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Kein Platz mehr für Jupp

Der diskrete Charme der Trainingsanzugträger: »Lieber Herr Bundestrainer!« dokumentiert die Korrespondenz der Fußballprofis

Men in sportswear: Ein Bundestrainer, ein Bundeskanzler, ein Bundesrummenigge, 1984 bei der EM in Frankreich
Men in sportswear: Ein Bundestrainer, ein Bundeskanzler, ein Bundesrummenigge, 1984 bei der EM in Frankreich

Dies ist ein Nach­ruf. Auf eine Welt, die es nicht mehr gibt. Und die es in die­ser Form auch nie gab. Denn man soll über Tote nichts Schlech­tes sagen.

Der Tote, den es zu betrau­ern gilt, ist der Pro­fi­fuß­ball. Er starb an Gier und Grö­ßen­wahn. Eini­ge behaup­ten, er lebe noch. Aber das Wesen des Lebens ist der Wan­del. Din­ge ver­än­dern sich. Nie­mand bleibt immer­fort ganz oben. Sie­ger stür­zen ab, Ver­lie­rer stei­gen auf. Und jetzt fra­ge ich Sie: Wie vie­le Mann­schaf­ten haben in den letz­ten zehn Sai­sons die Deut­sche Meis­ter­schaft gewon­nen? Eben.

Schau­en wir uns also nicht den Zom­bie von heu­te an, den Unto­ten, der glaubt, es wäre alles in Ord­nung mit ihm, son­dern den Fuß­ball, wie wir ihn kann­ten und lieb­ten. Und zwei, die ihn beson­ders lieb­ten, sind Phil­ipp Kös­ter und Tim Jür­gens, die bei­den Chef­re­dak­teu­re von »11Freunde«, dem Fuß­ball­ma­ga­zin für Nost­al­gi­ker. Mit »Lie­ber Herr Bun­des­trai­ner!« ist ihnen ein Buch gelun­gen, das aus­schließ­lich aus Ori­gi­nal­do­ku­men­ten besteht. Was Jür­gens und Kös­ter an Zeit­zeug­nis­sen zusam­men­ge­stellt haben, ist eine Wundertüte.

Da gibt es offi­zi­el­le und weni­ger offi­zi­el­le Brie­fe (z.B. einen Lie­bes­brief von Ita­lia Wal­ter an ihren Mann Fritz unmit­tel­bar vor der WM 1954), Tele­gram­me, hand­schrift­li­che Noti­zen, Tage­buch­ein­trä­ge, Schrei­ben von Rechts­an­wäl­ten, Spie­ler­ver­trä­ge und sogar einen Ver­neh­mungs­be­richt der Staats­si­cher­heit – die­se ver­däch­tig­te Ralf Min­ge, Stür­mer von Dyna­mo Dres­den, die Flucht in die BRD zu planen.

Die Doku­men­ten­samm­lung umspannt einen Zeit­raum von über 100 Jah­ren, von den Anfangs­ta­gen des Fuß­balls, als man ver­such­te, eine Mann­schaft für die Olym­pi­schen Spie­le 1896 in Athen zusam­men­zu­stel­len, bis in unser Jahr­hun­dert, als »Spie­ler­be­ra­ter« zum akzep­tier­ten Beruf wur­de. Die Her­aus­ge­ber ver­zich­ten dabei weit­ge­hend auf eine chro­no­lo­gi­sche Rei­hen­fol­ge. Da folgt auf meh­re­re per­sön­li­che Brie­fe von Bun­des­trai­ner Sepp Her­ber­ger (1936 bis 1964) ein öffent­li­ches Schrei­ben von Ger­hard Schrö­der an Lothar Mat­thä­us nach der ver­korks­ten EM 2000, in dem der Bun­des­kanz­ler den damals 39-jäh­ri­gen Natio­nal­spie­ler vor Kri­ti­kern in Schutz nimmt.

