Immerwährende Verpflichtung

Shoa-Überlebende Inge Deutschkron verstorben

Sie hat ihren Geburtstag am 23. August auch und gerade im hohen Alter mit aller Freude und Genüsslichkeit gefeiert. Denn jedes weitere Lebensjahr war ihr Triumph - und zugleich Trost, eingedenk der Millionen Ermordeter. »Ich lebe, und die Banditen, die mich töten wollten, nicht«, sagte Inge Deutschkron in einem Interview für diese Zeitung. Nahezu bis zu ihrem letzten Atemzug sah es die Shoah-Überlebende als ihre Pflicht und Verantwortung an, die Verbrechen des deutschen Faschismus - von allzu vielen Deutschen mitgetragen - anzuklagen und zu mahnen, wozu eine menschenverachtende Ideologie und ein terroristisches System imstande sind.

Ihr selbst wurde erst 1933, im Jahr von Hitlers Machtantritt, bewusst, dass sie Jüdin ist - verbal und tätlich eingeprügelt von Antisemiten. In ihrem sozialdemokratischen Elternhaus waren Religion und Herkunft nicht wichtig. Ihr Vater Martin Deutschkron wurde im April ’33 nach dem »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« aus dem Schuldienst entlassen, konnte danach nur noch an einer jüdischen Schule, dem Theodor-Herzl-Gymnasium in Berlin, unterrichten. Nach der Erfahrung des deutschlandweiten Pogroms in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 und drohender Verhaftung des Vaters durch die Gestapo stand für die Familie der Entschluss zur Emigration fest. Das Geld für ein Visum für Großbritannien reichte jedoch nur für eine Person. Der Vater fuhr voraus, um die Seinen so bald wie möglich nachzuholen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges durchkreuzte das Vorhaben.

Inge und ihre Mutter Ella waren nun auf sich allein gestellt, während die Repressalien gegen die deutschen und alsbald europäischen Juden ungekannte Ausmaße annahmen und im von der Wehrmacht eroberten Osten exzessive Dimensionen erlangten. Inge und ihre Mutter hatten Glück im Unglück: Die Tochter konnte dank Anstellung in der Blindenwerkstatt des Bürsten- und Besenfabrikanten Otto Weidt der Deportation entgehen. Zeitlebens diesem mutigen Pazifisten und Anarchisten dankbar, unterstützte sie Ende der 90er/Anfang der 2000er Jahre gern eine studentische Initiative, am authentischen Ort ein Museum einzurichten.

Im Januar 1943 hatten auch Inge und ihre Mutter untertauchen müssen, fanden Unterschlupf bei nichtjüdischen Freunden, Bekannten, Mitgliedern einer linkssozialistischen Widerstandsgruppe, dem Roten Stoßtrupp. Sie lebten als sogenannte »U-Boote« in Berlin, wie die von beherzten Menschen vor den Häschern versteckten Juden genannt wurden. Zehn Mal mussten die beiden ihr Quartier wechseln. Sie gehörten zu den 1500 Juden, die in der deutschen Hauptstadt im Untergrund die Shoah überlebten. Mit ihren Rettern, die als »Stille Helden« erst in jüngster Zeit die gebührende Ehrung und Anerkennung erfuhren, hat Inge auch nach dem Krieg Kontakt gehalten. In ihrer Autobiografie »Ich trug den gelben Stern« (1978), auf deren Grundlage sehr viel später das Theaterstück »Ab heute heißt Du Sara« entstand, setzte sie jenen ein Denkmal.

1945/46 war Inge als Sekretärin in der Zentralverwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone tätig, übersiedelte anschließend zum Vater nach England, studierte und fand im Londoner Büro der Sozialistischen Internationale eine verantwortungsvolle Aufgabe. Ab 1956 lebte und arbeitete sie als Korrespondentin der israelischen Tageszeitung »Maariw« in Bonn, berichtete über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse und zog 1972 nach Tel Aviv, um 2001 nach Berlin zurückzukehren. Sie gründete eine Stiftung, die der Jugend Wissen über die braune Vergangenheit vermitteln soll. 2013 hielt sie im Bundestag die Rede zum Auschwitz-Tag. Den Bundesverdienstorden lehnte sie mehrfach ab, weil ihn »zu viele alte Nazis erhalten« hätten. »Die Pflicht der Aufklärung ist eine immerwährende«, sagte sie im »nd«. Ein Pflicht, die bleibt - gerade auch nach dem Tod dieser beeindruckenden Zeitzeugin. Inge Deutschkron starb am 9. März im Alter von 99 Jahren.

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