Keine Schildkröte mehr sein

Aktuelle Studie zu Problemen und Chancen an Hochschulen während Pandemie

  • Von Martin Höfig
  • Lesedauer: 4 Min.
Studieren ist mehr, als nur Vorlesungen und Seminare am Bildschirm zu verfolgen – auch wenn die Digitalisierung manche Vorteile bringt.
Studieren ist mehr, als nur Vorlesungen und Seminare am Bildschirm zu verfolgen – auch wenn die Digitalisierung manche Vorteile bringt.

»An den Hochschulen ist gar nicht mehr klar, was normal ist«, sagte Daniel Kubiak bei der Online-Konferenz »Hochschulen im Krisenmodus«, die am vergangenen Donnerstag von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) veranstaltet wurde. Kubiak ist Ostdeutschlandforscher an der Humboldt-Universität Berlin. Gemeinsam mit Hanna Haag von der Frankfurt University of Applied Sciences in Frankfurt am Main verfasste er die die gleichnamige Studie zur Situation an den Hochschulen nach mittlerweile vier Corona-Semestern. Sein Statement bezog er auf die durch die Pandemie entstandene Verbreitung der digitalen Lehre im Vergleich zur Situation davor.

Die alte Normalität an deutschen Universitäten sei von überfüllten Hörsälen und Seminaren, unzureichender Studienfinanzierung sowie Kurzzeitverträgen für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen geprägt gewesen. »Wir brauchen also nicht die alte Normalität zurück, sondern eine neue«, ergänzte dementsprechend Sozialforscherin Haag. Um zu einer neuen Normalität zu kommen, gelte es jedoch zuerst, die momentane Situation unter den Studierenden und den Lehrenden zu evaluieren. Und in beiden Gruppen herrscht unter den gegebenen Umständen viel Frust, wie aus der Studie hervorgeht. Bei den Studierenden zum Beispiel über das Gefühl, verstärkt durch den Online-Unterricht überhaupt keinen Einfluss mehr auf die Hochschulstrukturen nehmen zu können.

Die Signale ihnen gegenüber, die während der Pandemie aus der Politik kamen, trugen ihr Übriges zum Gefühl der Hilflosigkeit und des Nicht-verstanden-Werdens bei. Erinnert sei nur an die Äußerung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne), es gebe für Studierende keinen Grund, depressiv zu sein. Haag hält solchen Äußerungen entgegen: »Es ging die ganze Pandemie über fast nur um Machbarkeit, zum Beispiel von digitalem Unterricht, aber nie darum, wie es auf der anderen Seite – bei den Studierenden – ankommt.«

Vorlesungen, Seminare, Lernen – das ganze Studium spielte sich vier Semester lang für viele allein in einem Zimmer ab, ob in einer WG oder noch bei den Eltern. Vorlesungen und Seminare an sich könnten gut digital umgesetzt werden, so Haag, doch der ebenso wichtige Austausch danach, auf den Fluren, in der Mensa, falle weg. Die beschriebene Entgrenzung zwischen Studieren und Privatleben führte bei fast allen befragten Studierenden zu sinkender Motivation im Laufe der Corona-Semester. Hinzu kommen finanzielle Schwierigkeiten durch den Wegfall von Nebenjobs. »Viele, die in den vergangenen beiden Jahren mit dem Studium begonnen haben, sind nicht mal an den Standort der Universität gezogen«, ergänzte Kubiak. Dabei seien die Studierenden ja umgekehrt auch für die Regionen der Hochschulstandorte von enormer Bedeutung.

Auch auf Seiten der Lehrenden führte die Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben durch die digitale Lehre teilweise zu starken psychischen Belastungen, konstatierten die Studienautor*innen. Vor allem die sowieso schon ausgebeuteten Mittelbau-Angestellten – also alle Hochschulmitarbeiter*innen unterhalb der Professur – hätten sich während der Pandemie umso austauschbarer und unter noch höherem Druck stehend gefühlt. »Das Produktivitätsprinzip, welches nicht selten eine 80-Stunden-Woche bedeutet, ist mit Familie sowieso schon nicht vereinbar, geschweige denn im Homeoffice«, betonte Haag.

Bezogen auf die erzwungene Mobilität, der viele Mittelbau-Lehrende vor der Pandemie ausgesetzt waren, weil sie mehrere Stellen an verschiedenen Hochschulen haben, konnte die Digitalisierung jedoch auch Abhilfe schaffen. »Ich muss jetzt nicht mehr wie eine Schildkröte ständig mit einem Rucksack bepackt durch die halbe Bundesrepublik fahren«, zitiert die Studie eine wissenschaftliche Mitarbeiterin. Andererseits mussten sich die Lehrenden die digitalen Formen plötzlich im Learning-by-doing-Verfahren selbst aneignen. »Und das bei einer sehr schlechten Ausgangslage für die Digitalisierung an den deutschen Hochschulen«, betonte Kubiak.

Positiv hervorzuheben sei auch ein gestiegenes Selbstbewusstsein bei den wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen während der Pandemie. Ausdrücke dessen seien die Kampagnen #IchbinHanna und #IchbinRehan (»nd« berichtete), welche unter anderem die unwürdigen Kurzzeitverträge für den Mittelbau anprangern und viel Aufmerksamkeit und Solidarität bekommen. »Das Fass war zum Überlaufen voll und Corona hat es zum Aufploppen gebracht«, beschrieb Haag den Prozess. Es gehe nun unter anderem darum, nicht zum Status quo des Schildkrötendaseins zurückzukehren, indem – soweit pandemiebedingt möglich – Präsenzstudium zwar wieder zum Regelfall wird, die entstandenen digitalen Möglichkeiten aber ebenso genutzt werden.

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