Duell mit der Maus

»Die Sendung mit der Maus« erklärt, was trans ist, und Julian Reichelt pöbelt auf Twitter gegen »ideologisch-sexualisierte Früherziehung«

  • Von Linda Peikert
  • Lesedauer: 3 Min.

»Die Sendung mit der Maus« hat schon viele Generationen in ihrer Kindheit begleitet. Ich erinnere mich noch, wie die Maus mir in den 90er Jahren erklärte, warum man Aluminiumdosen recycelt oder wie man Feuer ohne Feuerzeug macht.

Zum Tag der trans-Sichtbarkeit am 31. März hat die Maus in der aktuellen Folge im altbewährten Maus-Stil Kindern niedrigschwellig das Thema Transsexualität nähergebracht. »Eine trans Person ist ein Mensch, der zum Beispiel als Mädchen geboren wurde, aber eigentlich ein Junge ist, oder andersrum«, erklärt die Moderatorin Laura Kampf zu Beginn der Sendung.

Ihre Kollegin Shiam El-Maimouni besucht zu diesem Anlass Katja. Sie hat 20 Jahre auf der Straße gelebt. Nachdem sie eine Wohnung gefunden hat, outet sie sich als trans, legt ihren Männernamen ab, trägt endlich die Kleider und Schuhe, die ihr immer schon gefallen haben, und hat schließlich auch ihre Ausweisdokumente ändern können. Im Anschluss gibt es ein Lied mit Zeichentrickbebilderung. Es wird die Geschichte einer Prinzessin erzählt, die lieber Ritter sein möchte.

Die Folge erleichtert nicht nur den Einstieg zu (Outing-)Gesprächen, sondern sensibilisiert frühzeitig gegen Diskriminierung. Eine gelungene Sendung, finden viele Twitter-User*innen, auch aus der trans Community.

Doch einer schießt den Vogel wieder ab: Seit Ex-»Bild«-Chef Julian Reichelt wegen Vorwürfen des Machtmissbrauchs und sexueller Beziehungen zu jungen Mitarbeiterinnen suspendiert wurde, mischt er mit nervigen Posts und Videos das Internet auf. Nach einem wütenden Besuch an einer Tankstelle oder einer Rede als »Bundeskanzler« vor dem Bundeskanzleramt pöbelt Reichelt nun die Maus an.

Er unterstellt der Kindersendung »ideologisch-sexualisierte Früherziehung mit Zwangsgebühren« und präsentiert sich somit - äußert fragwürdig nach seinen Sexskandalen - als Moralapostel.

Von »sexueller« Früherziehung kann in dieser Folge der Maus allerdings kaum die Rede sein. Es geht um Geschlechteridentität und nicht um sexuelle Handlungen. Die Frage nach der eigenen Geschlechteridentität betrifft auch viele Kinder, denn trans Personen fühlen sich oft schon im Kindesalter einem anderen Geschlecht zugehörig. Es ist wichtig, Kindern zu signalisieren, dass es in Ordnung ist, darüber zu sprechen.

Reichelt bezeichnet die Maus außerdem als »Zwangsmaus«, was an den rechts konnotierten Begriff »Zwangsgebühren«, also den monatlichen Rundfunkbeitrag der Öffentlich-Rechtlichen, angelehnt ist. Sie sei nicht dafür da, die »Früherziehung der anti-toleranten totalitären Woke-Bewegung zu betreiben«. Die »Woke-Bewegung« als anti-tolerant und totalitär zu bezeichnet, lässt Raum für Fragezeichen. »Woke« steht schließlich für »Wachsamkeit« in Bezug auf Diskriminierungen und Missstände.

Außerdem unterstellt der von der Twitter-Community als »Deutschlands frechster Arbeitsloser« gekürte Reichelt der »Zwangsmaus« und den Öffentlich-Rechtlichen, die Meinungsvielfalt einzuschränken. »Sie wollen uns einschüchtern und erziehen, bis wir aus Furcht Fakten verleugnen: Jungs sind Jungs, Mädchen sind Mädchen«, schreibt er. Damit leugnet Reichelt die Daseinsberechtigung von trans Personen. Das ist äußert gefährlich für eine freie Gesellschaft und ein Schlag ins Gesicht für die queere Community. Der Kampf von trans Personen ist hart, die Diskriminierungen ziehen sich auch durch die strukturelle Ebene. Bis ins Jahr 2011 mussten sich trans Personen in Deutschland zum Beispiel sterilisieren lassen.

Mit seiner Meinung ist Reichelt in queerfeindlichen, rechten Kreisen allerdings in bester Gesellschaft. Auch Publizistin Birgit Kelle tweetet gegen die Maus: »Liebe Kinder gebt fein Acht, hier wird Ideologie gemacht.«

Das Social-Media-Team der Maus antwortet auf Reichelts verärgerte Tweetflut souverän: »Auch als erwachsene Person kann man bei uns noch viel lernen zu relevanten Themen wie z. B Toleranz. Die Maus ist dazu da, den Horizont für Groß und Klein zu erweitern.«

Sendung verfügbar in der ARD-Mediathek.

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