Das therapeutische Selbst

Toxische Beziehungen, Traumata, Achtsamkeit - das psychologische Sprechen ist zum Accessoire der neuen Mittelklasse geworden. Trampelt sie damit den Pfad der neoliberalen Selbstoptimierer weiter aus?

  • Von Julian Theilen
  • Lesedauer: 6 Min.

Als sie mit Coffee-to-go-Bechern aus dem Laden kommt - da hatten wir noch keine zwei Sätze gewechselt -, frage ich ich sie, wie ihr Tag war. Es ist unser erstes Date, da kann ein bisschen Smalltalk nicht schaden. Sie erzählt von nervigen Anatomiefolien, die sie lernen musste, einem ganz netten Telefonat mit einer Freundin und zwischendurch noch, also ganz beiläufig, dass sie heute bei der Therapie gewesen sei. Als wir auf einem Sitzpoller auf der Berliner Admiralbrücke Platz nehmen, kommen wir auch endlich dazu, uns das erste Mal gegenseitig anzusehen. Also so richtig, und nicht nur Fotos auf dem Datingprofil ranzuzoomen. Ich nehme einen ersten Schluck von meinem Getränk.

Dass sie zur Therapie geht, wusste ich eigentlich schon vor unserem Treffen. Bei »Hinge«, dieser Dating-App, die wegen ihrer ausgefallenen Kategorien zur Selbstbeschreibung vor allem bei kreativen Großstädtern so beliebt ist, stand auf ihrem Profil: »Green flags I am looking for: Wenn du eine Psychotherapie gemacht hast.« »Green Flags« gelten beim Online-Dating als Wegweiser zu einem guten »Match«, im Gegensatz zu den »Red Flags«, den Stoppschildern. Sie war nicht die Einzige, bei der ich diese Antwort gesehen habe - so kreativ geht es auf diesen Plattformen dann auch nicht zu. Sie will damit wohl einfach nur sagen, dass sie Selbstreflexion schätzt, dachte ich. Und wenn ich als 30-jähriger Medienheini in Berlin etwas bin, dann ja wohl selbstreflektiert! Oder meinte ich eigentlich: selbstbezogen?

Ich setze zum zweiten und dritten Schluck an, und sie erzählt von ihren Traumata. Mit Trauma meint sie bestimmt die Tatsache, dass ihr Ex damals nicht mehr geantwortet hat, denke ich, weil ich ein Fiesling bin. Aber auch, weil ich glaube, ihrer Inszenierung langsam auf die Schliche zu kommen und sowieso genervt bin von der zunehmend inflationären Verwendung klinischer Begriffe, jede anstrengende Beziehung ist ja inzwischen toxisch geworden. »Jeder sollte eine Therapie machen«, sagt sie weiter und jetzt ist endgültig der Zeitpunkt gekommen, an dem ich doch eingreifen muss. »Warum?«, frage ich noch etwas zaghaft, »ist doch eigentlich okay, wenn sich jemand psychisch stabil fühlt?«

Jetzt - im Nachhinein - scheint mir, ich wusste eigentlich schon, was kommen wird: Dass psychische Stabilität oft auch nur eingebildet sei, dass sich dahinter verdrängte, Achtung, Traumata, verbergen würden. Anmaßend? Mehr über sich selbst zu lernen, das könne doch nicht schaden. »Neoliberal!«, keife ich in dem Moment zurück, ohne zu wissen, ob das Wort in diesem Zusammenhang wirklich passt. Aber vielleicht hatte ich ja doch einen Punkt?

Kapitalismus mit emotionalem Antlitz

Kleine Zeitreise: Schon in den 1930ern hatte sich ein neuer emotionaler Stil etabliert. US-amerikanische Betriebssoziologen wie Elton Mayo erkannten: Mit einer Psychologisierung der Betriebsstruktur lässt sich die Produktivität der Arbeitskräfte steigern. Manager wurden ermutigt, ein offenes Ohr für die Mitarbeiter zu haben, auf ihre Sorgen und Nöte einzugehen, sie anzuerkennen. Das führe automatisch dazu, dass sich die Mitarbeiter wertgeschätzt fühlen, so Mayo. Der positive Nebeneffekt war, das strukturelle Probleme im Betrieb in den Hintergrund gerieten. Auf einmal ging es nicht mehr um bessere Löhne und Arbeitszeiten, sondern um das Management des Seelenlebens von Mitarbeitern.

»Im selben Geist wurden Konflikte am Arbeitsplatz zur Folge von Persönlichkeitsproblemen und einer schwierigen Kindheit umgedeutet«, schreibt die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz in »Die Errettung der modernen Seele«. Wollte ein abgekämpfter Arbeiter streiken, redete der Manager ihm einfach ein, der Ärger habe mit Familienkonflikten zu tun - aber er sei doch sicher kein Resultat der Arbeit?! Und wenn der Frust aus dem Privaten kommt, dann solle er da bitte auch gefälligst bleiben. Emotionalität bei der Arbeit galt fortan als unprofessionell, zumindest dann, wenn sie nicht produktiv war. Negative Gefühle? Privatsache.

