Atomkraft macht abhängig

Laut dem Uranatlas sprechen alle Fakten gegen eine AKW-Laufzeitverlängerung

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.
Blick in eine Brennelementefabrik in Ust-Kamenogorsk, Kasachstan
Blick in eine Brennelementefabrik in Ust-Kamenogorsk, Kasachstan

Eigentlich dürfen Flugzeuge aus Russland wegen der westlichen Sanktionen keine EU-Ziele mehr ansteuern. In dieser Woche landete aber eine Maschine der Airline Volga-Dnepr in Ungarn, wie das Handelsministerium in Budapest mitteilte. Geladen hatte sie Brennstäbe für das Kernkraftwerk Paks. Es war die zweite Lieferung binnen weniger Wochen, und auch in der Slowakei kam Anfang März per Sondergenehmigung eine strahlende Fracht aus Russland an.

Was nur wenige wissen: Die Sanktionen gegen das kriegsführende Land sparen die Atomenergie aus, denn die Abhängigkeit der EU in diesem Bereich ist groß. Nach Angaben von Euratom für 2020 bezieht die Europäische Union 20,2 Prozent des Urans aus Russland, weitere 19,1 Prozent kommen von dessen Verbündetem Kasachstan. »Wenn Europa die Abhängigkeit von Russland im Energiebereich wirklich beenden will, muss es auch im Atombereich seine Zusammenarbeit schnellstmöglich einstellen«, fordert Uwe Witt, Klimaschutz-Referent bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Auch die noch laufenden deutschen Atomkraftwerke würden hauptsächlich mit Uran aus Russland und Kasachstan betrieben. Der russische Staatskonzern Rosatom habe dank zahlreicher Auslandsbeteiligungen im internationalen Urangeschäft eine Spitzenposition und decke ein Drittel des weltweiten Bedarfs.

Solche Informationen finden sich im aktuellen Uranatlas, der von der der Rosa-Luxemburg-Stiftung gemeinsam mit den Umweltverbänden BUND und Greenpeace, der Nuclear Free Future Foundation (NFFF) und der Anti-Atom-Initiative Ausgestrahlt erstellt wurde. Auf knapp 60 Seiten finden sich darin wichtige Fakten rund um Uranbergbau, atomare Risiken, Abhängigkeiten in der Uranwirtschaft und deren militärische Verstrickungen.

BUND-Expertin Angela Wolff spricht mit Blick auf die Forderungen über eine Laufzeitverlängerung für AKW in Deutschland von einer »Scheindebatte«. Auch das letzte in Bayern betriebene AKW Isar-2 bei Landshut verwende Uran vor allem aus Russland und Kasachstan, sagt sie in Richtung des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU). Dieser fordert eine Laufzeitverlängerung von Isar-2, was aus seiner Sicht ein Beitrag zur Versorgungssicherheit und zur Eindämmung der Energiekosten wäre.

Beides taugt nicht als Argument: Laut Uranatlas ist Deutschland wie auch die EU insgesamt zu 100 Prozent abhängig von Lieferungen aus dem Ausland, da keine Förderung mehr betrieben werde. Auch bei den Kosten steht die Atomkraft demnach schlecht da. Je Kilowattstunde Strom summieren sich diese auf 13,5 Cent. Das ist zwar weniger als bei Erdgas, aber mehr als doppelt so viel wie bei der Windkraft an Land (6,1 Cent). Photovoltaik liegt in Deutschland zwischen 9,5 Cent auf Dächern im Norden und 3,6 Cent auf Freiflächen im Süden. Im Sonnengürtel in den Wüsten Nordafrikas und auf der Arabischen Halbinsel liegen die Kosten unter einem Cent.

Neben der aktuellen politischen Diskussion um Laufzeitverlängerung und Abhängigkeiten will der Uranatlas aber auch auf die generellen Probleme mit dem »Rohstoff des Atomzeitalters« hinweisen, wie es der NFFF-Vorstand Horst Hamm ausdrückt. Der Uranabbau finde in autoritär regierten Staaten und als »koloniales Erbe« in Gebieten indigener Völker statt. »Er gefährdet die Gesundheit der Bergarbeiter und zerstört die Lebensgrundlagen der in den Abbaugebieten lebenden Menschen«, erläutert Hamm. Uran sei das einzige Element, das bereits im natürlichen Zustand zerfällt. Wer in einer Uranmine arbeite, sei daher einer Strahlung von 20 Millisievert im Jahr ausgesetzt, was 500 Röntgenaufnahmen der Lunge oder 2000 Aufnahmen beim Zahnarzt entspreche.

Scharfe Kritik üben die Autoren auch an der Sichtweise, die Kernenergie könne eine wichtige Rolle beim Klimaschutz spielen. Als »risikoreich, teuer und langsam« bezeichnet Hamm die Atomkraft. Überlegungen, die besonders klimaschädlichen Kohlekraftwerke durch AKW zu ersetzen, würden bedeuten, dass weltweit 1500 neue Atomreaktoren gebaut werden müssten. Angesichts riesiger Kosten und jahrelanger Verzögerungen bei aktuellen AKW-Bauten sei das schlicht unmöglich. Auch neue Technologien wie die als vierte Generation gehandelten Thorium-Flüssigsalz-Reaktoren stehen absehbar nicht zur Verfügung - laut Experten wird der erste kommerzielle Reaktor nicht vor 2060 in Betrieb gehen. Ähnlich sieht es bei den Small Modular Reactors aus: Die kleinen Anlagen werden keinen nennenswerten Anteil an der Stromversorgung haben, denn sie werden eher von Militärs nachgefragt, unter anderem in Großbritannien und den USA. Horst Hamms Schlussfolgerung: »Atomkraft trägt nichts zur Lösung der Klimakrise bei.«

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