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Eine lehrreiche Reise

Die deutschen Fußballerinnen kehren sieglos vom Turnier aus England zurück

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Schönrederei hat im Leistungssport noch nie geholfen. Also legten die ersten deutschen Fußballerinnen noch am Spielfeldrand im Stadion der Wolverhampton Wanderers den Finger in die offene Wunde. »England hat uns die Dinger gnadenlos reingehauen«, beschied Giulia Gwinn entwaffnend ehrlich. Sara Däbritz vermisste »Abgezocktheit und Cleverness« auf deutscher Seite, weshalb die Kapitänin die 1:3-Niederlage im letzten und wichtigsten Härtetests des hochkarätig besetzten Vier-Nationen-Turniers als »lehrreiches Spiel« einordnete. Abwehrspielerin Sophia Kleinherne begriff die späten Nackenschläge, die EM-Gastgeber England in letzter Minute noch den Gesamtsieg beim erstmals ausgetragenen Arnold Clark Cup bescherten, als Aufforderung für das deutsche Team, »bis zur EM ein ganz anderes Gesicht zu zeigen«. Ansonsten werden die Titelträume bei der Endrunde im Juli auf der Insel schon in der Gruppenphase zerplatzen, wenn mit Vizeeuropameister Dänemark und Geheimfavorit Spanien frühe Stolpersteine warten.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hatte am Mittwochabend offenbar eine andere Ansicht vor den froh gestimmten 13 436 Zuschauern gewonnen: »Die Niederlage ist sehr ärgerlich, weil unnötig. Ich glaube nicht, dass wir die schlechtere Mannschaft waren. Wir haben uns ein bisschen unter Wert verkauft.« Immerhin drückte sich die 54-Jährige nicht um die Erkenntnis, dass beim 1:1 gegen Spanien technische Vorteile, beim 0:1 gegen Kanada mentale Vorzüge und nun gegen England körperliche Pluspunkte bei den Kontrahentinnen zum Vorschein gekommen waren. Dass Deutschland in der Endabrechnung den letzten Platz belegte, beunruhigte sie mit Blick auf die Europameisterschaft in viereinhalb Monaten aber mitnichten. »Wir wissen, warum wir die Spiele nicht für uns entschieden haben. Ich wäre viel erschrockener, wenn wir meilenweit von den anderen Teams in der Gesamtleistung entfernt gewesen wären.« Die Entwicklung von Talenten bräuchte nun einmal Jahre, zudem würden zahlreiche fehlende Akteure zurückkommen, die physisch robuster sind. »Es gibt vielfältige Themen«, beteuerte die Bundestrainerin und hielt vor der Heimreise fast schon trotzig fest: »Sorgen macht mir diese Tabelle nicht.«

Schließlich war es nur ein Testlauf für die EM in England. Und doch sollten die Resultate ein kleiner Weckruf sein. Denn die ersatzgeschwächte Defensive wackelte unter Druck bedenklich. Kräftige Hilfestellung leistete sie bei den Gegentoren von Ellen White nach einer Viertelstunde, Millie Bright in der 84. Minute und Fran Kirby in der Nachspielzeit. Hingegen sah der Auftritt der »Three Lionesses« in manchen Phasen fast schon titelreif aus. Zu Recht lobte deren niederländische Cheftrainerin Sarina Wiegman die enorme Wucht und den großen Willen: »Wir wollten gewinnen. Das war gut zu sehen.«

Dem deutschen Team fehlte in allen Spielen Struktur, Ruhe und Präzision für das Topniveau - und Personal. Nach mehr als einem Dutzend verletzungs- oder coronabedingten Absagen konnten die DFB-Frauen nur streckenweise mithalten. Einerseits stimmt es, dass Säulen wie Lena Oberdorf, Dzsenifer Marozsan, Svenja Huth oder Alexandra Popp in solchen Spielen unverzichtbar sind, doch mit Merle Frohms, Lina Magull, Sara Däbritz, Lea Schüller und Klara Bühl standen noch genügend Stützen auf dem Rasen. »Das Turnier zeigt uns jetzt einfach noch mal, woran wir arbeiten müssen, dass wir noch viel Potenzial haben«, meinte Edeltechnikerin Magull, die in der 40. Minute mit einem unter die Latte gezirkelten Freistoß für den Höhepunkt aus deutscher Sicht gesorgt hatte.

Es wird spannend, welche »Learnings mit der Mannschaft«, von denen Voss-Tecklenburg redete, demnächst in die Wege geleitet werden - und welche Defizite eher grundsätzlicher Natur sind, die der Sportliche Leiter Nationalmannschaften Joti Chatzialexiou in seiner ersten Vor-Ort-Analyse schonungslos angesprochen hatte. Konkurrenten wie Spanien oder England scheinen weiter, was Ballannahme, Passspiel und Handlungsschnelligkeit bei hoher Intensität angeht. Was nach der lehrreichen Reise aber Mut machen kann: Die von Englands Verband angeheuerte Nationaltrainerin Sarina Wiegman, die 2017 den sensationellen EM-Coup des niederländischen Nationalteams orchestrierte, wies explizit auf die deutschen Ausfälle hin - und zählte den achtfachen Europameister selbstverständlich zu den fünf, sechs Teams, die im kommenden Sommer für den Titel infrage kämen.

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