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Humusaufbau als Klimamaßnahme

Durch Carbon Farming soll mehr Kohlenstoff im Erdboden gebunden werden

  • Haidy Damm
  • Lesedauer: 4 Min.
Bei einer Umstellung der Bewirtschaftung von Böden kann Kohlendioxid der Atmosphäre entzogen und der Kohlenstoff im Boden gespeichert werden.
Bei einer Umstellung der Bewirtschaftung von Böden kann Kohlendioxid der Atmosphäre entzogen und der Kohlenstoff im Boden gespeichert werden.

Neben Ozeanen und Wäldern sind die Böden der wichtigste Kohlenstoffspeicher der Erde: Hier enthaltener Humus - also abgestorbenes organisches Material - besteht zu 60 Prozent aus Kohlenstoff. Zwar speichern konventionell bewirtschaftete Böden weniger Kohlenstoff, bei einer Umstellung kann jedoch Kohlendioxid der Atmosphäre entzogen und der Kohlenstoff im Boden gespeichert werden. Durch Carbon Farming soll der Landnutzungs-, Forst- und Landwirtschaftssektor klimaneutral umgebaut werden.

Die Bandbreite der Möglichkeiten ist groß: So kann mittels Agroforstwirtschaft - also die Kombination von Bäumen oder Sträuchern mit Ackerkulturen oder Tierhaltung auf einer Fläche - oder durch den Anbau von Zwischenfrüchten oder Blühstreifen der Kohlenstoffgehalt im Boden erhöht werden. Auch das Anheben des Grundwasserspiegels auf bewirtschafteten Moorböden fällt darunter: Je höher das Wasserniveau, umso geringer die Menge an CO2, die aus trockengelegten Torfböden entweicht. Mit Carbon Farming sollen also Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft reduziert und zusätzlicher Kohlenstoff im Boden gebunden werden.

Um Landwirt*innen dafür zu gewinnen, will die EU-Kommission bis Ende 2022 einen EU-Rechtsrahmen für die Zertifizierung des CO2-Abbaus vorschlagen. Der Pariser Landwirtschaftsminister Julien Denormandie will im Rahmen der derzeitigen französischen Ratspräsidentschaft dafür werben, Landwirt*innen dafür zu entlohnen, wenn sie mehr Kohlenstoff im Boden speichern. Die EU-Kommission sieht im Carbon Farming zudem ökologischen Nutzen: verbesserte Luft- und Wasserqualität, höhere Bodenfruchtbarkeit und Klima-Resilienz. Denn ein Großteil der Böden in der EU sind von Erosion, Verschmutzung, Versalzung oder dem Rückgang von organischem Material und Biodiversität gezeichnet. Carbon Farming könnte deshalb zusätzlich ein Werkzeug im Rahmen der EU-Bodenstrategie werden, die zum Ziel hat, bis 2050 alle Böden in der EU zu regenerieren.

Die praktische Umsetzung und die Finanzierung des Carbon Farmings sind jedoch umstritten. So ist es laut Sebastian Lakner, Agrarökonom an der Universität Rostock, sehr fraglich, ob die Kohlenstoffspeicherung im Boden zum Beispiel über die Erhöhung des Humusgehaltes überhaupt einen messbaren und signifikanten Beitrag leisten kann: »Angesichts der sehr unterschiedlichen Bodentypen in Deutschland müsste dies individuell ermittelt werden, was recht aufwendig ist.«

Variierende Kohlenstoffeinsparungen je Hektar und komplexe Messmethoden könnten aber die Glaubwürdigkeit von freiwilligen CO2-Zertifikaten untergraben. Eine Förderung der Humusmehrung über freiwillige Zertifikate ergibt für Lakner zudem »ökonomisch wenig Sinn«: Hier würde ein Ziel gefördert, das eigentlich gesetzlich vorgeschrieben ist und das Betriebe, wenn sie vernünftig wirtschaften, ohnehin selbst erreichen wollen. »Dabei gäbe es weitaus wichtigere Ziele - zum Beispiel Schutz der Biodiversität, Moorvernässung oder Umbau der Tierhaltung -, die mithilfe der EU-Fördermittel erreicht werden sollen.«

Sandra Spielvogel vom Institut für Pflanzenernährung und Bodenkunde an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sieht zudem »ein Gerechtigkeitsproblem«. »Wir sprechen davon, dass der Kohlenstoffspeicher von Agrarflächen ›wieder aufgefüllt‹ werden soll.« Dieser Speicher sei allerdings limitiert, so »dass der Effekt, der erzielt werden kann, umso größer ist, je stärker der Boden zu Beginn der Maßnahme an Kohlenstoff verarmt ist«. Landwirte, die ihre Flächen schon seit Jahren nachhaltig und humusschonend bewirtschaften, würden von einer solchen Förderung somit am wenigsten profitieren.

Die Europäische Koordination Via Campesina (ECVC) betont, dass sie »voll und ganz hinter den Zielen des Green Deals steht«. Die bisherige Richtung der EU nennt der Kleinbauernverband allerdings »fehlgeleitet und unzureichend, um die Ziele des Green Deals erfolgreich zu erreichen«. Besonders besorgt ist die ECVC wegen des vorgeschlagenen Zertifizierungsmechanismus sowie wegen des derzeitigen Fokus auf Kohlenstoffgutschriften und den Kohlenstoffmarkt. »Damit wird noch mehr Macht in die Hände von Großunternehmen gelegt, die immer wieder bewiesen haben, dass sie mehr an der Steigerung ihrer Gewinne als am Wohlergehen der Bürger interessiert sind.« Stattdessen brauche es einen Übergang zu besseren Praktiken für das Klima und den Übergang zu agrarökologischen Systemen. Dies setze voraus, dass den Landwirt*innen faire Preise garantiert werden, »und muss durch eine stärkere wirtschaftliche Unterstützung in der öffentlichen Politik, ehrgeizige nationale Strategiepläne, Marktregulierung und eine Abkehr von einer Handelspolitik erreicht werden, die Landwirt*innen und Bürger*innen sowohl in der EU als auch im Rest der Welt schadet«.

Auch die Grünen kritisieren, dass die EU bei der Honorierung vor allem auf die Messung des Kohlenstoffgehalts in Böden und auf privatwirtschaftliche Modelle setzt. Die Speicherung von Kohlenstoff in ackerbaulich genutzten Böden sei aufwendig und unsicher, die Klimarelevanz fraglich. Zudem sei eine langfristige Speicherung kaum sicherzustellen. Deutlich mehr Potenzial sehen die Grünen bei Grünland und Mooren.

Dem Deutschen Bauernverband sind die bisherigen EU-Maßnahmen zu unkonkret: Es fehlten konkrete Geschäftsmodelle für ein Carbon Farming. Um das Potenzial zu heben, »müssen internationale Standards für die Berichterstattung und Anrechnung in der Klimabilanzierung geschaffen werden«. Das sei Voraussetzung für eine »erforderliche Honorierung dieser Senkenleistungen«, so der DBV.

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