Was hat das alles nun mit der jungen Frau vom Beginn dieses Textes zu tun? Besteht nicht zumindest die Möglichkeit, dass sie - ganz im Stil der früheren Manager - strukturelle Probleme zu persönlichen erklärt und andere auch noch dazu ermutigt, es ihr gleich zu tun? Angesichts der Tatsache, dass unsere Generation der »Millenials« wohl die erste seit langem ist, der es schlechter gehen wird als der ihrer Eltern, gibt es jedenfalls genug politisches Empörungspotenzial. Kaum einer meiner Freunde kann sich Eigentum leisten, krebst trotz Studium in Nonsens-Jobs rum und dann ist da noch die Klimakrise. Politische Konflikte zu allen Seiten - warum sich da in Selbsterkundung erschöpfen? Das Außen bietet genug.

Politisierung der Psyche

Viele junge Menschen verstehen die Psychologisierung als politischen Kampf: Der unreflektierten Elterngeneration ein neues Selbst entgegensetzen, ihre psychopathologische Tabuisierung aufbrechen, schon klar. Nur scheinen sie in diesem emanzipatorischen Kampf den Feind völlig aus den Augen verloren zu haben, und diese Leere nun füllen zu müssen. Sie tun es, indem sie psychische Probleme zum Teil ihrer Identität machen, sie wie ein Accessoire vor sich hertragen. Nun geht es nicht mehr nur darum, psychische Probleme zu entstigmatisieren, sondern mit ihnen auch die eigene Individualität zu unterstreichen. Wenn eine Beziehung nicht nur anstrengend und nervig, sondern toxisch ist, wenn Selbstzweifel nicht nur Selbstzweifel, sondern Ausdruck des »Imposter-Syndroms« sind, dann kann man damit zeigen: Mein Leid ist komplexer als gewöhnlich. In einer hyperindividualisierten Gesellschaft ist das ein großes Pfund. Das sensible Umfeld honoriert es.

Der Grad zur unangenehmen Selbstinszenierung ist hier schmal. Als die Taliban im August vergangenen Jahres Kabul zurückerobern, verzweifelte Menschen sich an Flugzeuge hängen, schreibt eine ehemalige Kollegin in die gemeinsame Whatsapp-Gruppe: »Wie gehen wir mit den belastenden Bildern um? Brauchen wir Triggerwarnungen innerhalb der Redaktion? Wenn ihr abends Panikattacken bekommt, nicht schlafen könnt, weil die Bilder so krass sind, sagt etwas!« Eine weitere Ex-Kollegin ergänzt: »Ich find das gut, dass du das ansprichst. Ich denke, dass da Transparenz und drüber reden hilft. Ich habe vor fünf Jahren mal mit syrischen Flüchtlingen gearbeitet, deren Füße auf der Flucht abgestorben sind. Das kommt jetzt alles wieder hoch.«

Auf einmal ging es in einer journalistischen Redaktion nicht mehr um das systematische Versagen des Westens, die patriarchalischen Taliban, um verzweifelte Menschen, sondern um die eigene Befindlichkeit im sicheren Berlin. Wer nicht mitmacht, wer nicht die eigene Beklemmung theatralisch nach außen trägt, gilt womöglich noch als unsensibel oder abgebrüht. Ist das nicht irgendwie bitter?

Arbeit am eigenen Selbst

Die junge Frau, die Psychotherapie zu ihren »Green Flags« ausgerufen hat, erwähnte übrigens noch, dass es ihr momentan eigentlich ganz gut gehe. Zum Glück! Mit ihrer Psychotherapie möchte sie nur emotionalen Krisen vorbeugen, sich stabiler fühlen, weiter an sich arbeiten. Daran ist nichts auszusetzen, außer vielleicht, dass sie eventuell einer schwer Depressiven den Therapieplatz wegnimmt. Es bleibt nur faszinierend, wie schwer es anscheinend fällt, das ständige Herumdoktern an der eigenen Psyche als das zu erkennen, was es auch sein kann: Teil einer Selbstoptimierungsspirale, die niemals enden wird. Weniger eifersüchtig sein, achtsamer kommunizieren, nicht so impulsiv - da geht doch mehr! Lässt uns diese Disziplin nicht nur weiter in einen kalten Ort abgleiten, in dem jegliche Affekte absterben? Beim Fitnesswahn sind wir doch da schon weiter. Das gilt im aufgeklärten Milieu als »Red Flag«.

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