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Ein Plädoyer für die Prävention

Betroffene und Experten warten noch immer auf die Umsetzung der Nationalen Diabetesstrategie

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 5 Min.
Nicht überall kommt die Werbung für weniger gesunde Lebensmittel so aufdringlich und offensichtlich daher.
Nicht überall kommt die Werbung für weniger gesunde Lebensmittel so aufdringlich und offensichtlich daher.

In der nächsten Woche steht ein kleines Jubiläum an: 100 Tage ist die aktuelle Ampel-Koalition jetzt im Amt. Grund zum Jubeln gibt es wenig. Nicht für die Menschen, die an Diabetes erkrankt sind, und auch nicht für die medizinischen Experten, die deren Versorgung im Blick haben. Dabei sah es im Koalitionsvertrag in Sachen Diabetes gar nicht so schlecht aus, berichtet Monika Kellerer von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG). Immerhin tauchen dort unter der vollmundigen Überschrift »Mehr Fortschritt wagen« auch Teilaspekte wie gesündere Ernährung und ein entsprechendes Werbeverbot mit Blick auf die Kinder auf. Der Begriff »Nationale Diabetesstrategie« wird jedoch nicht erwähnt. Dieses Konzept gibt es immerhin schon seit fast zwei Jahren, umgesetzt ist davon – Corona sei Dank – fast noch nichts.

Zumindest angedacht scheint jetzt eine Richtungsänderung in der Ernährungspolitik – weg von nur freiwilligen Reduktionszielen bei Fett, Zucker oder Salz für die Hersteller. Aus Sicht der DDG ist es aber zu früh, sich darüber zu freuen, muss auch deren Geschäftsführerin Barbara Bitzer konstatieren. Bei den geplanten Werbeverboten befürchtet sie, dass diese nicht umfassend genug ausfallen. »Die Hersteller werden ihre Werbung einfach in andere Medien verlagern.« Eine Beschränkung des Verbots auf Sendungen des Kinderfernsehens reiche durchaus nicht aus. Hier müssten alle Sendungen einbezogen werden, die Kinder schauen – eben auch Familienformate wie »Germany’s Next Topmodel« und ähnliche Shows. Weiter sollten weder Radio noch Internet von den Restriktionen bei der Werbung ausgenommen werden, auch die Influencer bei Youtube und Facebook seien nicht zu vergessen. Selbst ein umfassendes Werbeverbot für alle Medien im Zeitraum von 6 bis 23 Uhr allein würde die Probleme beim Konsum aber nicht lösen.

Ein ganz wichtiger Aspekt fehlt nicht nur der Diabetes-Gesellschaft, sondern auch der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), für die Bitzer ebenfalls spricht: »Die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse sollte komplett gestrichen werden.« Bei den jüngsten Preissteigerungen für Lebensmittel seien genau diese gesünderen Produkte überproportional betroffen, der Anstieg liege bei durchschnittlich acht Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Außerdem sollten die Hersteller von Softdrinks endlich in die Pflicht genommen werden. Der Zuckergehalt der Getränke sei drastisch zu senken, andernfalls müssten spürbare Abgaben geleistet werden. Dieses Vorgehen werde von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen, auch der wissenschaftliche Beirat des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft befürworte es. Insgesamt seien aber die Chancen für diese Formen der Verhältnisprävention so gut wie nie: Werbeverbot und günstiger Zugang zu gesunden Lebensmitteln würden es allen leichter machen, sich gesund zu verhalten, so die Hoffnung der DDG.

Aktuell gibt es in Deutschland schon insgesamt mehr als acht Millionen Menschen, die an einer Form von Diabetes erkrankt sind. Befürchtet wird seitens der Fachleute, dass die Zahl der Betroffenen bis 2040 auf zwölf Millionen steigt. Sie alle müssten gut versorgt werden – und für die meisten Patienten sei das im ambulanten Bereich schon gut möglich, schätzt Monika Kellerer ein. Sie ist ärztliche Direktorin eines Zentrums für Innere Medizin am Marienhospital in Stuttgart. Aber bei heute acht Millionen Erkrankten gebe es auch immer Stoffwechselentgleisungen, Zuckerkoma oder Fußgeschwüre, die im Krankenhaus therapiert werden müssten.

»Zwar machen diabetische Diagnosen nur ein Prozent aller Hauptdiagnosen aus, die stationär versorgt werden. Aber dieser Wert führt in die Irre«, so die Ärztin. Denn etwa 20 Prozent aller Krankenhauspatienten kämen mit einer Diabetes in die Klinik, aufgenommen würden sie aber wegen Infektionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder operativer Eingriffe. Bei Operationen zum Beispiel sei eine schlechte Stoffwechseleinstellung eine hohes Komplikationsrisiko.

Eine Studie aus dem vergangenen Jahr habe gezeigt, dass die Krankenhaussterblichkeit bei Patienten mit Diabetes 32 Prozent höher liege als bei jenen ohne die Krankheit. Man habe es also mit einer besonders gefährdeten Gruppe zu tun. »In der Realität sieht es aber so aus«, klagt Kellerer, »dass nicht einmal 20 Prozent unserer Krankenhäuser die Qualitätskriterien für die Versorgung von Patienten mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 erfüllen.«

Eine Ursache für diesen Zustand seien die 2002 eingeführten Fallpauschalen für die Abrechnung in den Krankenhäusern – sie bildeten Operationen besser ab als etwa diabetologische Erkrankungen. Hinzu komme, dass viele der Diabetespatienten nicht nur ein höheres Lebensalter hätten, sondern auch noch an mehreren anderen Krankheiten litten.

Ebenso vulnerabel seien die Jüngsten, bei denen der Typ-1-Diabetes neu diagnostiziert werde. In beiden Gruppen seien weniger Prozeduren gefragt, aber mehr Geduld für den Genesungsprozess. Ganz schlecht, wenn es nach dem Fallpauschalensystem geht. Für Kellerer ist das allmähliche Verschwinden der Diabetologie aus den Krankenhäusern ein schlechtes Zeichen. Perspektivisch fehlten die Ausbildungsplätze für den ärztlichen Nachwuchs.

Ein weiteres Problem ist es, einen Diabetes vom Typ 1 möglichst früh zu bemerken. Der Kinderarzt und Diabetologe Andreas Neu von der Uniklinik Tübingen setzt sich dafür ein, dass Eltern, Angehörige, Erzieher und Lehrer die einfachen Symptome kennen sollten, die für diese Stoffwechselerkrankung stehen: »Vermehrtes Trinken und Wasserlassen, Gewichtsabnahme und ein Leistungsknick – das sind die klassischen Zeichen.«
Die Manifestation von Diabetes im Kindesalter könne mild verlaufen, aber während der Pandemie habe es eine Zunahme schwerer Verläufe gegeben. Es habe doppelt so viel sogenannter Ketoazidosen gegeben wie in den Jahren zuvor. Ausgedünnte Sprechstunden und verschobene Vorsorgeuntersuchungen sowie der Fokus auf andere Symptome hätten dazu beigetragen.

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