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Trauer in Solidarität verwandeln

Russisch-ukrainische Diaspora in New York organisiert Hilfe für Opfer des Krieges

  • Von Stefan Liebich, New York
  • Lesedauer: 6 Min.
Protest gegen den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine in New York
Protest gegen den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine in New York

Wer in diesen Tagen durch die Straßen von New York City läuft, der sieht an vielen Fenstern die ukrainische Flagge. Das ohnehin beliebte Restaurant Veselka im East Village, das die traditionelle Küche des Landes anbietet, ist voll wie nie. Viele der Gäste kommen jetzt auch aus Solidarität mit dem von Russland überfallenen Land. An den Fenstern findet man Selenskyj-Poster, »Save Ukraine« und »Slava Ukrayini«, aber auch Hilfsaufrufe.

Die größte Stadt der USA ist Heimat für Hunderttausende Menschen, die ihre Wurzeln in der Sowjetunion oder in Russland und der Ukraine haben. Für viele von ihnen war der Krieg ein Schock. »Ich dachte erst, Putin blufft«, sagte mir Michelle Niszhnikov, die ich in Manhattan in einem Café unweit der New York State University traf, an der sie gerade ihren Master in Sozialarbeit macht. Sie nennt sich selbst Mischka und sagt, sie wollte immer »so russisch wie möglich« sein, obwohl sie in den USA zur Welt kam und Bürgerin des Landes ist.

Ihre Eltern haben in den 80er Jahren die UdSSR verlassen, da sie als Juden Benachteiligungen erlebt haben. Aber sie haben die russische Kultur mit in die neue Heimat genommen. Zu Hause wird russisch gesprochen. Für Mischka ist das ihre Muttersprache. Russische und sowjetische Literatur, Poesie, Zeichentrickfilme waren Teil ihrer Kindheit. »Das hat uns mit einer Welt verbunden, die so nicht mehr existiert. Als ich das letzte Mal 2019 dort war, habe ich natürlich ein ganz anderes Russland erlebt.« Mischka und ihre Familie haben besorgt verfolgt, wie die Situation schlimmer wurde. »Nun schaue ich Tag und Nacht, was dort passiert.«

In der Ukraine hat Mischka keine Verwandten. »Zum Glück«, sagt sie. So muss sie sich nicht um deren Wohlergehen sorgen. Das ist aber bei den meisten in ihrem Freundeskreis anders. In den ersten Kriegswochen war Mischka einfach nur verzweifelt. Sie konnte selbst an der Universität ihre Tränen nicht zurückhalten. »Es war schrecklich.« Aber dann hat sie gemeinsam mit anderen ihre Trauer in Solidarität verwandelt. »Das war mein Weg, den Schmerz zu kanalisieren. Ich musste etwas tun. Hilflos zuzuschauen ist so ein schreckliches Gefühl.«

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Sie hat gemeinsam mit anderen eine Gruppe von Rettungssanitätern versammelt und für sie organisiert, dass sie an die polnisch-ukrainische Grenze fliegen und dort den Menschen helfen konnten, die vor der russischen Armee fliehen. Sie kannte die Leute, weil sie zu den Organisatoren des russisch-amerikanischen »JetLAG«-Musikfestivals gehört und einer der Gründer des Festivals Rettungssanitäter ist. Schon beim Terroranschlag des 11. September 2001 hat er zu den ersten Helfern gehört. Er hat sich sofort mit anderen auf den Weg nach Polen gemacht, während Mischka und ihre Leute in den USA Unterkünfte, medizinische Ausrüstung und Versorgung organisierten. Bald fliegt die nächste Gruppe nach Polen. Das Ganze wird aus Spenden finanziert. In wenigen Tagen sammelten Mischka und ihre Gruppe über 100 000 US-Dollar und die Spendenbereitschaft hält weiter an. »Das war einfach unglaublich!« Die russisch- und ukrainischsprachige Community will helfen.

