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Raus aus dem Hamsterrad

Immer mehr junge Volleyballerinnen treten zurück. Nun auch der deutsche Star Louisa Lippmann. Ex-Bundestrainer Felix Koslowski spricht über die Gründe

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 7 Min.
Louisa Lippmann war über Jahre das Aushängeschild der deutschen Volleyballerinnen. Jetzt hört sie auf.
Louisa Lippmann war über Jahre das Aushängeschild der deutschen Volleyballerinnen. Jetzt hört sie auf.

Die Saison ist für Ihren Schweriner SC seit Kurzem vorbei? Sind Sie sofort in den Urlaub gefahren oder basteln Sie sogar schon am Kader der nächsten Saison?

Rücktritte im Volleyball: Raus aus dem Hamsterrad

Urlaub habe ich noch nicht. Der Kader ist in der Tat schon zu 90 Prozent fertig. Ich bin aktuell noch auf der Suche nach einer Spielerin. Ansonsten haben wir einige Verträge verlängert. Ich bin ansonsten mit der Analyse der letzten Saison beschäftigt. Und dann kann ich zu Hause endlich auch einfach mal Papa sein.

Schließlich wird das der erste Sommer, in dem Sie nicht mehr als Bundestrainer durch die Welt reisen.

Ja, genau. Da finde ich mal Zeit, die Kinder zur Kita und zur Schule zu bringen. Das ist auch mal schön, ihren Alltag mitzuerleben.

Zur Kaderumplanung sind sie gezwungen, da vier Spielerinnen Schwerin verlassen werden. Drei davon beenden ihre Karriere, darunter die US-Amerikanerin Symone Speech mit 24 und die zwei Jahre ältere Zuspielerin des deutschen Nationalteams, Denise Imoudu. Beide sind Teil eines Trends, denn Talente wie Valbona Ismaili (mit 18) und Emma Cyris (20) hörten zuletzt ebenso auf wie gestandene Nationalspielerinnen wie Imoudu und am Mittwoch auch noch Deutschlands mehrfache Volleyballerin des Jahres, Louisa Lippmann (27). Glauben Sie, dass die Pandemie eine Rolle dabei spielt?

Das ist eine gute Frage, mit der auch wir uns intensiv beschäftigen. Ich glaube aber, jeder in der Gesellschaft hat festgestellt, dass uns die Pandemie ein bisschen entschleunigt hat. Alle haben über sich selbst nachgedacht, sich Zeit für Dinge genommen, für die man normalerweise keine hatte. Auch ich habe diese Erfahrung gemacht und bin seit einem halben Jahr nicht mehr Bundestrainer. Leistungssportler haben sich auch die Warum-Frage gestellt, und manchen ist die persönliche Zeit für sich selbst wichtiger geworden.

Also sind die vielen Rücktritte kein Zufall.

Natürlich ist die Pandemie nicht in jedem Einzelfall der Hauptgrund. Ich kenne all die genannten Spielerinnen sehr gut, und weiß daher, dass man da differenzieren muss. Bei Ismaili gab es kulturelle, familiäre Hintergründe. Emma Cyris hatte sich schon vor dem Wechsel nach Dresden die Sinnfrage des Leistungssports gestellt. Als sie dann als Reservistin kaum zum Zuge kam, hat das ihre Motivation natürlich nicht gesteigert. Symone Speech plant in der Heimat ihre Hochzeit und möchte Zeit mit ihrem Mann verbringen. Denise Imoudu denkt auch in Richtung Familie. Das sind zudem alles sehr kluge Frauen, die studieren. Und in Deutschland brauchen sie den Sport nicht, um gesellschaftlich aufzusteigen wie vielleicht in anderen Ländern. Sie haben alle sehr viele Optionen, die sie machen könnten, und sind nicht darauf angewiesen, es unbedingt als Volleyball-Profi zu schaffen. Dafür muss man schließlich viel Zeit mit der Familie oder Freunden opfern. Das hat die Pandemie vielen noch einmal verdeutlicht.

Welche Lehren können Sie im Verein daraus ziehen?

Wir müssen Wege finden, wie wir die Leute länger an uns binden können. Da sollten wir auch überlegen, was wir im Jugendbereich machen. Werden die Spielerinnen vielleicht schon da überladen, so dass sie satt sind, wenn sie im Profibereich ankommen? Haben sie überhaupt eine Perspektive in der Bundesliga? Im Meisterschaftsfinale zwischen Potsdam und Stuttgart spielen gerade konstant nur zwei deutsche Spielerinnen, und nur eine davon ist im Nationalteam dabei. Die anderen Stammplätze sind von ausländischen Spielerinnen besetzt. Das ganze System muss hinterfragt werden. Wir können das nicht einfach als blöden Zufall abtun.

Die Frauenbundesliga hat sich eigentlich recht gut entwickelt. Es gibt im Gegensatz zu den Männern einen TV-Vertrag mit regelmäßigen Übertragungen im Free-TV. Ist trotzdem noch zu wenig Geld im Spiel, dass es sich für junge Volleyballerinnen lohnt, über viele Jahre ihre Freizeit zu opfern und ihre Körper zu schinden?

