Das Natürliche ist politisch

Gesellschaftskritik ist unzureichend, wenn sie nicht eine Kritik der gesellschaftlichen Naturverhältnisse beinhaltet. Das zeigen marxistische Schriften wie die Kritische Theorie, die den vermeintlichen Gegensatz von ökologisch und sozial zu überwinden versuchte

  • Von Ralf Hutter
  • Lesedauer: 15 Min.

Immer wieder bricht in politischen Diskursen ein vermeintlicher Gegensatz zwischen ökologisch und sozial auf. Eine Variante davon ist, dass Parteien, die ständig eine konzernfreundliche Politik zum Nachteil der Armen machen, sich bei manchen Themen vermeintlich für eben diese Armen einsetzen, um mehr Ökologie zu verhindern. So sprach sich der Kanzlerkandidat der Unionsparteien Armin Laschet im vergangenen Bundestagswahlkampf für billige Urlaubsflüge aus. Doch hat dieser Gegensatz eine gewisse historische Begründung. Einerseits zeichneten sich die dominanten Formen des Marxismus nicht durch ökologische Motivation aus. Die sozialistischen Staaten setzten wie die kapitalistischen auf fossile Energiequellen, Atomkraftwerke und sonstige Großtechnik. Auch in der DDR gab es deshalb Umweltkatastrophen, deren Folgen heute noch spürbar und teuer sind. Die Ökos, andererseits, jammern zwar viel über Umwelt- und andere Probleme, aber um Abhilfe zu schaffen, beschränkt sich die Szene traditionell auf Appelle und Marktlösungen. In Deutschland hängt das ökologische Bewusstsein zudem mit der historischen Bedeutung der Romantik zusammen, wodurch manche Umweltbewegte regelrecht antisozialistisch oder zumindest unpolitisch sind.

Fundamentale ökologische und soziale Probleme sollten aber nicht getrennt werden. Wer den Kapitalismus vor allem als ein Gerechtigkeitsproblem zwischen Menschen ansieht, trennt sie damit von der Natur ab. Der kapitalistische Irrsinn betrifft aber schon immer fundamental die Natur, auch die des Menschen. Er schadet nicht nur beidem gleichzeitig, sondern prägt auch ihr Wesen, sogar derjenigen Menschen, die eher zu den Profiteuren des Kapitalismus gehören. Berühmte Gesellschaftskritiker, die für antikapitalistische Analysen bekannt sind, haben das durchaus festgestellt - nur ist das wenig bekannt. Im Anschluss an Karl Marx, Herbert Marcuse, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno lautet deshalb meine Hauptthese: Gesellschaftskritik ist unzureichend, wenn sie nicht eine Kritik der gesellschaftlichen Naturverhältnisse beinhaltet.

Stoffliche Grenzen des Kapitalismus

Eine der weltweit verbreitetsten Kritiken an der bürgerlichen Gesellschaft stammt von Karl Marx. Als Naturschützer ist er allerdings nicht berühmt. Eher im Gegenteil: Ihm wird schon immer vor allem aufgrund früherer Schriften wie dem »Manifest der kommunistischen Partei« vorgeworfen, ein unreflektierter Fortschritts- und Technikoptimist zu sein. So interpretierten ihn auch - allerdings ohne Vorwurf - viele marxistische Parteien. Der Wissenschaftler Kōhei Saitō legte 2016 ein auf seiner Doktorarbeit beruhendes Buch namens »Natur gegen Kapital« vor, das eine andere Perspektive stark macht.

Saitō behauptet nichts weniger, als dass die ökologische Kritik im Lauf von Marx‘ Leben zu einem unentbehrlichen Teil seiner Kritik der politischen Ökonomie geworden sei. Die Bände zwei und drei von »Das Kapital« hat Marx nicht mehr selbst veröffentlichen können, sie wurden nach seinem Tod von Friedrich Engels aus den Manuskripten zusammengestellt. Saitō weist darauf hin, dass zahlreiche Exzerpte, die Marx bei seinen umfassenden Lektüren anfertigte, aus seinen letzten zehn Lebensjahren stammen und noch nicht ausreichend gewürdigt wurden, zum Teil noch nicht mal veröffentlicht sind. Nach der Lektüre dieser Archivalien kommt er zu dem Schluss, dass Marx in seinem Spätwerk »mit größter Wahrscheinlichkeit die ökologische Krise als zentralen Widerspruch des Kapitalismus hervorgehoben hätte«.

