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Autoritäre Pseudo- Männlichkeit

Die Kritische Theorie ist feministischer als ihr Ruf: Else Frenkel-Brunswik öffnete die »Studien zum autoritären Charakter« durch ihren Beitrag für eine Patriarchatskritik

  • Von Karin Stögner
  • Lesedauer: 13 Min.
Tut am Ende niemandem gut: ein wandelndes verhärtetes Männlichkeitsideal aus dem Film
Tut am Ende niemandem gut: ein wandelndes verhärtetes Männlichkeitsideal aus dem Film "Texas Chainsaw Massacre" (2006)

Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule gilt gemeinhin als männlich geprägt und dominiert. Diese Wahrnehmung ist insbesondere auf den Umstand zurückzuführen, dass jene Vertreter der ersten Generation der Kritischen Theorie der 1920er bis in die 1960er Jahre, auf die sich die Rezeption in erster Linie bezieht, allesamt männlich sind: allen voran Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Walter Benjamin. Darin unterscheidet sich die Kritische Theorie jedoch nicht wesentlich von anderen Richtungen der gesellschaftswissenschaftlichen, politischen und philosophischen Theoriebildung der Zeit. Mit diesem Umstand ist häufig die Diagnose verbunden, die Kritische Theorie sei im Grunde eine patriarchale Theorie und leide an einer Geschlechtsblindheit. Und tatsächlich findet sich in den der älteren Kritischen Theorie landläufig zugerechneten Schriften keine explizit ausformulierte Theorie der Geschlechterverhältnisse. Aber kann deshalb von einem Ignorieren der Geschlechterverhältnisse gesprochen werden? Und wenn ja, wo genau entsteht dieses Defizit?

Es gibt überzeugende Stimmen, die die Leerstelle der Geschlechterverhältnisse eher in der vorherrschenden Rezeption der älteren Kritischen Theorie verorten als in dieser selbst. Nach wie vor lässt sich in der philosophischen, politischen und soziologischen Theoriebildung eine starke männliche Dominanz feststellen sowie eine Scheu von Studentinnen, sich mit Theorie zu beschäftigen. Dies gilt umso mehr für die Kritische Theorie, der insbesondere bei Studentinnen häufig der Ruf vorauseilt, dass sich ihre zuweilen zum »Szene-Jargon« geronnenen Formulierungen gegen eine Kritik der Geschlechterverhältnisse sperrig zeigen würden. Frauen fühlen sich oftmals nicht abgeholt, es fehlt anscheinend an weiblichen role models.

Feministische Anknüpfungspunkte

Was die Kritische Theorie und die Geschlechterverhältnisse betrifft, sind grundsätzlich zwei Aspekte zu unterscheiden: Einerseits gilt es Frauen sichtbar zu machen, die Kritische Theorie betreiben und weiterentwickeln; andererseits gilt es jene Momente in der Kritischen Theorie selbst sichtbar zu machen, die Anknüpfungspunkte für eine Kritik der Geschlechterverhältnisse und für eine explizit feministische Theoriebildung aufweisen. Beim ersten Aspekt stehen Frauen als Subjekte der Kritischen Theorie im Vordergrund, beim zweiten ein feministischer Fokus der Kritischen Theorie, und nicht immer fallen diese beiden Aspekte in eins.

