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Zwischen Reform und Revolution

Bernd Neuendorf soll den Neuanfang des krisengeplagten Deutschen Fußball-Bundes steuern, Strippenzieher Rainer Koch verliert Vizeposten

  • Von Frank Hellmann, Bonn
  • Lesedauer: 5 Min.

Die vielen grünen Leuchten an der Decke des World Conference Center in Bonn hatten für Bernd Neuendorf durchaus Symbolwirkung: Der 44. Ordentliche Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gab wie erwartet grünes Licht für den erklärten Favoriten: Mit der überwältigenden Mehrheit von 193 der 250 abgegebenen Stimmen nimmt der nächste Quereinsteiger den Schleudersitz des in Endlosschleife kriselnden Verbandes ein. Der in der ehemaligen Bundeshauptstadt lebende 60-Jährige feierte einen Heimsieg in der Kampfabstimmung gegen einen zu blassen Herausforderer Peter Peters, dem sogar viele Delegierte aus dem Profilager die Gefolgschaft verweigerten.

Neuendorf sprach von einem »überwältigenden Ergebnis« und schwenkte im Plenarsaal namens »New York« fröhlich den Blumenstrauß. Ihn freue es, »mit so einer breiten Mehrheit« starten zu können. Der Fußball solle bei ihm »wieder im Mittelpunkt stehen«, die Menschen seien es leid, »im Zusammenhang mit dem DFB nur von Machtkämpfen, Streitereien und Razzien zu hören«. Der Anhänger von Alemannia Aachen wünscht sich, »dass dieser Verband wieder zur Ruhe kommt«. Er stehe für einen glaubwürdigen und modernen DFB. Zugleich schwärmte er bei einer Zeitreise ins Jahr 2032 von einem Fußball, bei dem Diversität gelebt werde - und er will persönlich dafür sorgen, »dass mehr Frauen, mehr junge Menschen und mit Einwanderungsgeschichte« im DFB tätig werden. Seine Ansage: »Wer den kulturellen Wandel nicht mitgeht, der wird mich als entschiedenen Gegner haben.« Der ehemalige Journalist und NRW-Staatssekretär will auch dafür sorgen, dass der Fußball wieder bei der Politik Gehör findet: »Wir hatten keine Zugänge mehr.«

Mit Neuendorf bekam Stephan Grunwald das Mandat als Schatzmeister übertragen, zudem zogen mit Sabine Mammitzsch (Vizepräsidentin Frauen- und Mädchenfußball) und Célia Šašić (Diversität und Gleichstellung) zwei Frauen ins Präsidium ein, und Heike Ullrich rückt zur Generalsekretärin auf, der eine Schlüsselrolle für mehr Harmonie im Zusammenspiel mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) zukommt. Der Liga-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke - der anstelle der neuen Liga-Chefin Donata Hopfen fürs Profilager ans Mikrofon ging - schilderte den dysfunktionalen Ist-Zustand so: »Wenn wir weiter mit DFB und DFL zwei Züge aufeinander zurasen lassen, wird der deutsche Fußball dramatisch verlieren. Wir müssen die Kräfte bündeln und sie uns nicht gegenseitig zerstören. Das Erscheinungsbild ist nicht gut. Und da sind auch Fehler gemacht worden. Daran ist aber nie eine Person alleine schuld.« Damit verteidigte er indirekt jenen Multifunktionär, der als Quell vielen Übels angesehen wird: Rainer Koch.

Der durch die Veranstaltung führende Dauerredner wehrte sich gegen das Bild, dass der DFB im Dauerchaos versinke. Das meiste sei doch »gut und objektiv einwandfrei« abgelaufen, behauptete der 63-Jährige dreist und zählte auf: der Stabwechsel bei der A-Nationalmannschaft, die Fortsetzung des Spielbetriebs in Corona-Zeiten, der Widerstand gegen die Entstehung der Super League oder der Neubau des DFB-Campus. »Ich bleibe dabei, die Arbeit im DFB ist viel besser als ihr medialer Ruf.« Immerhin rang er sich noch eine winzige Portion Selbstkritik ab: »Natürlich wurden auch Fehler gemacht, mich eingeschlossen.«

Was immerhin dafür gesorgt hatte, dass sich mit der Sportwissenschaftlerin Silke Sinning eine Gegenkandidatin zur Wahl als Vizepräsidentin vom Süddeutschen Fußball-Verband aufstellen ließ. Mächtiges Grummeln herrschte im Saal, als Koch auf wenig souveräne Art über Sinning herzog - und dann tatsächlich behauptete, er habe über die 52-Jährige »kein schlechtes Wort« verloren. Diese geheime Abstimmung - im Grunde auch eine Vertrauensfrage - endete mit 163:68 Stimmen für Sinning, die mit diesem Votum »nie gerechnet« hatte, wie die Professorin der Uni Koblenz-Landau sichtlich gerührt sagte. Eine schalle Ohrfeige für den Strippenzieher Koch, der sich nun gut überlegen muss, ob er noch genügend Rückhalt hat. In der Uefa-Exekutive soll er den deutschen Fußball zwar noch vertreten, aber seinen Einfluss muss Neuendorf beschneiden.

Denn der Vertrauensverlust des Dachverbands für mehr als sieben Millionen Mitglieder ist ja auch bei den Amateuren immens. Gerd Thomas, Vorsitzender des Berliner Fußballvereins FC Internationale, hatte pointiert festgehalten: »Der Fußball ist inzwischen das Schmuddelkind der Gesellschaft. Der DFB steht im Image-Ranking auf einer Stufe mit der katholischen Kirche.« Vorgeworfen wird dem Verband, die Basis nur alibimäßig zu hören. Der scheidende Schatzmeister Stephan Osnabrügge hielt dem entgegen, dass die Landesverbände in der Pandemie doch breite Unterstützung erfahren hätten. Der 51-Jährige wetterte ansonsten in seiner Abschiedsrede vehement gegen »Zerstörungswut und Hetzartikel«. Seine These: »Dieser DFB ist kein Hort des Bösen.«

Hatte da einer all die Affären und Machtkämpfe, Skandale und Steuerrazzien vergessen? Und so wirkte letztlich am glaubhaftesten, dass kurzfristig noch ein politischer Tagesordnungspunkt eingeschoben wurde: den Widerruf der Ehrenmitgliedschaft für den Altkanzler Gerhard Schröder, weil der sich nicht klar gegen den Angriffskrieg Russlands positioniert hat. Ohne Gegenstimme ging der Antrag durch, jenem Bundeskanzler a.D. symbolisch die Rote Karte zu zeigen, für den der neue DFB-Präsident in dessen Zeiten als SPD-Vorsitzender mal der Sprecher war.

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