Kein Blockbuster

Im Netz werden die Menschen in der Ukraine und ihr Präsident mit fiktionalen Helden verglichen. Doch sie zu Ikonen und Memes zu machen, tut ihnen Unrecht.

  • Veronika Kracher
  • Lesedauer: 4 Min.

Die überwältigende Mehrheit der in Deutschland geborenen Menschen haben glücklicherweise niemals einen Krieg erlebt. Deutsche, deren Familie Fluchthintergrund hat, kennen die Erzählungen ihrer Eltern; für Biodeutsche ist er noch weniger greifbar. Angriffskriege gingen historisch regelmäßig von deutschem Boden aus und es sind deutsche Rüstungskonzerne, die von militärischen Konflikten auf der ganzen Welt profitieren.

Die Mehrheit der in Deutschland geborenen Menschen kennt Krieg als Videospiel, Spielfilm, Serie oder Buch. Als kulturindustriell aufbereitete Geschichten mit Charakteren, die zur Identifikation einladen sollen, mit Handlungssträngen, die eine Sinnhaftigkeit im Sterben suggerieren, im besten Falle mit einem klar definierten Feind. Krieg ist ein Spektakel auf einer Kinoleinwand, das die Zuschauer*innen mit der Gewissheit konsumieren, dass sie auf jeden Fall unbescholten wieder nach Hause gehen können.

Aus dem Netz gefischt

Das Internet ist voller Debatten, Aufregung und Absurditäten. Jeden Donnerstag schauen wir uns die bizarrsten, lustigsten oder wichtigsten Momente im Netz an. Ob hitzige Diskussion auf Twitter oder lustiger Trend auf TikTok: In unserer Rubrik »Aus dem Netz gefischt« greifen wir es auf. Texte zum Nachlesen: dasnd.de/gefischt

Die Menschen in der Ukraine erleben Krieg gerade am eigenen Leib. Sie sitzen den Bombenhagel, der ihre Häuser in Schutt und Asche legt, in U-Bahn-Schächten aus. Sie fürchten um das eigene Leben und das ihrer Angehörigen und sie versuchen, das Leben durch die Flucht in ein Nachbarland zu retten. Sie kämpfen gegen russische Soldaten, die genauso jung und milchgesichtig sind wie sie und die gezwungen sind, die megalomanischen Pläne Putins auszuführen. Die Videos und Nachrichten aus der Ukraine sind erschütternde Einblicke in den Ausnahmezustand.

Für eine Außenstehende können diese Nachrichten überwältigend sein; letztendlich weisen sie auf die eigene Ohnmacht hin. Der unrechtmäßige Angriff eines Landes mit einem Regierungschef, der tatsächlich der Superschurke aus einem Actionfilm sein könnte, als Reaktion auf dessen zaghafte Emanzipationsbestrebungen? Es ist alles so brutal und unfair.

Anstatt den Krieg in seiner sinnlosen Grausamkeit zu begreifen, vergleichen ihn Menschen auf Social Media deswegen mit Geschichten, in denen Kriege Sinnhaftigkeit haben. Oftmals sind es Filme und Bücher, die uns lange begleitet haben und in ihrer Bekanntheit und simplen Erzählweise tröstend wirken.

Der Journalist Rayk Anders teilte auf Twitter ein Video aus dem Film »Avengers - Endgame«, in dem die Avengers zur finalen Schlacht gegen den übermächtigen Antagonisten Thanos antreten. Captain America ist mit dem Namen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Thanos mit »Putin« versehen. Ein anderer Twitter-Thread stellt sich die weltbewegende Frage, wie unterschiedliche Mitglieder der Avengers auf den Krieg reagieren würden. Auf dem Forum Reddit dominiert momentan ein über 45 500 Mal positiv bewertetes Bild von Selenskyj als »Captain Ukraine« den Feed der Nutzer*innen. Harry-Potter-Fans teilen ein Bild mit der Aufschrift »Zauberstäbe hoch für die Ukraine« und vergleichen Putin mit Voldemort, als gäbe es kein anderes Buch, um historische Ereignisse zu erklären.

Für »Star-Wars«-Fans ist Russland ganz klar das Imperium und die Ukraine wird entweder mit den Ewoks aus »Die Rückkehr der Jediritter«, der Rebellenallianz oder der Gruppe um Jyn Erso in »Rogue One« verglichen. Die Kriegsjournalistin Emma Salisbury schrieb am 27. Februar auf Twitter: »Jede Frau in deinem Leben ist mindestens ein bisschen in Volodymyr Zelenskyy verknallt und es gibt absolut nichts, was du dagegen tun kannst«.

Nicht Hass, sondern Hilfe durch soziale Medien - In Zeiten der Not werden Twitter, Facebook, Instagram und Co zu wahrhaft sozialen Netzwerken

Selenskyj ist aber weder ein Hauptcharakter in einem Liebesdrama noch ist er ein Superheld wie Steve Rodgers. Die Männer und Frauen, die gerade die Ukraine verteidigen, sind verzweifelt und haben Angst um ihr Leben, wie es jeder Mensch in dieser Situation hätte. Sie zu Ikonen und Memes zu machen, tut diesen Menschen Unrecht, denn es beraubt sie ihrer Menschlichkeit. Stattdessen werden sie zu Figuren in einer Rezeption, die nicht fähig oder willens ist, Krieg anders zu begreifen denn als Action-Blockbuster.

So naheliegend es für Menschen, die Krieg lediglich als kulturindustrielles Produkt kennen ist, sich Krieg über Kulturindustrie greifbar zu machen, so falsch und ignorant ist es gegenüber dessen Opfern. Vielleicht sollten diese Menschen auch mal andere Filme sehen als »Star Wars« oder das Marvel Cinematic Universe. Den Antikriegsfilm »Komm und Sieh« vom Elem Klimow zum Beispiel, vielleicht ändert sich dann auch der Blick auf den Krieg.

App »nd.Digital«

In der neuen App »nd.Digital« lesen Sie alle Ausgaben des »nd« ganz bequem online und offline. Die App ist frei von Werbung und ohne Tracking. Sie ist verfügbar für iOS (zum Download im Apple-Store), Android (zum Download im Google Play Store) und als Web-Version im Browser (zur Web-Version). Weitere Hinweise und FAQs auf dasnd.de/digital.

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal