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Energie und Nahrung treiben Inflation an

Die Inflationsrate stieg nach vorläufigen Schätzungen im April - leicht - auf 7,4 Prozent

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Lebensmittelpreise werden im Jahresverlauf vermutlich noch schneller steigen als jetzt schon.
Die Lebensmittelpreise werden im Jahresverlauf vermutlich noch schneller steigen als jetzt schon.

Die Inflation hat im April weiter angezogen. Nach vorläufigen Schätzungen des Statistischen Bundesamtes beläuft sie sich für diesen Monat auf 7,4 Prozent, wie die Behörde am Donnerstag mitteilte. Im März verteuerten sich die Preise im Vergleich zum Vorjahresmonat noch um 7,3 Prozent. Ähnlich hoch war die Inflationsrate in Deutschland zuletzt im Herbst 1981, als infolge des Ersten Golfkriegs zwischen dem Irak und Iran die Mineralölpreise ebenfalls stark gestiegen waren.

Auch im April verteuerten sich vor allem Energieprodukte. Sie waren diesen Monat um 35,3 Prozent teurer als vor einem Jahr. Laut dem Statistischen Bundesamt sind diese insbesondere seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine »merklich« angestiegen und beeinflussen die hohe Inflationsrate »erheblich«. Weitere Gründe für die derzeit extrem hohe Teuerungsrate sind laut den amtlichen Statistiker*innen unter anderem Lieferengpässe durch unterbrochene Lieferketten aufgrund der Corona-Pandemie, die bereits im vergangenen Jahr die Inflationsrate nach oben trieben.

Neben Energieprodukten verteuerten sich vor allem auch Lebensmittel. Und dies auch mit zunehmendem Tempo. Stiegen die Lebensmittelpreise im Januar noch um 5,0 Prozent, so waren es im März bereits 6,2 und im April jetzt 8,5 Prozent. Laut dem wissenschaftlichen Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien, dürften die Lebensmittelpreise weiter steigen: »Die gestiegenen Preise für Düngemittel und die absehbar ausfallenden Getreidelieferungen aus der Ukraine haben die Preise für Lebensmittel auf den Weltmärkten bereits in die Höhe getrieben.« Bei frischem Obst und Gemüse aus dem Gewächshaus dürften zudem die hohen Energiekosten in den nächsten Monaten preistreibend wirken.»Beides wird sich im weiteren Jahresverlauf auch stärker in den deutschen Verbraucherpreisen für Lebensmitteln niederschlagen«, schätzt Ökonom Dullien.

Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge trifft die hohe Inflation besonders arme Haushalte. »Die Entlastungspakete der Bundesregierung helfen Haushalten mit wenig Einkommen mittelfristig nur bedingt«, erklärt Studienautor Stefan Bach. »Die deutlich gestiegenen Energiepreise schlagen insbesondere bei ärmeren Haushalten erheblich zu Buche - ganz zu schweigen von den Preiserhöhungen bei weiteren Produkten wie Lebensmitteln.«

Laut der DIW-Studie müssen alle privaten Haushalte in Deutschland mittelfristig im Durchschnitt 2,1 Prozent ihres Nettoeinkommens mehr für Energie ausgeben. Ohne die staatlichen Entlastungen wären es 3,4 Prozent. Die Berechnungen beziehen sich auf die kommenden 12 bis 18 Monate, da die Preissteigerungen nicht für alle Haushalte zum selben Zeitpunkt wirksam werden. So tanken sie beispielsweise zu unterschiedlichen Zeitpunkten Heizöl nach oder müssen als Gas-Bestandskund*innen später als Neukund*innen höhere Tarife zahlen.

Bei den ärmsten zehn Prozent machen die Preissteigerungen sogar 6,7 Prozent des Einkommens aus. Und obwohl gerade diese Menschen durch die Entlastungspakte unterstützt werden sollen, drücken diese Maßnahmen die Mehrbelastungen durch höhere Energiepreise bei ihnen lediglich auf drei Prozent. Zum Vergleich: Bei den reichsten zehn Prozent liegt die Mehrbelastung lediglich bei zwei Prozent ihres Einkommens. Und da auch sie durch staatliche Maßnahmen wie den Tankstellenrabatt profitieren, sind es unterm Strich letztlich nur 1,3 Prozent.

Wegen der drohenden sozialen Verwerfungen im Rahmen der gestiegenen Inflationszahlen wurden Rufe nach weiteren Maßnahmen der Bundesregierung laut. »Es gibt also weiteren Handlungsbedarf für die Politik, wenn die Energiepreise wie zu erwarten hoch bleiben. Künftige Maßnahmen sollten stärker auf die Geringverdienenden konzentriert werden«, fordert DIW-Ökonom Bach.

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) fordert ein drittes Entlastungspaket, das gezielt Rentner*innen mit kleinem Einkommen zugutekommt. »Im vergangenen Jahr gab es bei den Renten eine Nullrunde und die aktuelle Anpassung ist losgelöst von der derzeitigen Hochpreisphase«, so SoVD-Präsident Adolf Bauer am Dienstag.

Eine diskutierte Maßnahme ist die vorübergehende Aussetzung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel. Dies forderten vergangene Woche der Sozialverband VdK und die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Immer mehr Menschen kämen an ihre finanziellen Grenzen, sagte Vdk-Präsidentin Verena Bentele. »Der VdK fordert deshalb, die Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel drastisch zu senken, und zwar auf null Prozent.« Eine gesunde Ernährung dürfe »keine Frage des Geldbeutels sein«, sagte Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Diabetes-Gesellschaft. Die Steuer solle für Obst, Gemüse, Milch und Hülsenfrüchte wegfallen. Derzeit gilt auf Lebensmittel ein Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Unterstützung bekommen die Verbände vom Umweltbundesamt, das eine Abschaffung der Mehrwertsteuer für pflanzliche Lebensmittel aus Umweltgründen empfiehlt. »Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung entlastet die Umwelt und ist obendrein gesund«, sagte Behördenchef Dirk Messner Anfang der Woche der Nachrichtenagentur dpa. Mit Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grünen) gibt es bereits einen Fürsprecher in der Koalition.

Indes gibt es auch Stimmen gegen eine Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. »Es ist längst nicht gesagt, dass der Handel eine solche Mehrwertsteuersenkung an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergibt. Daran kann man berechtigte Zweifel haben«, sagte der Chef der Gewerkschaft Nahrung - Genuss - Gaststätten (NGG), Guido Zeitler, der »Neuen Osnabrücker Zeitung« am Donnerstag. Auch sei eine Senkung weder sozial ausgeglichen noch zielgerichtet.

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