Von Söldnern und Soldaten

Die Schlachtfelder der Ukraine werden zum Kriegsspielplatz für ausländische Kämpfer und Sicherheitsfirmen

  • Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 5 Min.

1000 bis 2000 Dollar Gehalt pro Tag, je nach Berufserfahrung und den Aufgaben, dazu Boni. Gesucht werden Mitarbeiter, Männer wie Frauen, für die Sicherheit und Evakuierung von Einzelpersonen oder Familien. Einsatzort: Ukraine. Mindestqualifikation: fünf Jahre militärische Erfahrung, gute Kenntnisse im Umgang mit Kleinwaffen, körperlich fit. Der Arbeitgeber ist ein US-amerikanisches Unternehmen, das Personal sucht in Teilzeitarbeit für verdeckte Operationen auf dem Lande und in den Großstädten der Ukraine.

Die Stellenausschreibung findet sich auf der Webseite einer Personalvermittlungsagentur im US-Bundesstaat Virginia, die sich selbst als «vertrauenswürdigste Quelle für geprüfte private Sicherheitsexperten und militärische Auftragnehmer» anpreist. Ihr Name ist Programm: «Silent Professionals». Der Krieg in der Ukraine wird Arbeitsplatz für Mitarbeiter privater Sicherheits- und Militärfirmen, der Übergang vom Personenschutz zum direkten Militäreinsatz für eine der beiden Kriegsparteien ist fließend. Krieg war schon immer ein gutes Geschäft, und auch in der Ukraine tummeln sich jetzt Söldner und ausländische Kämpfer, die wahlweise für Geld oder aus Überzeugung kämpfen.

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Seitdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Ende Februar angekündigt hat, «eine eigene Einheit aus Ausländern» zu bilden«, die Internationale Legion der Territorialen Verteidigung der Ukraine, sickern nach und nach ausländische Kämpfer ins Land, die die Ukraine verteidigen helfen wollen. Das Prozedere ist simpel: Wer sich »dem Widerstand gegen die russischen Besatzer und dem Schutz der Weltsicherheit« anschließen wolle, so Selenskyj, müsse sich nur an den Verteidigungsattaché der ukrainischen Botschaft im Heimatstaat wenden, berichtete die ukrainische Nachrichtenwebseite »Nowoje Wremja«.

Zuvor hatte Selenskyj bereits die Ukrainer im Ausland aufgefordert, in ihre Heimat zurückzukehren, um den Staat gegen die russischen Truppen zu verteidigen. Auch Sportstars sind dem Aufruf gefolgt. Ex-Tennisprofi Sergej Stachowski meldete sich freiwillig als Reservist. »Ich habe keine militärische Erfahrung, aber ich habe private Erfahrungen mit einer Waffe«, sagte er Sky Sports. Vor wenigen Wochen spielte er noch bei den Australian Open und ging nun zurück in die Ukraine. Eigentlich habe er nach dem Ende seiner Karriere das Leben mit seiner Familie genießen wollen. »Aber stattdessen bin ich hier in Kiew mit einer Waffe und versuche zu zeigen, dass Russland das Falsche tut«, sagte er in einem Eurosport-Interview.

Der schwedischen Tageszeitung »Svenska Dagbladet« zufolge sind angeblich Hunderte von Schweden daran interessiert, für die internationale Brigade der Ukraine zu kämpfen, rund 400 hätten sich schon als Freiwillige in der ukrainischen Armee verpflichtet, twitterte der in Kiew lebende Schwede Anders Östlund. Aus Kroatien sollen etwa 200 Söldner in der Ukraine kämpfen, berichtete die österreichische Zeitung »Kurier«; die russische Regierung habe deshalb den kroatischen Militärattaché ins Verteidigungsministerium bestellt.

Die Herkunftsländer der ausländischen Kämpfer halten sich in der Regel bedeckt, was das militärische Engagement an der Seite einer der Kriegsparteien angeht. Ganz anders jedoch agierte die britische Regierung. Außenministerin Liz Truss ließ in einem BBC-Interview wissen, dass Menschen aus dem Vereinigten Königreich, die zum Kämpfen in die Ukraine reisten, ihre Unterstützung hätten. »Die Leute können darüber selbst entscheiden.« Die Ukraine kämpfe »für Demokratie und Freiheit, nicht nur für die Ukraine«, so Truss.

Insgesamt kämpfen in der ukrainischen Armee mittlerweile rund 22.000 Ausländer, berichtete am Mittwoch »Bild« mit Verweis auf Regierungskreise in Kiew. Die vorwiegend jungen Männer kämen zu großen Teilen aus Osteuropa, aber auch aus den USA. Aus Deutschland seien aktuell knapp tausend Deutsche in der Ukraine im Einsatz. Allein in der ersten Kriegswoche hätten sich rund 500 Bundesbürger gemeldet. Das Bundesinnenministerium bestätigt die Anzahl deutscher Kämpfer jedoch nicht. Ein Sprecher wies darauf hin, dass es keine regulären Grenzkontrollen in Richtung Polen oder andere Nachbarländer der Ukraine gibt. »Wir gehen davon aus, dass das Ukrainer sind oder zumindest Menschen mit einem deutsch-ukrainischen Hintergrund.« Der Sprecher verwies gleichzeitig auf frühere Angaben des Ministeriums, wonach die Behörden versuchten, Ausreisen deutscher Rechtsextremer in das Kriegsgebiet »durch Fahndungen und gezielte Ansprachen« zu verhindern. »Wir wissen nur von einer sehr kleinen, einstelligen Zahl von deutschen Rechtsextremisten, die ausgereist sind.« Doch es gibt Hinweise, dass deutsche Rechtsextremisten sich den Ukraine-Krieg zu eigen machen. Nach Einschätzung der Linke-Politikerin Martina Renner sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass deutsche Neonazis am Ukrainekrieg teilnehmen könnten. »Es gibt ernstzunehmende Aufrufe, die über entsprechende Kanäle verbreitet werden«, so Renner gegenüber »nd«.

Auch Russland rekrutiert Söldner, laut Informationen von verschiedenen Seiten vor allem Syrer. Quellen der syrischen Opposition zufolge bereitet sich Russland darauf vor, Söldner aus Syrien zu rekrutieren, um seine Streitkräfte bei der Invasion der Ukraine zu unterstützen, berichtet die Webseite »Arabi21«. »Russland hat damit begonnen, über seine Vertreter Nachrichten zu verbreiten, die denen, die in der Ukraine kämpfen wollen, eine Chance geben«, wird der syrische Journalist Ahmad Obeid zitiert. Es sollen auch Syrer, die in Libyen zum Einsatz kommen, nun in die Ukraine umgelenkt werden. Monatsgehalt: rund 2.000 Dollar.

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