Es ist eine kun­ter­bun­te Mischung, die Kös­ter und Jür­gens auf 288 Sei­ten zusam­men­ge­tra­gen haben. Da fin­det sich Inti­mes neben Juris­ti­schem und Trau­ri­ges neben Kurio­sem. Als etwa die bun­des­deut­schen Frau­en 1989 über­ra­schend die Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft gewan­nen, zeig­te sich der DFB in Geber­lau­ne. Es »soll der Ver­such gemacht wer­den, auch durch ein prak­ti­sches Geschenk Freu­de aus­zu­lö­sen.« Die­se jedoch hielt sich, wie die Euro­pa­meis­te­rin Petra Lan­ders 33 Jah­re spä­ter in dem ergän­zen­den Inter­view berich­tet, in Gren­zen. Das »prak­ti­sche Geschenk« ent­pupp­te sich als 41-tei­li­ges Tafel- und Kaf­fee­ser­vice, das sie »in Ihre Woh­nung gebracht erhal­ten.« Zum Ver­gleich: Die Sieg­prä­mie der Fuß­ball-Män­ner, die ein Jahr spä­ter Welt­meis­ter wur­den, betrug über 125 000 DM pro Person.

Über­haupt: das Geld. 1974 gelang es dem 1. FC Kai­sers­lau­tern in einer Hau­ruck­ak­ti­on einen der bes­ten Tor­hü­ter der Welt zu ver­pflich­ten: den Schwe­den Ron­nie Hell­ström. Der Ver­trag wur­de auf die Schnel­le hand­schrift­lich ver­fasst (um genau zu sein: auf das Brief­pa­pier des Ver­eins gekrit­zelt). Sein ver­ein­bar­tes Jah­res­ge­halt betrug 50 400 DM. Das ent­spricht infla­ti­ons­be­rei­nigt 78 000 Euro – Cris­tia­no Ronal­do ver­dient die­se Sum­me in knapp vier Stun­den. Und Hell­ströms Salär war noch üppig ver­gli­chen mit den Gehäl­tern, die 1950 gezahlt wur­den. Der Trai­ner von Her­tha BSC Ber­lin und spä­te­re BRD-Bun­des­trai­ner Hel­mut Schön schrieb damals einen Bitt­brief an Adi­das-Chef Adi Das­s­ler, ob er sich nicht als Adi­das-Ver­tre­ter in West­ber­lin ver­din­gen könn­te, da »ich fast den gan­zen Tag über bis in die Nach­mit­tags­stun­den hin­ein viel freie Zeit habe.«

Was nicht nur an Schöns Schrei­ben auf­fällt, ist der ehr­erbie­ti­ge, ja, devo­te Ton, den vie­le der Absen­der anschla­gen. Selbst ein Aus­nah­me­spie­ler wie Bernd Schus­ter gibt sich klein­laut, wenn er nach sei­nem unent­schul­dig­tem Fern­blei­ben von einem Län­der­spiel 1980 den Prä­si­den­ten des Deut­schen Fuß­ball­bunds, Her­mann Neu­ber­ger, um Mil­de ersucht: »Es ist zwar ein unver­zeih­li­cher Feh­ler mei­ner­seits gewe­sen (…), aber ich bit­te Sie, dies­be­züg­lich Nach­sicht zu üben. Mir war zu mei­nem größ­ten Bedau­ern die Trag­wei­te nicht bewusst.« Es fällt schwer, sich einen Ney­mar, Mbap­pé oder Ibra­hi­mo­vic in der Rol­le des katz­bu­ckeln­den Büßers vorzustellen.

