Trauerspiel für Familien

Unterstützungsangebote für Familien und Kinder in Not sind vielfach weggefallen, weil sie nicht als systemrelevant gelten

  • Lisa Ecke
  • Lesedauer: 3 Min.

Was brauchen Familien eigentlich wirklich in der Corona-Pandemie? Diese Frage diskutierten am Donnerstagabend Expertinnen und Experten auf einer Podiumsdiskussion in Berlin. Familien seien insgesamt belastet gewesen, aber einige viel mehr als andere. Darin waren sich die Fachleute einig. Denn Studien zeigen: Die Lebenszufriedenheit innerhalb von den Familien ist seit Pandemiebeginn gesunken.

Besonders belastet waren und sind jedoch Jugendliche und junge Erwachsene, die sich um das Geld in ihrer Familie, oder um ihre eigenen finanziellen Möglichkeiten sorgen, erklärte Sabine Andresen von der Goethe Universität Frankfurt. Der Anteil derjenigen Jugendlichen, die Zukunftsängste haben, sei im Vergleich zu Beginn der Corona-Pandemie «deutlich gestiegen».

Auch Familien, die neu nach Deutschland gezogen sind hatten mit besonders gravierenden Einschränkungen zu kämpfen. Selbst die - im Vergleich zu Geflüchteten - relativ privilegierten Gruppen von Polen und Türken hatten durch die Pandemie Nachteile, etwa beim Sprache erlernen, so Claudia Diehl von der Universität Konstanz. Auch der Aufbau von Kontakten war für Migranten schwieriger als vor der Pandemie. «Da hat die Pandemie Integration wirklich erschwert», berichtet Diehl, die an einer Studie zu dem Thema mitgewirkt hat. Dabei seien gerade der Erwerb von Sprachkenntnissen und Kontakte wichtig dafür, was Menschen später verdienen. «Gerade für Frauen ist das ganz entscheidend dafür, dass sie überhaupt auf dem Arbeitsmarkt aktiv werden»«, so Diehl. Die Verlegung von Sprachkursen ins Virtuelle während der Pandemie sei zudem besonders für diejenigen fatal, die diese Kurse am nötigsten haben.

Auf der Podiumsdiskussion, die vom wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen beim Bundesfamilienministerium und von der Stiftung Ravensburger Verlag initiiert wurde, wurden aber auch positivere Entwicklungen angesprochen. An der ungleichen Aufteilung der Haus- bzw. Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen habe sich nicht so viel verschoben, wie zu Beginn der Pandemie befürchtet wurde, sagte Michaela Kreyenfeld von der Hertie School of Governance Berlin. Manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gingen 2020 noch von einem Rollback von bis zu 50 Jahren aus.

Doch es gab große Unterschiede innerhalb der Familien. Bei denjenigen, die sich vor der Pandemie die Sorgearbeit in etwa zu gleichen Teilen aufgeteilt hatten, habe sich demnach nicht viel verändert. Doch in Familien, in denen sich vor der Pandemie überwiegend die Frau um Haushalt und Kinder gekümmert hat, »ist die Schere sehr viel weiter auseinandergegangen«, so Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Vor allem zu den Zeiten der Lockdowns war viel von systemrelevanten Einrichtungen und von kritischer Infrastruktur die Rede, deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig negative Auswirkungen hat. Darunter fallen etwa der Lebensmittelhandel, Banken, die medizinische Versorgung oder auch Museen. Hilfsangebote für Familien und Kinder zählen hingegen nicht dazu. Das Wegbrechen von Schulbegleitung, von allen Unterstützungsmaßnahmen, habe jetzt gravierende psychosozialen Folgen für Kinder, so Jörg M. Fegert von dem Uniklinikum Ulm. Teils hätten Sozialarbeiter ihre Beziehung zu den Kindern durch persönliches Engagement, aber ohne Bezahlung, während der Pandemie aufrecht erhalten.

»An wen können sich Kinder denn noch wenden? Wir wissen, dass die Schule der zentrale Schutzort ist«, erklärte Fegert mit Blick auf die Zunahme von familiärer Gewalt. »Es ist sehr, sehr wichtig, dass wir diese notwendigen Unterstützungsinfrastrukturen im Blick behalten«, so Fegert. »Kinderschutz ist systemrelevant.« Vor allem benachteiligte Familien, etwa die mit Fluchthintergrund oder in Armut, müssen zukünftig viel mehr in den politischen Fokus rücken, sind sich die Podiumsteilnehmenden einig. Zudem brauche es mehr finanzielle Hilfe. Bisher kommt diese zudem oft nicht dort an, wo sie am dringlichsten benötig wird.

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