Dieser Satz hat Sprengkraft, denn seit jeher wird in vielen Marxismen der These gefolgt, der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sei der zentrale. Marx beschäftigte sich ausgiebig mit Naturwissenschaften, schon in den 1860er Jahren gab es Kritik an der kapitalistischen Vernutzung der planetaren Ressourcen. Der Chemiker Justus von Liebig etwa hielt bereits damals fest, dass die zunehmende Nutzung von Kunstdünger den Boden früher oder später auslauge und somit nicht nachhaltig sei. Auch zu unnachhaltiger Forstwirtschaft, Kohleverbrennung und Klimaerwärmung veröffentlichten Fachleute kritische Analysen. Marx folgte ihnen.

Saitō zufolge wurde der Begriff des »Stoffwechsels« zu einer zentralen Kategorie in Marx‘ Spätwerk. Der Kapitalismus greift mit seiner krassen Ausbeutung von allem und jedem auf nie dagewesene Weise in den Stoffwechsel ein. Das wirkt sich nicht nur auf Pflanzen und Tiere aus, sondern auch auf den Menschen. Wie der Boden wird auch er erschöpft, wenn die unbarmherzige Verwertungslogik des Kapitals und die Logik des Stoffs, in diesem Fall also der menschlichen Konstitution, aufeinanderprallen. Die kapitalistische Konkurrenz zwingt die Firmen dazu, Jung und Alt bis zur letzten Muskelfaser schuften zu lassen - oder heutzutage: bis zum psychischen Burn-out.

Eine konstitutive Bedingung des kapitalistischen Regimes war die Vertreibung vieler Menschen von ihren gemeinsam genutzten landwirtschaftlichen Flächen, also eine gewisse Trennung von der nichtmenschlichen Natur. Sie mussten sich dann bei kapitalistischen Firmen verdingen, wo es ihnen verwehrt wurde, die Bedürfnisse der menschlichen Natur zu befriedigen: körperliche und geistige Erholung, ausreichende Ernährung, soziale Beziehungen bei der Arbeit, Sinnstiftung durch Arbeit. Allerdings stößt der alles plündernde und vernutzende Kapitalismus früher oder später an stoffliche Grenzen. Er kann sich die Natur nicht dauerhaft beliebig gefügig machen, auch die menschliche nicht. Marx sah deshalb in diesen unhintergehbaren Grenzen die Basis für Widerstand. Zusammengefasst: Natur wurde zum bloßen Verfügungsobjekt ohne eigenes Recht, ein vermeintlich grenzenlos ausbeutbarer Rohstoff. Das richtet sich aber auch gegen die große Mehrheit der Menschen, denn auch der Mensch ist Natur.

Befreiung der inneren Natur

Die parallele Betroffenheit von Mensch und Natur durch den Kapitalismus ist das Thema des Büchleins »Die Befreiung der Natur«, das der pensionierte Philosophieprofessor Ulrich Ruschig 2020 veröffentlicht hat. Er betreibt darin nach eigener Aussage vermutlich erstmals eine systematische Analyse des Textes »Natur und Revolution«, der in Herbert Marcuses Buch »Konterrevolution und Revolte« von 1972 enthalten ist. Marcuse widmete sich Zeit seines Lebens der Verbindung von marxistischer Kapitalismuskritik mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds und war so einer der intellektuellen Stichwortgeber der antiautoritären Revolten der 1960er und 70er, sowohl in den USA als auch in Europa. In einem seiner Vorträge vor Studierenden wies der revolutionäre Philosoph 1977 darauf hin, dass die neuen politischen Bewegungen eine »Politik der ersten Person« praktizierten. Das bedeutet, sie beschäftigten sich damit, was der moderne Kapitalismus mit ihnen selbst, ihrem Denken und Fühlen machte, um sich durch eine Bewusstwerdung davon zu befreien. Das war eines von Marcuses Hauptanliegen: die Stimulierung und Befreiung positiver Triebe im Menschen, der Kampf gegen verinnerlichte Unterdrückungsmechanismen der modernen Leistungsterrorgesellschaft. Die psychoanalytische Perspektive betrachtet den Menschen nicht nur als Gesellschafts-, sondern auch als Naturwesen.

