Werbung

Im Lieblingstal der Langläufer

Seit Dario Cologna Olympiasieger wurde, haben die Schweizer den Skilanglauf für sich entdeckt. Ein Besuch in Colognas Heimat, der Val Müstair im Engadin

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 7 Min.
Skilangläufer im Val Müstair
Skilangläufer im Val Müstair

Der Weg ins Münstertal ist erstaunlich weit für ein kleines Land: Schweiz ganz hinten, ganz rechts - man ist ein ganzes Weilchen unterwegs in die Val Müstair (deutsch: Münstertal). Das Tal ist die Heimat von Langlauf-Olympiasieger Dario Cologna, auf dessen Spuren diese Reise führen soll.

Die Anfahrt in die Heimatregion des Schweizer Langlaufhelden dauert: Erst mit dem Nachtzug bis Zürich, weiter mit der Staatsbahn SBB bis Landquart, ehe dort umzusteigen ist in die Rhätische Bahn - die Schmalspurbahn, die im Kanton Graubünden jedes noch so kleine Dörfchen am Netz hält. Im plüschigen Waggon geht es auf meterspurigen Schienen in Richtung Münstertal, das nahe der Grenze zu Südtirol liegt und selbst nach eidgenössischen Maßstäben abgelegen ist. Hier wuchs Dario Cologna auf, 35 Jahre alt und Langlaufidol der Eidgenossen. Cologna war viermal Olympiasieger, gewann gleich viermal den Gesamtweltcup und ist damit weltberühmt, zumindest in der Schweiz.

Auch das Münstertal erlangte mit Cologna Ruhm im nordischen Skisport: Seit 2012 ist es alle zwei Jahre Gastgeber der Tour de Ski, eines Ski-Etappenrennens, bei dem die besten Langläufer der Welt antreten. Doch auch sie müssen sich auf die beschwerliche Reise machen, wenn auch nicht mit der SBB wie unsereiner.

»Zernez Halt auf Verlangen« steht auf dem Fahrschein. Dem Schaffner ist also rechtzeitig Bescheid zu geben. Wir entscheiden uns für den Halteknopf neben der Tür. Quietschend hält der Zug. Am Bahnhof Zernez beginnt die letzte Etappe - mit dem Postauto, einem jener gelbroten Busse, die die Schweizer in die tiefsten Täler kutschieren. Als das Postauto kommt, heißt es Luft anhalten - der Diesel qualmt wahrhaft atemberaubend - und schnell die Reisetasche in den Kofferraum schieben, schon startet die Linie 811.

Es schneit in dichten Flocken, auch der Busfahrer kann nur wenige Meter weit sehen. Vor spitzen Kurven hupt er, was dem ängstlichen Berliner ganz recht ist: Der Blick in die Tiefe ist bedrohlich. Am höchsten Punkt der Bustour stürmt es wie wild: Ofenpass, 2149 Meter über Null.

Ausgerechnet hier im Schneetreiben steht eine Frau am Haltestellenschild: Eine Mittfünfzigerin, die allerdings erst einsteigt, nachdem sie ausgiebig ihre Schneeschuhe abgeklopft hat. Oha! Offensichtlich ist die Frau im Goretex-Anorak wirklich auf Schneeschuhen herauf gestapft, um nun bergab den Bus zu nehmen. Bei pfeifendem Wind und etlichen Minusgraden! Willkommen im Val Müstair, oder wie sie hier sagen: Bainvgnü! - im Bündner Winterparadies, wo fast jeder Urlauber entweder auf Tourenski, Schneeschuhen oder Langläufern unterwegs ist. Grüeziwohl in der Heimat des Langläufers Cologna, mit dem im Dorf Tschierv bereits an der Bushaltestelle geworben wird: Dario und sein Bruder Gian grüßen lachend von einem Werbeplakat, das der heimische Fanclub hier aufgestellt hat.

Seit Cologna 2010 in Vancouver Olympiagold gewann, erlebt das Land einen kleinen Langlaufboom. Nie zuvor hatte die Nation der Alpinen einen langlaufenden Skiolympiasieger, doch von 2010 an konnten die Schweizer dank Cologna alle vier Jahre Langlaufgold bejubeln. Bis im Februar 2022 die Serie riss: Cologna schaffte in den Einzelrennen von Peking nur die Plätze 44 und 14. Seiner Beliebtheit in der Val Müstair tut das keinen Abbruch, hier lieben sie ihn, selbst, wenn er mittlerweile in Davos wohnt. In Tschierv, wo seine Karriere ihren Anfang nahm, ist sogar eine Straße nach ihm benannt: Via Dario Cologna.

Seine ersten Schritte machte der Schweizer Wunderläufer in Tschierv bei Curdin Bott. Ein Trainerhaudegen: Der drahtige Mann, der uns am Langlaufzentrum Fuldera mit gewinnendem Lächeln entgegenkommt, ist Ende 60, doch er wirkt deutlich jünger. Langlaufen hält offenbar frisch. Der Skilehrer hat seine Tochter Selina mitgebracht, gemeinsam wollen die beiden deutschen Flachländlern beibringen, wie man ordentlich auf Skiern läuft - im klassischen Stil.

