Magdeburger Zeitenwende

Die Ansiedlung von Intel katapultiert die vom Maschinenbau geprägte Stadt in die Chip-Champions-League

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.

Verschwiegenheit ist Pflicht bei der Vorbereitung von industriellen Großansiedlungen. Wenn es im letzten Jahr im Magdeburger Rathaus um das Gewerbegebiet Eulenberg ging, wurde daher der Codename »Steuben« benutzt. Er bezog sich auf Friedrich Wilhelm Steuben, 1730 in der Festung Magdeburg geboren und später General im US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.

Jetzt ist klar, was es mit der Verbindung von Magdeburg und den USA auf sich hat: Auf der 350 Hektar großen Fläche an der Autobahn A 14 siedelt sich der US-Konzern Intel an; er baut mindestens zwei Halbleiterfabriken und stellt sechs weitere in Aussicht. Das Unternehmen will schon für die ersten beiden sagenhafte 17 Milliarden Euro aufwenden; es sollen 3000 direkte und rund 10 000 indirekte Jobs entstehen. Eine Investition dieser Größenordnung habe es in der Bundesrepublik seit rund 30 Jahren nicht mehr gegeben, sagt Lutz Trümper, der Oberbürgermeister von Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt. Für diese bedeute die Ansiedlung eine »Zeitenwende«, so der SPD-Politiker, der sich in seiner Euphorie auch von unzureichendem Englisch nicht bremsen ließ: »Eulenberg wait for you«, rief er den US-Amerikanern zu.

Mit den Chipfabriken, deren Bau vorbehaltlich einer Genehmigung durch die EU-Kommission im ersten Halbjahr 2023 beginnen könnte und die 2027 erste Halbleiter liefern sollen, steigt Magdeburg schlagartig in die Champions League der Branche in Europa auf - kommt dabei aber praktisch aus dem Nichts. Es handle sich »um ein völlig neues Gebiet«, räumt der OB ein. Dieses ist vor allem durch den Maschinenbau geprägt, seit Hermann Gruson im Jahr 1855 eine erste solche Fabrik gründete. Wenn es um Mikroelektronik ging, gaben bisher andere den Ton an, allen voran das sogenannte Silicon Saxony um Dresden, wo vier Chiphersteller ansässig sind. Auch in Jena und Erfurt gibt es Werke. Als der Computerhersteller Dell 2005 eine Fabrik in Sachsen-Anhalt errichtete, gab er Halle im Landessüden den Vorzug.

Nun aber hatte Magdeburg die Nase vorn - in einem Rennen, in dem laut Trümper europaweit 100 Standorte geprüft wurden. Intel-Chef Pat Gelsinger äußerte sich nicht dazu, was den Ausschlag für die Stadt gab; er zog einen weiteren Bogen: Talentierte Fachkräfte, eine »superbe« Infrastruktur und ein »Ökosystem« von Zulieferern und Kunden seien die Kriterien gewesen, die Fabriken in Deutschland anzusiedeln. Zu einer Europa-Offensive von Intel gehören zudem Investitionen in eine neue Forschungszentrale in Frankreich sowie Standorte in Italien, Polen und Irland, wo man schon Chips produziert. Insgesamt geht es um 33 Milliarden Euro.

Ein Grund dafür, dass die Hälfte davon nach Magdeburg fließt, dürfte die Verfügbarkeit von ausreichend Fläche sein: »gleichmäßig geschnittenes Land«, das man sich zügig und geräuschlos habe sichern können, betont Sandra Yvonne Stieger, Beigeordnete für Wirtschaft. Dresden, das sich mit Blick auf die in der DDR begründete Mikroelektroniktradition und ein Netzwerk von über 200 Firmen ebenfalls Hoffnungen gemacht hatte, bekommt in dem Punkt zunehmend Probleme. Albrecht Pallas, der SPD-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl im Juni, warf Amtsinhaber Dirk Hilbert (FDP) nach der Intel-Entscheidung vor, sich im Umland nicht genug um Flächen gekümmert zu haben.

Das Netzwerk Silicon Saxony schaut derweil über den Dresdner Talkessel hinaus und sieht einen »grandiosen Gewinn« für ein »Hightech-Cluster« im Städteviereck von Dresden, Jena, Erfurt und Magdeburg. Vor allem die mittelständischen Zulieferer seien jetzt »die großen Gewinner«.

Die Ansiedlung hat freilich nicht nur eine wirtschaftliche Dimension; sie ist für Magdeburg auch psychologisch wichtig. Die Stadt mit derzeit knapp unter 240 000 Einwohnern blickt zwar auf eine große Geschichte bis zu Kaiser Otto I. vor 1000 Jahren zurück. Verheerende Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg und im Zweiten Weltkrieg beraubten sie jedoch historischer Substanz. Ab 1990 ging es mit der Abwicklung von Betrieben wie dem Schwermaschinenkombinat »Ernst Thälmann« (SKET) auch wirtschaftlich bergab. Die Folge waren hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung und ein Image als graue Maus. Im Verborgenen hatte sich das bereits vor einigen Jahren zu ändern begonnen. Windradhersteller wie Enercon sorgten für neuen Schwung; die Wochenzeitung »Zeit« titelte bereits: »Stadt, Hype, Fluss«. Nun steht indes ein Aufbruch ganz anderer Dimension an; ein »Gamechanger«, wie Sandra Yvonne Stieger formuliert. Um den Bedarf der Chipfabriken zu decken, wird es des Zuzugs Zigtausender hochqualifizierter Fachkräfte bedürfen. Die Stadt hofft auf »Verjüngung« und Zuwachs - und hofft, dass die Freude, anders als bei der zuletzt gebeutelten Windkraft, von Dauer ist. Die Hoffnung ist nicht unbegründet. Es gebe in der Mikroelektronik eine »Rückbesinnung auf Produktion und Lieferketten in Europa«, sagt Stieger mit Blick auf entsprechende Förderprogramme der EU-Kommission. Die will den europäischen Anteil an der Weltproduktion von 9 auf 20 Prozent steigern. Corona und der Krieg in der Ukraine, sagt Stieger, zeigten schließlich, dass »global nicht immer alles so gut funktioniert«.

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