Der Theoretiker unterdrückter Triebe wandte sich als einer der ersten Philosophen und Marxisten der aufkommenden Ökologiebewegung zu. Wer die Unterdrückung der äußeren Natur beenden will, kämpft auch für die Befreiung der inneren, so Marcuses Hoffnung. Er sah im Kampf gegen den Kapitalismus die Natur als Verbündete des Menschen an, denn beide eint ein Drang nach Leben, ein Entwicklungspotenzial. Marcuse kritisierte nicht nur wie Marx, dass Natur Privateigentum sein kann, sondern dass das Kapital die Natur in ihrem Wesen angreife. Ulrich Ruschig schreibt darüber in einer akademischen Sprache, aber seine Wut auf die industrielle Tierhaltung trägt zu einer Erhellung der Sache bei, die Marcuse noch nicht bieten konnte. »Der Verwertungsprozess geht zum Angriff auf das artspezifische Leben über.«

In der industriellen Tierhaltung sehen Legehennen, Masthühner und Kühe laut Ruschig nie Tageslicht, denn das würde sie in ihrer Produktivität hemmen. Es ist bekannt: Schweine dürfen nicht herumlaufen, weil sie dick werden sollen. Auch Hühner wollen eigentlich herumlaufen, picken und scharren, nicht den ganzen Tag herumstehen und aus Apparaten fressen. Kühe wollen eigentlich nicht die ganze Zeit Milch produzieren. Die grundlegenden artspezifischen Bedürfnisse all dieser Tiere werden ihr ganzes Leben lang massiv unterdrückt, denn sie sind eine der stofflichen Schranken der Kapitalverwertung, die Marx meinte. Die Milchkühe sind nach wenigen Jahren ausgelaugt und sterben viel früher, als es normal wäre. Zudem werden Tierarten auf eine perverse Weise verzüchtet, damit bestimmte Körperteile, etwa die Hühnerbrust, besonders dick werden.

Über Ruschig und Marcuse hinausgehend sollten wir uns angesichts des kapitalistischen Kampfes gegen artspezifisches Verhalten fragen, wie artgerecht dieses Wirtschaftssystem eigentlich für uns selbst ist. Und zu was es, bezogen auf uns, noch fähig sein wird. Ein Beispiel: Der kapitalistische Verwertungszwang und die weitgehende Loslösung der wirtschaftlichen Tätigkeiten von natürlichen Randbedingungen haben zu einer großen Gleichförmigkeit der Organisation der Arbeit geführt. Dem industriellen Prinzip entspricht es, dass sich im Lauf des Jahres kaum eine Arbeitswoche von der anderen unterscheidet. Dauerstress, Schlafmangel, Nachtarbeit und ähnliches sind aber ungesund und begünstigen eventuell sogar Krebs. Früher war das so: Sommer und Herbst konnten arbeits- und entbehrungsreich sein, aber der Winter war Ruhezeit, die Menschen regenerierten sich. Davon können heute viele Angestellte trotz Tausenden Euro Nettolohn, bezahltem Urlaub und Einfamilienhaus nur träumen.

Dialektik der unreflektierten Aufklärung

Man muss den Kapitalismus und das, was er mit uns macht, unter dem Aspekt des Mensch-Natur-Verhältnisses betrachten. Der so geschärfte Blick kann aber noch weiter gehen und auf andere gesellschaftliche Phänomene gerichtet werden. Das zeigt uns eines der berühmtesten Werke der deutschsprachigen Philosophiegeschichte: »Dialektik der Aufklärung« von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Die 1947 erschienene, aber viele Jahre lang wenig beachtete Textsammlung bietet einen Erklärungsansatz zum Nationalsozialismus. Die Autoren, ausgebildete Philosophen, unternahmen einen Ritt durch die europäische Philosophiegeschichte, um zu schauen, was schief gelaufen war, so dass nach der Epoche der sogenannten Aufklärung der Rückfall in Faschismus und Massenmord möglich war. Ihre Diagnose: Die Entfremdung von der Natur hat sich fatal ausgewirkt.