Natürlich wird die Motivation größer, je mehr Geld im Spiel ist, auch wenn das immer keiner so sagen will, weil alle aus anderen Gründen mit dem Sport angefangen haben. Sie wollten in die Bundesliga oder zu Olympia, und es ging anfangs nicht in erster Linie um viel Geld. Aber das wird natürlich über kurz oder lang zum Thema. Die Bundesliga hat sich tatsächlich sehr gut entwickelt, die Gehälter sind viel viel höher geworden. Aber unsere Spielerinnen können eben auch im normalen Leben gutes Geld verdienen. Das ist natürlich auch in vielen Familien ein Thema, wenn Eltern hinterfragen, ob das mit dem Leistungssport wirklich das Richtige ist.

Können die Spielerinnen vom Gehalt in der Volleyball-Bundesliga leben?

Ja.

Dennoch studieren viele nebenher. Weil es fürs Leben danach nicht reicht?

Genau. Für manche würde es auch etwas länger reichen. Vor allem, wenn sie die Bundesliga als Sprungbrett für noch größere Ligen nutzen und sie klug mit dem Geld umgehen.

Wie viel verdient man denn in der Bundesliga und in den Top-Ligen?

Natürlich gibt es überall große Spannweiten. Ohne ganz genaue Zahlen zu kennen, dürfte eine Krystal Rivers in Stuttgart pro Saison ein sechsstelliges Nettogehalt verdienen, also bestimmt 10 000 Euro im Monat. Bei einer jungen Spielerin, die gerade anfängt, dürften es 1500 bis 2000 Euro sein. Dazu werden meist noch Wohnung und Auto gestellt. In Italien geht es schon hoch bis zu einer halben Million pro Saison. Und in der Türkei haben ein, zwei Topathletinnen mittlerweile die Millionengrenze geknackt. Mit dieser Konkurrenz müssen wir als Bundesligisten kämpfen.

Louisa Lippmann war die deutsche Spitzenspielerin der vergangenen Jahre. Sie spielte in Russland, China und Italien. Jetzt hört sie auf und sagt, die letzten Jahre hätten sie »physisch und psychisch extrem gefordert«. Hat sie sich übernommen, oder ist der Profi-Volleyball zum Hamsterrad geworden, in dem keine Zeit für körperliche und geistige Regeneration bleibt?

Ich glaube ein bisschen was von beidem. Der Volleyballsport ist besonders bei Nationalspielerinnen ein Hamsterrad geworden. Die Programme sind vollgepumpt mit internationalen Turnieren im Sommer. Die Nations League dauert bis zu acht Wochen. Es folgen Qualifikationsturniere, und die WM geht bis Mitte Oktober. Zwei Wochen später starten die nationalen Ligen wieder. Das ist schon krass. Das Geld wird dann in den Vereinen verdient. Und die Versuchung ist natürlich groß. Der Zeitraum, in dem Profis viel Geld verdienen, ist sehr begrenzt. Es braucht sehr viel Investitionen im Jugendbereich und am Anfang der Profikarriere. Dann hast du eine ganz kurze Zeit, in der du davon profitieren kannst, bevor der Körper nicht mehr mitmacht. Also willst du mitnehmen, was du kannst. Ich glaube, da wäre bei Louisa weniger manchmal mehr gewesen. Zum Beispiel die Saison, in der sie von Shanghai, noch nach Kaliningrad gegangen ist und dann auch die Olympiaqualifikation spielte. Da musst du sehr gute Leute um dich herumhaben, die dir helfen, dich nicht zu überladen.

Zurück zum SSC: Was bedeutet der Verlust von Denise Imoudu für den Verein?

Wir sind natürlich traurig darüber, dass sie ihre Karriere beendet, weil sie in den letzten zwei Jahren eine Superentwicklung als Spielerin und als Mensch genommen hat. Andererseits hat sie uns schon sehr früh angedeutet, dass dieser Schritt kommen kann. Sie hat eine Physiotherapie-Praxis und bildet sich in Coaching-Jobs weiter. Und dafür will sie jetzt mehr Zeit haben. Insofern freue ich mich für sie, dass sie dem jetzt nachkommen kann.

Und wie groß sind die Lücken, die Imoudu und Lippmann im Nationalteam hinterlassen? Gerät ohne Zuspielerin und Hauptangreiferin das Ziel der Olympiaqualifikation 2024 in Gefahr?

Es ist auf jeden Fall ein schwieriger Moment. Das muss man ganz klar sagen. Denise und Louisa haben aber auch mit dem neuen Bundestrainer Vital Heynen frühzeitig darüber gesprochen, so dass er sich schon Gedanken über die Situation machen konnte. Aber klar: Besonders Louisa war das Aushängeschild des Teams, auch medial, nicht nur sportlich. Das ist nicht so einfach zu kompensieren, das könnte keine Nationalmannschaft. Ich glaube, es gibt ein gutes Fundament, auf dem man aufbauen kann. Viele junge Spielerinnen bringen aus der letzten Olympiaqualifikation gewisse Erfahrungen mit. Sie haben zudem den Sprung in die Top-Ligen der Welt geschafft. Trotzdem wird das richtig wehtun. Louisas Rolle auf der so wichtigen Diagonalposition wird niemand einfach so übernehmen können. Aber jetzt müssen andere in die Bresche springen und mehr Verantwortung übernehmen. Das kann auch eine Chance sein.

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