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Eher Stumpf als Schwamm

Wie sehr Berliner Bäume unter dem Klimawandel leiden, zeigt sich am Beispiel Friedrichshain-Kreuzberg

  • Von Patrick Volknant
  • Lesedauer: 5 Min.
Auch wenn in Friedrichshain-Kreuzberg schon Freiwillige Bäume gießen, ist nicht jedes Exemplar zu retten.
Auch wenn in Friedrichshain-Kreuzberg schon Freiwillige Bäume gießen, ist nicht jedes Exemplar zu retten.

»Fast jede Woche haben wir mit weiteren Bäumen zu tun, die gefällt werden müssen«, sagt Sara Lühmann, Sprecherin des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg, zu »nd«. Was der Bezirk Ende des vergangenen Jahres bekanntgab, gleicht einer Hiobsbotschaft: Bis zu 2000 der insgesamt über 40.000 Bäume im Bezirk sollen sich in einem derart miserablen Zustand befinden, dass nichts anderes übrig bleibt, als sie sukzessive zu fällen. Schuld ist der Klimawandel, der in den letzten Jahren für eine besonders hohe Hitzebelastung gesorgt hat.

Für unmittelbaren Ersatz kann der Bezirk laut Lühmann nicht sorgen: »Was wir nicht mehr machen können, ist eins zu eins nachzupflanzen.« Stetig werde geprüft, an welchen Standorten überhaupt noch eine Bepflanzung möglich sei. Zudem werde mittlerweile auf klimaresistentere Baumarten gesetzt als noch vor Jahren.

»Wichtig ist vor allem, an unterschiedlichen Standorten unterschiedliche Baumarten zu pflanzen«, sagt Lühmann. Welche Arten sich dann wo durchsetzten, könne man erst nach 20 bis 30 Jahren sagen. Als klimaresilient hätten sich bisher vor allem der Schnurbaum aus Asien, die Zerreiche aus Südeuropa, und der Geweihbaum aus Nordamerika herausgestellt. Im Bezirk bilden derzeit die Linde und der Ahorn den größten Anteil an Bäumen. Während des vergangenen Jahres waren es vor allem Ebereschen und Sandbirken, die abstarben.

An den Berlinerinnen und Berlinern geht diese traurige Entwicklung laut der Sprecherin nicht spurlos vorbei. Sie sagt: »Das Thema Baum ist für die Menschen ein sehr emotionales.« Das hätte nicht zuletzt die umgestürzte Kirsche vor der Warschauer Brückegezeigt, an der Ende Februar Kerzen aufgestellt wurden. Immer wieder erreichten das Umweltamt entsetzte Nachfragen, wenn Bäume verschwänden. »Die Trauer ist eine sichtbare«, sagt Lühmann.

Im Kampf gegen Rückgang des Baumbestandes setzt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg auf Zusammenarbeit mit den Menschen. Seit bald zwei Jahren verleiht es Bewässerungssäcke, die an Straßenbäumen angebracht und von Anwohnerinnen und Anwohnern selbst befüllt werden können. »Das Projekt wurde super angenommen«, sagt Lühmann. Berichte von Vandalismus hätten sie nicht erreicht.

An der dramatischen Lage ändern kleine Aktionen wie diese jedoch nur wenig. »Das hehre Ziel muss natürlich sein, die Versiegelung im Bezirk zu reduzieren«, sagt Lühmann. Großflächige Asphaltierung und Bebauung habe zur Folge, dass nicht genügend Wasser im Boden versickere und verschlimmere die Hitzebelastung der Bäume.
Gerade bei neuen Bauprojekten, wie etwa jüngst beim Rudolfplatz im Friedrichshain, achtet der Bezirk laut Lühmann darauf, bessere Voraussetzungen für die Bäume zu schaffen. Klar sei aber auch: »Der Bezirkshaushalt lässt leider nur kleine Änderungen zu.« Beim Umbau zur Schwammstadt stehe man vor einer »Mammutaufgabe«.

»Ich vermisse in Berlin, dass man Strategien Hand in Hand denkt«, sagt Christian Hönig zu »nd«, Fachreferent für Baumschutz beim Umweltverband BUND. Genau das sei allerdings gefragt, um sich für den Klimawandel zu wappnen. »Diese Stadt muss sich eine grundsätzliche Strategie überlegen.«

Auch Hönig sieht, dass es nach den vergangenen Trockenjahren den Bäumen in der Hauptstadt alles andere als gut gehe: »Viele Bäume haben einen hohen Totholzanteil und weisen langfristige Schäden auf.« Die Auswirkungen könne man nicht nur an Straßenbäumen, sondern auch in den Parks und Waldgebieten erkennen.

Mit der Ankündigung des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg, einen erheblichen Teil des eigenen Baumbestandes zu fällen, hadert der Baumschützer trotzdem. »In Städten kann man generell lange nach einem gesunden Baum suchen«, sagt Hönig. Wenn in der Stadt gefällt werde, dann gehe es häufig nicht darum, wie krank ein Baum ist, sondern ob er instabil sei und dadurch seine Umgebung gefährde.

Der Baumschützer stellt deshalb die Frage nach den Kriterien, die das Bezirksamt bei seiner Schätzung angewandt hat: »Man sollte nicht darüber räsonieren, wie viele Bäume gefällt werden müssen, bevor sie überhaupt abgestorben sind.« Noch bestehe durchaus Hoffnung, dass das laufende Jahr für Entlastung sorgen könne. »Der März war natürlich schlimm, aber im April sind ja jetzt immerhin ein paar Tropfen gefallen«, sagt Hönig. Sollte sich 2022 tatsächlich zu einem Regenjahr entwickeln, könne das dem ein oder anderen Baum zugute kommen. »Ich hoffe, dass es am Ende nicht die vollen 2000 Bäume werden müssen.«

Hinter der Ankündigung des Bezirksamtes vermutet Hönig eine Art vorläufige Absicherung für schlechte Nachrichten in der Zukunft. Die Zahl dürfe nicht als Freifahrtschein verwendet werden. »Es ist zwar nett, dass man uns warnt, aber ich erwarte von der Politik Pläne und Konzepte«, sagt der Baumexperte. Anstatt handfeste Vorschläge zu machen, werde immer wieder auf unkonkrete technische Lösungen verwiesen. »Ich frage mich, wie die dann aussehen sollen.«

Für die Berliner Bäume wünscht sich Hönig mehr Platz, unterirdische Bewässerungssysteme und optimierte Pflanzgruben, die eine vollständige Durchwurzelung ermöglichen. »Mit Trinkwasser zu gießen, kann immer nur die Notlösung sein«, sagt der Baumschützer. Stattdessen komme auch Schmutzwasser aus Berliner Haushalten in Frage – solange es keine schädlichen Stoffe enthalte.

Genau wie Lühmann fordert auch Hönig den Umbau zur Schwammstadt: Mehr unversiegelte Flächen und Zisternen auf den Häuserdächern, die Wasser bei Starkregen aufnehmen und speichern. Die Grundwasserbestände könnten so geschont, der Wasserhaushalt der Stadt ins Lot gebracht werden.

Bisherige Maßnahmen reichen laut Hönig bei Weitem nicht aus. »Man hat sich zum Ziel gesetzt, jedes Jahr ein Prozent der Berliner Dachflächen von der Kanalisation zu entkoppeln«, sagt er. »Damit wären wir also in 100 Jahren fertig.« Ihm sei bewusst, dass die große Flächenkonkurrenz in Berlin den Umbau alles andere als erleichtere, doch: »Wir müssen uns endlich Gedanken darüber machen, wie man all diese Ansätze untereinander verzahnen kann.«

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