Ein gewisses Aber

Der Krieg in der Ukraine als beherrschendes Leserbriefthema und die Haltung des »nd«

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit mehr als einer Woche herrscht jetzt Krieg in der Ukraine. Ein mit aller denkbaren Härte geführter Krieg, in dem innerhalb weniger Tage bereits Tausende Menschen getötet wurden, in dem Leid und Zerstörung verursacht wurden. Viele Leserinnen und Leser schreiben uns von ihrer Erschütterung, ihrer Empörung, ihrer Verunsicherung angesichts der russischen Aggression. Gerade für Menschen, die eine persönliche Bindung zu Russland und seiner Kultur haben, die in der Schule Russisch lernten, die die Sowjetunion besuchten, dort studierten oder in Russland Freunde haben, ist dieser Krieg ein Schock.

Manche Leser flechten in ihre Briefe und Mails ein wörtliches oder gedachtes Aber ein. Aber der Westen, der doch viel mehr Kriege und Menschenrechtsverletzungen auf dem Kerbholz hat. Aber die Nato, die unglaubliche Summen in Militär und Waffen steckt. Aber die russischen Sicherheitsinteressen. Aber die Waffenlieferungen an die Ukraine. Aber Genozid in der Ostukraine. Aber die Russophobie, auch im »nd« ...

Im »nd« polemisieren wir nicht gegen Russland im Allgemeinen oder die russische Bevölkerung. Wir unterscheiden sehr wohl zwischen den Menschen im Lande, von denen viele den Krieg ablehnen, und einer politischen Führung, die sich auf eine Person konzentriert und kein Maß mehr kennt. Und der von Putin behauptete Genozid im Donbass? Dort tobt seit Jahren ein Konflikt mit Tausenden Toten. Genozid ist etwas ganz Anderes. Wer sich zu Recht gegen den Vorwurf eines chinesischen Genozids an den Uiguren wehrt, solle auch ansonsten nicht leichtfertig mit diesem Begriff umgehen.

Über die Nato-Kriege haben wir viel geschrieben. Jetzt heißt der Aggressor Russland. Diese Aggression zu verurteilen, schließt überhaupt nicht aus, Vorgeschichte und Ursachen des Konflikts zu beleuchten. Das schwierige Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine. Die Ukraine als Opfer des Krieges zu verteidigen, heißt nicht, ihre Politik und ihre Führung schönzureden oder ihren Anteil am Scheitern der Minsk-Verhandlungen zu ignorieren. Sondern es heißt, Kritik zu äußern und gleichzeitig darauf zu bestehen, dass Konflikte grundsätzlich friedlich gelöst werden müssen. Das kostet nur Geduld und Mühe. Krieg kostet Menschenleben.

Auch in der nd-Redaktion haben wir Anlass zum Nachdenken. Darüber, ob und weshalb wir bei aller Kritik an der Osterweiterung und am Rüstungskurs der Nato in den letzten Jahren zu unkritisch gegenüber der russischen Politik waren. Oder darüber, ob wir die Besetzung der Krim durch Russland nicht als Teil einer expansiven Politik hätten erkennen müssen. Lange wehrten sich viele nd-Leser energisch gegen die Formulierung »Annexion der Krim«. Eine Diskussion, die heute als lächerliche Nebensache erscheint.

Jürgen Reents, der von 1999 bis 2012 Chefredakteur dieser Zeitung war, hat unser Selbstverständnis in diesem Punkt einmal kurz und präzise beschrieben: Wir schreiben nicht über Krieg, sondern gegen Krieg. Die Zeitung heißt inzwischen nicht mehr wie seinerzeit »neues deutschland«, sondern »nd.DerTag« und »nd.DieWoche«, doch an dieser Grundhaltung hat sich nichts geändert. Wenn wir in kriegerischen Konflikten Partei ergreifen, dann vor allem: für den Frieden. Deshalb wenden wir uns dagegen, diesen furchtbaren Krieg als Anlass für ein gigantisches Aufrüstungsprogramm zu benutzen. Und deshalb ist es eine Selbstverständlichkeit für uns, dass wir die sogenannte Spezialoperation Russlands als das bezeichnen, was sie ist: eine Aggression, ein völkerrechtswidriger Krieg, ein Verbrechen. Ohne Wenn und Aber.

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