Ein zentraler Begriff des Buches ist »Naturbeherrschung«. Kritisiert wird, dass Aufklärung zwar den Anspruch hatte, von Zwängen zu befreien, aber neue Unfreiheiten schuf. Es ging um die Selbstbehauptung des Menschen gegenüber der Natur, wodurch die Natur konstitutiv abgewertet wurde. Vordenker wie René Décartes und Immanuel Kant dekretierten, dass alle Gegenstände sinnlos und zufällig seien, Bedeutung und Rationalität also nur im menschlichen Subjekt entstünden. In einem größenwahnsinnigen Akt setzen sich die Menschen in einen Gegensatz zur Natur, dabei sind sie doch ein Teil von ihr. Das bezieht sich nicht nur auf unsere Abhängigkeit von ökologischen Gleichgewichten, sondern auch auf Bedürfnisse und die menschlichen Züge, die wir gewöhnlich irrational nennen. Wenn der Mensch seine Beziehung zur Natur vorrangig als Herrschaftsverhältnis gestaltet, unterdrückt er damit auch einen Teil von sich selbst. Diese Art von Aufklärung führt zur Entfremdung von der äußeren wie von der eigenen, inneren Natur, also zu Selbstverleugnung. An der jüngeren europäischen Geistesgeschichte ist schon oft eine Feindlichkeit gegenüber dem menschlichen Körper kritisiert worden, woraus übrigens auch eine Abwertung der Frau folgte, da sie als stärker an ihren Körper gebunden als der Mann angesehen wurde.

Horkheimer und Adorno sahen eine Dialektik von Naturbeherrschung und Naturverfallenheit, denn »Natur« hatte für sie eine zweite Bedeutung: Sie stand auch für die brutale und sozusagen sinnlose Gewalt des Kampfes ums Überleben, Stichwort »fressen und gefressen werden«. Solange Kapitalismus herrscht, sind aber ähnliche Zwänge durch die Konkurrenz gesellschaftlich institutionalisiert. Eine unreflektierte Aufklärung, der es vor allem um die Beherrschung und technische Verfügbarkeit der nichtmenschlichen Umwelt geht, die sich also krampfhaft von der sogenannten Natur abgrenzt, führt letztendlich zur totalen Unterwerfung unter urwüchsige Naturprinzipien oder wie man heute sagen würde: unter Sachzwänge. Aufklärung hatte eigentlich die Steigerung der individuellen subjektiven Vernunft zum Ziel. Doch wenn sie sich nur Zwängen der Natur widersetzt und nicht auch strukturellen gesellschaftlichen Bedrohungen und Unfreiheiten, dann wird sie herrschaftsdienlich und ermöglicht es, dass die Menschen zu Objekten einer tendenziell totalen, alle Beziehungen und Regungen erfassenden Gesellschaft werden, die noch dazu technisch stark aufrüstet.

Hier kommen die Autoren von »Dialektik der Aufklärung« zum Faschismus. Es ist bemerkenswert, dass Horkheimer und Adorno in ihrer Ursachenforschung beim Thema Naturbeherrschung landen. Das klingt ein bisschen nach Esoterik, doch diese beiden Philosophen waren anti-esoterische Marxisten. Sie sahen einen Zusammenhang zwischen Naturbeherrschung, sozialer Herrschaft und von Menschen verinnerlichter Herrschaft. Unter kapitalistischen Bedingungen führe das zu einem immensen Rückschlag: Die von der Menschheit zur Naturbeherrschung etablierte Maschinerie kehrt sich im Weltkrieg und in den Gaskammern gegen sie selbst, wird als Mordwerkzeug eingesetzt. Demgegenüber forderten Horkheimer und Adorno eine Versöhnung mit der Natur, was zweierlei bedeutet: Erstens eine Anerkennung ihrer Eigenständigkeit, was sowohl die moralische Pflicht beinhaltet, sie nicht auszubeuten, als auch das Bewusstsein, dass wir sie gar nicht komplett beherrschen können. Und zweitens müssen wir selbst uns, auch als aufgeklärte und somit notwendigerweise in einem gewissen Gegensatz zur Natur stehende Menschen bewusst sein, dass wir nicht unabhängig von ihr existieren.