»Sie arbeiten jetzt in einem großen Tesco-Einkaufszentrum in Przemyśl«, erzählt Mischka. »Der Ort in Polen ist nur zehn Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Tausende Flüchtlinge kommen da an. Und es ist sehr riskant, weil es nicht weit bis Lwiw ist.« Und tatsächlich wurde die ukrainische Großstadt am Tag nach unserem Gespräch von der russischen Armee angegriffen. »Die Situation vor Ort ist sehr anstrengend. Es gibt nur einen Waschraum dort. Viele erkranken, die hygienischen Zustände sind nicht gut. Es kommen vor allem Frauen, Kinder und sehr alte Menschen. Viele sind unterkühlt, haben chronische Krankheiten und sind natürlich psychisch am Ende. Wenn du nach einer anstrengenden Flucht an einem sicheren Ort ankommst, dann brichst du erst einmal zusammen. Was unsere Leute leisten, ist unglaublich. Ich bin froh, dass das erste Team jetzt abgelöst wird und zurückkommen kann.«

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Mischka hat die Berichte über Rassismus an der Grenze gelesen. Auch wenn ihr Team vor Ort das nicht erlebt hat, merkt man ihr den Ärger darüber an. »Es ist frustrierend. Ich habe auch diese Überschrift gelesen, wie schockierend es sei, dass so etwas in einem ›zivilisierten Land‹ geschehen würde. Es ist grotesk, dass Menschen so darüber denken.«

Die Gemeinde der Menschen in den USA, die aus der ehemaligen Sowjetunion oder deren Nachfolgestaaten kommen, fühlt sich miteinander über die russische Sprache verbunden, erzählt mir Mischka. Aber als sie in den ersten Kriegstagen nach »Little Odessa« in Coney Island kam, um beim Packen der Hilfslieferungen zu helfen, erlebte sie, wie jeder Ukrainisch sprach. Auch die sonst überall sichtbaren russischen Fahnen waren verschwunden. Gab es einen Riss zwischen den »Russen« und »Ukrainern« hier, wollte ich wissen. »Nein«, sagt Mischka. »Ich bin nicht mal auf die Idee gekommen zu verbergen, dass ich Russin bin. Ich habe über so etwas nicht nachgedacht. Ich wollte einfach helfen. In unserem Team an der Grenze sind zwei aus der Ukraine und einer aus der Sowjetunion. In Zeiten wie diesen stehen wir zusammen.«

Diesen Eindruck vermittelte auch eine Friedensdemonstration in Brighton Beach. Sie wurde von Russinnen und Russen organisiert, die gegen den Krieg sind. Das stand auch auf ihren Transparenten: »I’m a Russian and I am against war«. (Ich bin Russe und ich bin gegen Krieg.)

Ob irgendjemand aus der russischen Gemeinde hier den Präsidenten Wladimir Putin verteidigt oder rechtfertigt? »Alle sind sich einig, dass das schlimm ist.« Und auch ihre in Russland lebenden Freunde und Verwandten sind gegen den Krieg. »Sie sind untröstlich und verzweifelt. Viele versuchen zu fliehen. Besonders die jungen Männer, die nicht auf ihre Brüder schießen wollen. Aber viele können nicht weg. Zum Beispiel, weil sie zu alt sind. Und du kannst einfach für 15 Jahre im Gefängnis landen, wenn du dich gegen Krieg äußerst. Das kann nicht jeder riskieren.« Aber Mischka sagt auch, dass viele US-Amerikaner die Lage der russischen Zivilbevölkerung nicht verstehen. »Alle sind für die Ukraine und das ist auch richtig. Aber gegenüber Russland fällt gerade ein neuer ›Eiserner Vorhang‹, der schlimmer ist als zu Sowjetzeiten. Und wir können den Menschen dort nicht helfen. Darüber denken die US-Amerikaner zu wenig nach und das tut weh. Aber wir sehen auch viele in Russland, die tun, was sie können. Einfach ein weißes Blatt aus Protest hochhalten oder Webseiten hacken. Kürzlich hat einer einen öffentlichen Nachrichtenticker so manipuliert, dass dort ›Rettet die Ukraine‹ zu lesen war.«

Der ehemalige Linke-Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich ist Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung in New York City.

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