Exemplifizieren lässt sich das an der älteren Kritischen Theorie, die kein homogenes und fixiertes Theoriegebäude war, sondern selbst ein historisch offener und im Wandel begriffener Prozess, der sich an jeweils relevanten gesellschaftlichen Problemkonstellationen und Fragestellungen bildete. Dies waren in den 1930er Jahre wesentlich das Problem des Autoritarismus und das Versagen der Arbeiterklasse gegenüber dem Nationalsozialismus. In den 1940er Jahren rang die Theoriebildung um eine Erklärung, wie es zur Shoa kommen konnte, und in den 1950er Jahren waren die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der postnazistischen Gesellschaft das Thema, das die Theoriebildung der aus dem amerikanischen Exil nach Deutschland zurückgekehrten Theoretiker bestimmte. Beim für die Kritische Theorie charakteristischen Denken in Konstellationen nahmen die Geschlechterverhältnisse jeweils einen zentralen Stellenwert ein. So wurde die Bedeutung der bürgerlichen Familie für die Autoritätsverhältnisse des 20. Jahrhunderts klar erkannt. In den Studien über Autorität und Familie in den frühen 1930er Jahren wurde die Dialektik der Geschlechterverhältnisse herausgearbeitet und aufgezeigt, dass die Befreiung der Frau aus der Enge der bürgerlichen Familienverhältnisse und das Ende der väterlichen Autorität nicht zwingend in einen allgemeinen Zugewinn an Freiheit mündeten. Im Gegenteil konnte es auf gesellschaftlicher Ebene in eine Verschärfung von Autorität kippen, die schließlich in den Nationalsozialismus mündete. Solchen Widersprüchen und Verstrickungen von Emanzipation und Regression gingen Horkheimer und Adorno in ihrer »Dialektik der Aufklärung« auf den Grund. Dass Aufklärung sich nicht von Herrschaft gelöst hat, sondern dieser am Ende zuarbeitete, machten die Autoren zentral am Antisemitismus, an der Klassenherrschaft und an den ungleichen Geschlechterverhältnissen fest.

Das wird in der gängigen Rezeption des Buches häufig überlesen, bildet aber nichtsdestotrotz einen Eckpfeiler für feministisches Weiterdenken der Kritischen Theorie: Die Geschlechterverhältnisse werden nicht stillschweigend als Grundlage des Autoritarismus hingenommen, sondern selbst in den historischen Konstellationen von Natur, Gesellschaft und Individuum situiert. Damit wird ihnen implizit jener Gegebenheitscharakter aberkannt, gegen den sich feministische Theorie explizit stemmt. Deutlich wird diese dialektische Durchdringung der Geschlechterverhältnisse auch in vielen Aphorismen der »Minima Moralia«. Sie handeln vordergründig vom weiblichen Charakter, der jedoch im Handumdrehen so gesellschaftlich situiert wird, dass er am Ende als das Produkt der männlichen Gesellschaft erscheint: »Jene Art Weiblichkeit, die auf den Instinkt sich beruft, ist stets genau das, wozu eine jegliche Frau mit aller Gewalt - mit männlicher Gewalt - sich zwingen muss: die Weibchen sind die Männchen.« Hier mag Adorno die genderkritischste unter den nicht explizit feministischen Theorien vorgebracht haben.

Die Autoritäre Persönlichkeit

Die Geschlechterverhältnisse als die Zwangsverhältnisse, welche die Basis des autoritär-binären Identitätsdenkens bilden, waren auch in den Analysen der »Authoritarian Personality« maßgeblich. Diese großangelegten empirischen Studien zum autoritären Charakter, durchgeführt in der ersten Hälfte der 1940er Jahre im US-amerikanischen Exil, sind in mehrerlei Hinsicht bis heute bemerkenswert. Zuvorderst die Verbindung von quantitativen und qualitativen sozialwissenschaftlichen Erhebungsmethoden, die jenem Credo folgte, das am Institut für Sozialforschung in Frankfurt in den 1920er Jahren bereits ausgegeben wurde: nämlich durch die Inklusion von Theoremen der Freud’schen Psychoanalyse in die Marx’sche Gesellschaftstheorie dem Problem des Autoritarismus auf den Grund zu gehen. Dieses bestand nicht zuletzt in dem vordergründigen Widerspruch, dass das historische Aufweichen der bürgerlichen Autorität im Nachgang des Ersten Weltkrieges den gesellschaftlich vorherrschenden und von den Individuen eingeübten Autoritarismus befeuerte, anstatt ihn zurückzudrängen. Um diesen Widerspruch zu erklären, wurde die Rolle der verdrängten Triebe und der gesellschaftlich in Regie genommenen Sexualität in den Blick genommen, ohne damit den Autoritarismus zu psychologisieren und vollständig in den Bereich des Individuums zu verlegen. Vielmehr ist der autoritäre Charakter ein gesellschaftlicher, der sich in der individuellen Persönlichkeit auf unterschiedliche Weise niederschlägt.