Die Sonne scheint und der Schnee glitzert weiß auf den umliegenden Gipfeln, die so possierliche Namen wie Piz Lad, Piz Dora oder Piz Turetta tragen. Viele Gipfelkreuze liegen über 3000 Metern. Es geht hoch hinaus, doch steil ist es nur an wenigen Stellen. Das weite Tal mit seinen sanft abfallenden Hängen gilt als Himmelreich der Skitourengeher: Begierig schwärmen sie vormittags auf die einsamen Bergketten aus und wedeln nachmittags freudvoll durch den stiebenden Pulverschnee nach unten.

Doch auch für Langläufer, die unten entlang des Baches Rom ihre Spuren ziehen, ist die Val Müstair ein Eldorado. 29 Kilometer Loipen sind hier stets bestens präpariert; sie schlängeln sich malerisch auf 1700 Metern Höhe durch die wenigen Dörfer, in denen nur anderthalbtausend Menschen wohnen, die aber dennoch ihre eigene Sprache haben: Jauer, einen rätoromanischen Dialekt, den man nur in diesem Tal spricht.

Langlauf heißt auf Jauer Passlung (Langschritt). Und Curdin Bott hat nicht nur dem jungen Dario Cologna lange Schritte beigebracht, sondern auch schon etlichen Hundert Münstertal-Gästen. »Langlaufen ist keine Zauberei« sagt Bott, schiebt die verspiegelte Sonnenbrille vor die Augen und bittet in die Loipe. Er führt vor, worauf es beim klassischen Stil ankommt: »Linken Arm einsetzen, dabei das rechte Bein nach vorn schieben. Und umgekehrt! Das ist der Diagonalschritt!«

In langsamen Schritten stiefelt Curdin Bott voran, die Schülerschar folgt gelehrig. Linker Arm, rechter Fuß; rechter Arm, linker Fuß! Es erscheint leicht und ist doch beschwerlich. Schnell kommen die Neulinge ins Schwitzen. Dass beim Langlauf bis zu 90 Prozent aller Muskeln zum Einsatz kommen, kann man sofort bestätigen: Der Körper schmerzt an Stellen, denen man eigentlich noch nie groß Beachtung geschenkt hat. Muss das so sein? Curdin Bott lacht: »Ja ja, das muss so.«

Winter am Ofenpass

Klassisch Langlaufen sei anstrengend, aber dafür im Grundsatz schnell zu erlernen - im Gegensatz zum Skatingschritt, der deutlich schwieriger zu erlernen ist. Wer im klassischen Stil Diagonalschritt und Schneepflug beherrsche, habe damit im Grunde schon die Loipentauglichkeit erreicht.

Wenn es steil wird, braucht es noch den Gräten- oder Halbgrätenschritt, und natürlich lehrt Curdin Bott in dieser Übungseinheit auf einem schattigen Stück in einer Kurve des Rom-Bachs auch noch den Turboschritt namens Doppelstockschub: Beide Arme gleichzeitig einsetzen, die Stöcke etwa auf Höhe der Bindung in den Schnee stechen und mit einer Streckung des ganzen Körpers den Ski nach vorn schieben - so kommen Dario Cologna und seine Profikollegen beim Schlussspurt auf den letzten 200 Metern auf Höchstgeschwindigkeit.

Unter den Neulingen indes findet der Doppelstockschub nur wenig Anhänger: Viel zu anstrengend! Gemächlich stapfen die Langlaufschüler die flachen Loipen entlang und genießen den Blick auf die Dorfkirche von Tschierv oder bestaunen im Vorbeilaufen die pittoresken Engadiner-Häuser, die mit Sgraffito-Ornamenten geschmückt sind, einer jahrhundertalten Kratztechnik.

Überhaupt wird in der Region auf Tradition und Nachhaltigkeit Wert gelegt: Die Val Müstair nennt sich »Parc da Natüra Biosfera« und ist seit 2011 ein »regionaler Naturpark von nationaler Bedeutung«. Fast alle Bauern im Tal arbeiten biologisch, alte Handwerke wie Sgraffito oder Handweberei werden gepflegt. Es gibt weder Bettenburgen noch überkandidelte Skigebiete, von Aprés Ski ganz zu schweigen. Stattdessen haben die Münstertaler in Santa Maria eine stille Sensation zu stehen: das Benediktinerinnenkloster St. Johann, das bereits im 8. Jahrhundert errichtet wurde, angeblich im Auftrag Karl des Großen, nachdem er am Umbrailpass einen Schneesturm überlebt hatte. In der Klosterkirche sind Fresken aus dem 9. Jahrhundert zu bestaunen, das Kloster gehört seit 1983 zum Weltkulturerbe.

Schwester Domenika vom Benediktinerinnen-Kloster St. Johann in Santa Maria in der Val Müstair

Neun Schwestern leben derzeit in dem Kloster, in strenger Klausur, darunter auch Schwester Domenica (79). Und natürlich kennt auch sie den bekanntesten Sohn des Tales gut: Dario Cologna war eines der Kinder, das sie im Klosterkindergarten betreute: »Er war ein wacher Bub«, erinnert sich Schwester Domenica. Und dass der spätere Olympiasieger schon früh trainieren musste, schon als Kindergartenkind habe er deswegen manchmal gefehlt: »Einmal zum Martinsumzug waren alle Kinder gekommen, nur Darios Laterne stand alleine und verlassen da. Dann haben seine Eltern angerufen: Dario sei bei einem Rennen und könne nicht kommen.«

Am Ende dieses Winters wird Dario Cologna endlich etwas mehr Muße für die schönen Dinge des Lebens fifinden. Der Schweizer Wunderläufer wird nach dem letzten Weltcup der Saison seine Karriere beenden.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung