeln kann? Dass der extra für den Open-Skies-Einsatz angeschaffte deutsche Aufklärungs-Airbus nur Corona-Patienten verlegen hilft, ist nicht die Schuld der Bundeswehr. Der 2002 in Kraft getretene und von 34 Staaten signierte Vertrag zur gegenseitigen legalen Beobachtung militärischer Aktivitäten wäre jetzt so wertvoll wie nie. Doch die USA haben dieses Instrument der Vertrauensförderung aufgekündigt.

Russland ist nicht allzu freizügig mit Informationen über seine militärischen Operationen. Ist der Westen offener? Die Nato ist – ganz gegen die Interessen Moskaus – einiger, gestärkter und einsatzfähiger. Gerade haben die 30 Mitgliedstaaten den massiven Ausbau ihrer Präsenz im östlichen Bündnisgebiet auf den Weg gebracht. Aber wieso redet man immer nur über die aus anderen Allianzstaaten herangeführten Verstärkungskräfte? Wieso wird das Potenzial der Ukraine und das der gastgebenden Nato-Nationen gänzlich ausgeblendet? Allein Polen verfügt über 160 000 solide ausgerüstete und ausgebildete Soldatinnen und Soldaten plus Reserve.

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Nach der russischen Okkupation der Krim schickte die Nato 2017 vier multinationale Kampfgruppen von jeweils gut eintausend Soldaten und Soldatinnen an die Ostflanke der Allianz. Die sogenannte Enhanced Forward Presence Battle Group (EFP) in Polen wird von den USA geführt. US-Präsident Joe Biden hat knapp 5000 Soldaten in das Land beordert. Seit Tagen besteht eine regelrechte Luftbrücke nach Polen, US-Hubschrauber aus Deutschland nach Osten verlegt. Auch Großbritannien verstärkt seine Truppe.

Drei weitere EFP sind in den drei baltischen Republiken stationiert. Die in Litauen wird von der Bundeswehr geführt, die ihre rund 600 Soldaten jetzt durch weitere 350 ergänzt. In Rumänien, das selbst über 70 000 Soldaten verfügt, sind bereits rund eintausend US-Soldaten der 2. Infanteriedivision stationiert. Ein zusätzliches, in Deutschland stationiertes Stryker-Regiment ist im Anmarsch. Massiv verstärkt die Nato ihre Luftraummission im Schwarzmeer- und Ostseeraum.

In Estland und Litauen operieren neben belgischen, US-amerikanische und polnische Jets, in Rumänien italienische und deutsche. B 52 Bomber kreisen wieder über Europa. Lange sträubte sich die Slowakei, doch nun stellt sie den USA zwei Flugplätze zur Verfügung. Auch Norwegen und Dänemark lassen US-Soldaten ins Land. Völlig unbekannt sind die Cyberkriegsfähigkeiten beider Seiten. Oft vergessen wird bei der Auflistung der Einsatz von bemannten und unbemannten Aufklärungsmitteln. Die USA lassen einige sogar über der Ukraine fliegen. Zudem gibt es umfangreiche Luftbetankungsübungen. Sie ermöglichen den Fronteinsatz von Kampfjets von Trägern der USA, Frankreichs und Italiens, die im Mittelmeer schwimmen.

Noch offen ist auch, ob Elemente der 40 000 Soldaten starken Response Force (VJTF) 2023 nach Osteuropa entsandt werden. 2023 wird sich die Bundeswehr mit 16 800 Militärs an der VJTF beteiligen.

Europa ist unter Hochspannung. Auf lange Sicht. Jedes Missverständnis kann – wie im Kalten Krieg – Massenmord bedeuten. Selbst wenn es in den kommenden Monaten gelingt, die in sich politisch verkeilten Kontrahenten zur Vernunft zu bringen – der Weg zur Rückführung der vorgeschickten Militärpotenziale wird ohne den nachhaltigen Aufbau neuer Vertrauensstrukturen nicht klappen.

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