Die Studien zum autoritären Charakter wurden im amerikanischen Exil durchgeführt, und zwar als Teamarbeit - auch das ein Novum, denn die europäisch geprägte Theoriebildung galt nach wie vor als ein Widerhall des einzelnen Denkers als Genie. Auch hier ging die Kritische Theorie bereits vor dem amerikanischen Exil andere Wege und entwarf ein interdisziplinäres materialistisches Arbeitsprogramm. Dies sollte quasi als ein Kraftfeld fungieren, in das die Denker der bereits zerklüfteten wissenschaftlichen Disziplinenlandschaft ihr Denken hineinprojizieren und bündeln konnten, wie Walter Benjamin das einmal ausdrückte. Trotz des hervorstechenden Teamcharakters der »Studien zum autoritären Charakter« - die maßgeblich beteiligten Wissenschafter*innen waren neben Adorno namentlich Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford - sind die Studien in der Rezeption hauptsächlich mit dem Namen Adorno verbunden, während die anderen drei beinahe in Vergessenheit geraten sind.

Autoritarismus und Männlichkeit

Vor dem Hintergrund einer Kritik der Geschlechterverhältnisse in der Kritischen Theorie wiegt das Ausblenden der Leistungen von Else Frenkel-Brunswik besonders schwer. Ihre Einsichten in die Bedeutung der Sexualität und des Zwangs der binären Geschlechterkonstruktionen für die Ausbildung der autoritätsgebundenen Persönlichkeit wurden von Adorno explizit gewürdigt, aber in der Rezeptionsgeschichte meist übergangen. Davon zeugen auch heutige Versuche, die Theoreme der »Authoritarian Personality« zu aktualisieren. Meist wird dabei auf die Dimensionen autoritäre Unterwürfigkeit, autoritäre Aggression und Projektivität fokussiert, während der Komplex um Sexualität und Geschlechterverhältnisse ausgeblendet wird, der in den Originalstudien noch als eine wesentliche Dimension in der Erklärung des autoritären Charakters galt. Dabei ist die Originalität von Frenkel-Brunswiks Konzepten bis heute kaum übertroffen. Sie diagnostizierte eine weite Verbreitung von sogenannter Pseudomaskulinität und Pseudofeminität bei autoritätsgebundenen Menschen. Sie verwies damit auf die für die autoritäre Persönlichkeit charakteristischen Vorstellungen von idealer Männlichkeit und idealer Weiblichkeit, die sich im Wesentlichen nur punktuell von den allgemein gesellschaftlich akzeptierten und eingeübten Normen von männlich und weiblich unterschieden. Das Phänomen Pseudomaskulinität und Pseudofeminität benennt in erster Linie das Verleugnen solcher Züge in der eigenen Identität, die konventionell dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden. Das Falsche ist also gerade das zwanghafte Reinhalten der Geschlechtsidentität von den Einflüssen des anderen Geschlechts, wohingegen mit Freud eine quasi-natürliche Vermischung der männlichen und weiblichen Anteile in der Geschlechtsidentität als jene Normalität angenommen wurde, die aber den gesellschaftlichen Normen widerspricht.

Vor allem bei männlichen Studienteilnehmern zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen autoritären Charakterstrukturen und verhärteten, heterosexistischen Männlichkeitsidealen. Diese sind nach Frenkel-Brunswick definiert durch eine Überbewertung von Eigenschaften wie Entschlossenheit, Energie, Machbarkeit, Stärke, Unabhängigkeit, Entschlossenheit und Willenskraft - und viel weniger durch ein Zulassen von Passivität und Schwäche, die stereotyp der weiblichen Seite zugeschrieben werden. Am ausgeprägtesten war die stereotype Zweiteilung im Bereich der Sexualität und der Geschlechterverhältnisse bei jenen mit offen faschistischer Haltung, deren Heterosexismus einen verdinglichenden Blick auf Frauen als bloße Objekte impliziert sowie eine Feindschaft gegenüber Prostituierten und sogenannten »lockeren« Frauen. Die generelle Tendenz, in strikten Zweiteilungen zu denken, zeigt sich auch darin, dass Frauen in »gute« und »schlechte« eingeteilt werden. Solche Zweiteilung kann als Kompromiss gedeutet werden: Der Antifeminismus kann sich nicht aller Frauen entledigen, da sie für die Reproduktion benötigt werden. Zum Abschuss werden die abweichenden Frauen freigegeben: Frauen, die - real oder imaginiert - dem vorgegebenen Geschlechtscharakter nicht entsprechen, Feministinnen und Prostituierte, rassistisch marginalisierte Frauen und Jüdinnen. Nicht nur werden die »schlechten« Frauen abgewertet, die »guten« werden im Gegenzug nicht geliebt, da der autoritäre Charakter durch eine tiefe Unfähigkeit zu Liebe und Hingabe geprägt ist. In der Unerbittlichkeit, mit der die gesellschaftlich vorherrschenden Vorstellungen von idealer Weiblichkeit und Männlichkeit zwanghaft in die eigene Identität integriert werden und andere Orientierungsmöglichkeiten überdecken und verdrängen, tritt die Angst seitens der Einzelnen zu Tage, gegen die Konventionen zu verstoßen und damit die Eindeutigkeit des konstruierten Geschlechtscharakters aufzuweichen.

Jene Studienteilnehmer hingegen, die auf der Faschismus-Skala niedrige Werte erzielten und als wenig autoritätsgebunden eingestuft wurden, hatten auch weniger Probleme damit, Passivität und Schwäche zuzulassen, und schienen generell weniger Angst davor zu haben, ihre Männlichkeit zu verlieren. Es war für sie nicht notwendig, ihre etwaigen Schwächen durch eine Pseudo-Härte zu kompensieren.

Die binären Geschlechterverhältnisse sind auch bei weiblichen Studienteilnehmerinnen bedeutsam. Autoritätsgebundene Frauen neigten dazu, stereotype Weiblichkeit zu fetischisieren und als männlich konnotierte Eigenschaften strikt von sich zu weisen. Diese Unterwerfung unter gesellschaftlich normierte Weiblichkeitsvorstellungen ist natürlich im Zusammenhang mit den in den 1940er Jahren noch viel restriktiveren Geschlechterverhältnissen zu sehen, die Frauen kaum Möglichkeiten autonomer Subjektivierung ließen. Auch Frauen mit niedrigem Punktewert auf der Autoritarismus-Skala waren keineswegs unberührt von der schwierigen gesellschaftlichen Situation, sie waren aber nach Frenkel-Brunswiks Analysen eher dazu geneigt, sich des Konflikts anzunehmen und ihm offen zu begegnen.

Feministische Subjekt- und Vernunftkritik

An der Persönlichkeit unvoreingenommener Männer ist nach Frenkel-Brunswik auffällig, dass sie sich an der Mutter orientieren und eine Vorstellung vom Vater als mild und entspannt haben. Sie seien geprägt durch eine von Liebe abhängige, fürsorgliche Haltung, die es erlaubt, ein gewisses Maß an Passivität in das Männlichkeitsideal aufzunehmen. Eine damit verbundene Vorstellung von Autonomie schließt Heteronomie, die Abhängigkeit von anderen, nicht aus, sondern lebt in der zwischenmenschlichen Beziehung, in der man sich auch schwach zeigen darf, ohne Stärke zu provozieren, wie ein berühmtes Zitat Adornos lautet. Else Frenkel-Brunswik lieferte mit ihren Forschungen zur Bedeutung der Geschlechterverhältnisse und der Sexualität für die autoritäre Persönlichkeit den empirischen Nachweis für die bereits in der Dialektik der Aufklärung vorgebrachte Kritik am »identischen, zweckgerichteten, männlichen Charakter des Menschen«, der aus der Herrschaft über die eigene innere Natur, das eigene Begehren und die eigenen Wünsche und Triebe entstanden und zum identischen und zweckgerichteten Charakter geschmiedet wurde.

Die Herrschaft über die eigene innere Natur ist der Spiegel der Herrschaft über die äußere Natur und über andere Menschen. Dieser Dreitakt von Herrschaft ist verkörpert im männlichen Charakter, der gegen andere noch härter und kälter ist als gegen sich selbst. Für ihn ist jede Vorstellung von Abhängigkeit bereits die Quelle der Angst, das mühsam zusammengehaltene Selbst könne sich an die Natur verlieren. Das zeigt sich im Rückgriff auf die blanke Gewalt, die dem Autoritären viel näher liegt als die fürsorgliche und kommunikative Vernunft. Demgegenüber bedeutet die Weichheit des nicht-autoritären Charakters, dem Else Frenkel-Brunswik in ihren Forschungen zur Sprache verhalf, dass der zweckgerichtete, identische männliche Blick auf die Welt nicht universell ist, sondern nur eine Möglichkeit, die Herrschaft hervorbringt. Der nicht-autoritätsgebundene Mann belegt, dass es auch andere Formen der männlichen Subjektkonstitution gibt, die eine positive Vorstellung von Abhängigkeit und Gegenseitigkeit integrieren kann und deren Autonomie deshalb nicht in Einsamkeit und Verlassenheit mündet.

Darin liegt ein Vorgriff auf eine feministische Vernunft- und Subjektkritik, die in bestimmter Negation nicht an einem essentialistisch gedachten Wesenskern des Subjekts, sondern an dessen Potenzial zur Handlungsfähigkeit festhält, die über die gegebenen Machtverhältnisse hinausweist. So haben die Arbeiten der älteren Kritischen Theorie einen wesentlichen Beitrag geleistet für spätere feministische Ansätze wie die Kritik an der Abstraktheit des traditionellen Subjektbegriffs, ohne den Subjektbegriff aber ganz fahren zu lassen und somit keinen Träger gesellschaftlicher Veränderung mehr zu haben. Das in der feministischen Theorie so wichtige Rekonstruieren der Situiertheit von Gegenständen, so auch des Subjekts, ist hier hervorzuheben. Es gibt das Subjekt nicht ohne die es hervorbringenden Verhältnisse, aber ebenso wenig geht das Subjekt ganz in diesen Verhältnissen auf. Vielmehr besitzt es das Potenzial, über die Verhältnisse hinaus zu denken und zu handeln und diese zu verändern.

Intersektionalität avant la lettre

Neben der Subjekt- und Vernunftkritik gibt es noch weitere Anknüpfungspunkte zwischen Kritischer und feministischer Theorie, die sich auch an den Studien zur autoritären Persönlichkeit festmachen lassen: so etwa ein Vorgriff auf das, was später als Intersektionalität bezeichnet wurde, also das Ineinandergreifen von unterschiedlichen Dimensionen von Herrschaft entlang der Achsen Gender, Ethnizität und Klasse. In der Autoritären Persönlichkeit werden solche Vermittlungen zwischen Ideologien als Herrschaftsstrategien analysiert: Antisemitismus, Sexismus, Homophobie und Rassismus werden nicht als isolierte Ideologien dargestellt, sondern als miteinander verbundene, bewegliche Momente in einer Konstellation, die das autoritäre ideologische Syndrom bildet. Frenkel-Brunswik betonte die Bedeutung der Sexualität und der Geschlechterbeziehungen für die Herausbildung der autoritären Persönlichkeit, den Antisemitismus und den Ethnozentrismus. Sie fand einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Beharren auf strikter Geschlechterbinarität mit den damit verbundenen eindeutigen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit einerseits und anderen Markern des Autoritarismus wie antisemitischen, nationalistischen und rassistischen Einstellungen andererseits.

Intersektionalität wird heute meist eingeschränkt auf die Perspektive der von Diskriminierung und Hass Betroffenen, wobei die Prozesse marginalisierter Identitätsbildung im Vordergrund stehen. Ihr wird daher zum Teil zu Recht vorgeworfen, weniger die Herrschaftsmechanismen als die individuelle Ebene der Identitätsbildung in den Blick zu nehmen und damit exkludierenden Identitätspolitiken das Wort zu reden. Obendrein wird in heutigen Intersektionalitätskonzepten der Antisemitismus in der Regel ausgeblendet, und zuweilen kippt intersektionale Praxis in die Legitimation eines israelbezogenen Antisemitismus. Um das Konzept der Intersektionalität als emanzipatorischen feministischen Zugang zu retten, kann mit Else Frenkel-Brunswik kritisch angesetzt werden. Ihre Analysen heben quasi an der Gegenseite an und fokussieren auf das autoritätsgebundene Subjekt, das andere ausgrenzt und hasst. Dabei wird die Gesellschaft als Ort der Entstehung von diskriminierenden Ideologien ebenso reflektiert wie die Art des Niederschlags im autoritätsgebundenen Individuum. Solche Wendung zum Subjekt, in der das Objekt erscheinen kann, macht Kritische Theorie heute mehr denn je relevant, auch und gerade für die kritische Genderforschung.

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