Gesellschaftliche Naturkatastrophen

Horkheimers und Adornos »Dialektik der Aufklärung« hat zu weitreichenden philosophischen Debatten geführt. Die Buchkapitel zur Kulturindustrie und zum Antisemitismus gelten in gewissen akademischen Kreisen als Grundlagentexte. Verwunderlich ist jedoch, dass dieses Werk kaum als das behandelt wird, was es auch ist: die Grundlage für eine radikale Ökologie. Eine der Ausnahmen ist der Politikwissenschaftler Christoph Görg. Er hat schon in einem 2003 erschienenen Text argumentiert, dass die symbolische Konstruktion der Natur in der bürgerlichen Gesellschaft, die vermittels einer grundsätzlichen Trennlinie zwischen beiden erfolgt, zu einem gewissermaßen paranoiden Verhältnis zur Natur führt: Entweder wir sind ihr unterworfen oder wir unterwerfen sie uns. Diese Feststellung trifft sehr gut, was wir seit März 2020 erleben. Dieser Wirklichkeit gewordene gesellschaftliche Albtraum ist die beste Illustration und Bestätigung, die das Buch von Horkheimer und Adorno je erhalten hat. Das betrifft zunächst die gegenseitige Vermitteltheit von Gesellschaft und Natur. Wie beim Klimawandel ist die angebliche Naturkatastrophe Corona gesellschaftlich erzeugt. Fachleute weisen seit vielen Jahren darauf hin, dass die industrielle Tierhaltung und das Vordringen der Landwirtschaft in unberührte Naturräume immer wieder zu neuen gefährlichen Viren führen. Die Auswirkungen der Epidemien hängen dann von der Qualität der Gesundheitssysteme und Altenheime ab, wie sich nun gerade auch in Europa im Ländervergleich gezeigt hat. Auch die dauerhafte Luftverschmutzung hat wissenschaftlichen Studien zufolge die Covid-Sterblichkeit erhöht. Und rund die Hälfte der einschlägigen persönlichen Risikofaktoren kommen bei vielen Menschen von falscher Ernährung, es sind die bekannten Krankheiten, an denen die Nahrungsmittelindustrie die Hauptschuld trägt: Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes. Das Virus ist somit das Vehikel eines weiteren Massenmords auf dem Kerbholz des Kapitalismus. Es ist nicht primär ein Fall von Natur gegen Mensch, sondern eine gesellschaftlich erzeugte Katastrophe. Es entspricht der Dialektik der Aufklärung, wenn die gesellschaftlichen Ursachen nicht angegangen werden und eine Epidemie als Schicksal angesehen wird, so wie in der Menschheitsgeschichte alles mögliche als Schicksal angesehen wurde.

Der Kampf gegen die Natur kann alles noch schlimmer machen. So wie Unkrautvernichtungsmittel zu einer starken Verbreitung resistenter Unkräuter führen können, erzeugt der überbordende Einsatz von Antibiotika resistente Bakterien, gerade in der Tiermast. Fachleute sagen sogar, dass das Durchimpfen ganzer Tierbestände durch den entstehenden Selektionsdruck auf die Viren zu besonders gefährlichen Stämmen führen könne. Zudem hat sich gezeigt, dass Ausbreitung und Tödlichkeit des neuen Coronavirus eher von der medizinischen Versorgung abhängen als von den massiven Grundrechtseinschränkungen. Horkheimer und Adorno würden wohl bitter schmunzeln: Die größenwahnsinnige menschliche Technologie versagt immer wieder bei der Beherrschung der Natur und führt zu immer größeren Risiken für die Menschen selbst - auch hinsichtlich ihrer Freiheitsrechte.