Umge­kehrt scheu­ten die Fuß­ball­funk­tio­nä­re nicht davor zurück, ihre kicken­den Ange­stell­ten an ihre Pflich­ten zu erin­nern. Ger­hard May­er-Vor­fel­der, Prä­si­dent des VfB Stutt­gart (und spä­ter auch des DFB), gemahn­te den Natio­nal­spie­ler Karl All­gö­wer schrift­lich, doch bit­te den mit­ge­sand­ten VfB-Auf­kle­ber an des­sen Pkw zu befes­ti­gen: »Ich wür­de mich freu­en, wenn Sie hier­durch Ihre Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem VfB Stutt­gart zum Aus­druck brin­gen wür­den.« All­gö­wer, der auf­grund sei­nes poli­ti­schen Enga­ge­ments für die Frie­dens­be­we­gung und gegen Atom­kraft wie­der­holt mit dem CDU-Hard­li­ner May­er-Vor­fel­der anein­an­der­ge­riet, igno­rier­te die Auf­for­de­rung. May­er-Vor­fel­der ver­lor nie wie­der ein Wort über den Ver­eins­auf­kle­ber. Ein erfolg­rei­cher Akt der Rebel­li­on. Und ein harm­lo­ser zugleich. Ein der­ar­ti­ges Auf­be­geh­ren erin­nert an typi­sche Vater-Sohn-Kon­flik­te, und derer gibt es im Buch eini­ge. Papa Sepp (Her­ber­ger) ver­zwei­fel­te an sei­nem trink­fes­ten Spröss­ling Hel­mut (Rahn). Und Papa Jupp (Der­wall) muss­te sei­nen auf­müp­fi­gen Sohn Paul (Breit­ner) 1980 in aller Öffent­lich­keit rügen, weil die­ser tak­ti­sche Fouls für not­wen­dig erklärt hat­te – »Die von Dir auf­ge­stell­te The­se ist (…) gefähr­lich, (…) beson­ders für unse­re jugend­li­chen Fuß­bal­ler. Selbst wenn man kein Vor­bild sein will, (…) soll­te man viel­leicht doch ver­ant­wor­tungs­be­wußt für vie­le ande­re dar­an den­ken, wie­viel Unheil sol­che Wor­te anrichten.«

Der­walls Aus­drucks­wei­se war typisch für die vor-post­mo­der­ne Zeit. Es ist ein alt­ba­cke­ner Sport­ka­me­ra­den-Ton­fall, den damals jeder Trai­nings­an­zug­trä­ger leb­te und zele­brier­te und der in die­ser geball­ten Form Selt­sa­mes in einem aus­löst. Erstaunt ertappt man sich dabei, dass man Gefal­len fin­det an der bie­de­ren Red­lich­keit, die sich in sol­chen Wor­ten aus­drückt – auch wenn sie schon damals (spä­tes­tens mit dem Bun­des­li­ga-Bestechungs­skan­dal 1971) aus der Zeit gefal­len war. Es ist ein war­mer Mief, der einem da ent­ge­gen­strömt. Ein Flair, das einem sei­ner­zeit sau­er auf­stieß und das heu­te weh­mü­ti­ge Gefüh­le auslöst.

Wie rüh­rig war doch das Bemü­hen, in einer Erfolg-um-jeden-Preis-Welt einen Rest von Ver­eins­heimat­mo­sphä­re zu bewah­ren! Man mag dies als sen­ti­men­tal emp­fin­den, aber wie viel sym­pa­thi­scher war eine sol­che Hal­tung als jenes kal­te Cham­pions-League-Tech­no­kra­ten­tum, das im Fuß­ball nur noch ein Event­pro­dukt sieht, das es pro­fit­ma­xi­miert zu ver­mark­ten gilt. So erin­nert einen die lie­be­voll gestal­te­te Brief­samm­lung »Lie­ber Herr Prä­si­dent!« dar­an, wofür Fuß­ball mal stand. Damals, als er noch lebte.

Tim Jürgens & Philipp Köster (Hg.): »Lieber Herr Bundestrainer!« Briefe, die die Fußballwelt bewegten. Heyne Verlag, 288 S., geb., 26  Euro.

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