Tendenz zum Autoritarismus

Die epochale Kritik der »Dialektik der Aufklärung« wird durch die Entwicklung der Gesellschaft illustriert. Wir erleben seit bald zwei Jahren eine kollektive Selbstunterdrückung und zum Teil Selbstunterwerfung unter möglichst autoritäre politische Führungsfiguren. Genau davor haben Horkheimer und Adorno mit ihrer philosophischen Kritik an Tendenzen zur Selbstauflösung einer Gesellschaft gewarnt. Auch dem liegt die falsche Gegenüberstellung von Mensch und Natur zugrunde, denn wie eine Gesellschaft mit einer Epidemie umgeht, ist keine rein medizinische oder naturwissenschaftliche, sondern eine gesellschaftliche Frage. Das alles bestätigt die These von der Dialektik der Aufklärung, denn allgemein akzeptiert ist heute nur mehr ein quasi technisches, naturwissenschaftliches Verständnis von Leben: Wir dürfen atmen, essen, trinken, schlafen. Leben ist bloß der tägliche Sieg über Krankheit und Tod. Die meisten Dinge, die ein soziales Leben ausmachen, sind nun zumindest zweitrangig. Dabei gehört es zur Natur des Menschen, dass er diese Dinge braucht. Aber genau damit hat die falsch aufgeklärte Gesellschaft ihre Probleme: mit dem Mensch-Natur-Verhältnis.

Die Corona-Politik verstärkt die in unserer Gesellschaft unterschwellige fundamentale Gegenüberstellung von Mensch und Natur. In dieser Denkweise müssen sich die Menschen über die üblichen politischen Differenzen hinweg zusammentun, um die Natur zu besiegen. Und sie müssen dabei die Mittel der Zivilisation anwenden: Wissenschaft und Technik, aktuell im Gewand der ansonsten eigentlich eher unbeliebten Pharmaindustrie. Hinweise auf das beeindruckende menschliche Immunsystem, das von der Natur über Jahrtausende verfeinert worden ist, werden bisweilen als rückschrittlich und naiv lächerlich gemacht. Eine offensichtliche Leerstelle des Corona-Diskurses sind zudem Wege der Virenbekämpfung, die zwischen Hochtechnologie und Immunsystem liegen. So weist die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene in einer aktuellen zehnseitigen Anleitung (davon dreieinhalb Seiten mit wissenschaftlichen Literaturangaben) darauf hin, dass handelsübliche Mundwässer auf Basis etherischer Öle sowie das Desinfektionsmittel Povidon-Jod die Zahl der Coronaviren drastisch senken. Eine geringere Virenzahl bedeutet eine größere Chance für das Immunsystem, mit ihnen fertig zu werden. Derlei Maßnahmen (es gibt weitere pflanzliche Wirkstoffe, die Viren abtöten) wurden von der Bundesregierung aber offenbar nie bekanntgemacht. Sie inszeniert lieber einen absoluten Feind der Menschheit, der nicht mal eben geschwächt werden kann, sondern dem mit dem großen Impfhammer zu Leibe gerückt werden muss.

Die Dialektik der Aufklärung führt dazu, dass viele vermeintlich aufgeklärte Menschen von einer Angst getrieben werden, wie sie die Menschen in voraufklärerischen Zeiten vor bösen Geistern und Göttern hatten. Entsprechend aggressiv verhalten sie sich gegenüber Andersdenkenden. Wir müssen die gesellschaftlichen Naturverhältnisse ins Auge fassen. Es geht dabei nicht nur um den Klimawandel und auch nicht nur um den Kapitalismus. Es geht nicht allein um die Rettung von Ökosystemen, sondern um unsere eigene Rettung, um ein Leben in Frieden und Würde. Wenn wir die Natur wirklich retten, dann retten wir auch uns - und umgekehrt.

Max Horkeimer/Theodor W. Adorno: Die Dialektik der Aufklärung. Fischer 2010, 288 S., 13 €; Herbert Marcuse: Konterrevolution und Revolte. Suhrkamp 1973, 154 S., ca. 12 €; Kōhei Saitō: Natur gegen Kapital. Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus. Campus 2016, 328 S., 39,95 €; Ulrich Ruschig: Die Befreiung der Natur. Papyrossa 2020, 115 S., 11,90 €.

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