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  • Abstieg der Traditionsmannschaft FC Erzgebirge Aue

In die Tiefe, in den Schacht

Beim FC Erzgebirge Aue reichte das Niveau nicht mehr für die zweite Fußball-Bundesliga. Zu viele redeten mit, zu viel lief schief

  • Von Christoph Ruf, Aue
  • Lesedauer: 8 Min.
Traditionspflege im Erzgebirgsstadion: Der Auer Spielertunnel ist einem Stollenmundloch nachempfunden.
Traditionspflege im Erzgebirgsstadion: Der Auer Spielertunnel ist einem Stollenmundloch nachempfunden.

Man kann mit einem spek­ta­ku­lä­ren Ergeb­nis eine Meis­ter­schaft fei­ern, der FC Bay­ern gewinnt am letz­ten Spiel­tag ja ger­ne mal 5:2 oder 4:0. Dass man auch mit einem ech­ten Pau­ken­schlag abstei­gen kann, und das bereits Ende April, bewies am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de der FC Erz­ge­bir­ge Aue. Mit 0:6 ver­lo­ren die Sach­sen da in Darm­stadt und mach­ten damit eine ent­täu­schen­de Zweit­li­ga­sai­son end­gül­tig zur schwächs­ten der Ver­eins­ge­schich­te. »Wenn du erwach­se­ne Män­ner wei­nen siehst, dann sagt das alles«, so beschrieb es Offen­siv­mann Dimi­trij Nazarov.

Ein paar Tage nach den trau­ri­gen Sze­nen aus Darm­stadt sind es offen­bar die­se Bil­der, die auch dem Sport­di­rek­tor am ein­drück­lichs­ten im Gedächt­nis geblie­ben sind. Pavel Dot­chev, der von 2015 bis 2017 schon ein­mal Trai­ner im Erz­ge­bir­ge war, kehr­te im Novem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res als Sport­di­rek­tor zurück und über­nahm im Früh­jahr inte­rims­mä­ßig auch das Trai­ner­amt, nach­dem zunächst Aliak­sej Schpi­leuski und dann Marc Hen­sel nicht vom Fleck gekom­men waren. »Ich habe ganz gro­ßen Respekt vor unse­ren Fans«, sagt Dot­chev. »Ich möch­te nicht wis­sen, was nach solch einer Sai­son anders­wo los wäre.« Kei­ne Ver­wün­schun­gen, kaum Aggres­sio­nen gegen die Spie­ler. Doch die mehr oder weni­ger stil­le Trau­er der vie­len Tau­send Auer Fans, die sei mit Hän­den zu grei­fen. »Die Leu­te sind ein­fach trau­rig und ent­täuscht.« Ent­täuscht vom Tabel­len­stand, ent­täuscht aber auch von einem Team, über das selbst Dot­chev sagt, dass es »nicht als Mann­schaft« auf­ge­tre­ten sei. »Dabei steht auf dem Rücken unse­rer Tri­kots Kumpelverein.«

Alle für einen, einer für alle, wie unter Tage bei den Berg­ar­bei­tern im Uran-Abbau, denen noch heu­te mit dem »Stei­ger­lied« und dem Ver­eins­lied gehul­digt wird: »Zwei gekreuz­te Häm­mer und ein gro­ßes W. Das ist Wis­mut Aue, unse­re BSG. Wir kom­men aus der Tie­fe, wir kom­men aus dem Schacht. Wis­mut Aue, die neue Fuß­ball­macht.« Doch das mit dem Kum­pel-Ver­ein, das wur­de in die­ser Spiel­zeit zu oft nur vor und nach dem Anpfiff zele­briert. Dazwi­schen agier­te eine Mann­schaft, die sich nie fand und bei der wohl ein­fach das Niveau nicht für ein wei­te­res Jahr Zweit­li­ga-Fuß­ball reichte.

Im Gespräch mit »nd« stellt sich Trai­ner Dot­chev den­noch erst mal vor das Team: »Ich muss die Spie­ler in Schutz neh­men. Das sind jun­ge Leu­te, für die ist solch eine Sai­son mit all den Nacken­schlä­gen nicht nur phy­sisch zeh­rend.« Bei­spiel Ingol­stadt, Anfang April, jenes Aus­wärts­spiel, nach dem wohl auch den größ­ten Opti­mis­ten klar gewor­den sein dürf­te, dass die­se Seu­chen­sai­son nicht gut enden wür­de: Zuerst die sel­ten däm­li­che Tätig­keit von Prince Owu­su, nach der Aue 85 Minu­ten lang zu zehnt spie­len muss­te, bin­nen vier Minu­ten der 0:2‑Rückstand. Und dann eine Ener­gie­leis­tung son­der­glei­chen, mit einem Mann weni­ger gelang schließ­lich sogar der 2:2‑Ausgleich in der 89. Minu­te – ehe der Ingol­städ­ter Poul­sen in der Nach­spiel­zeit noch das 3:2 für die Bay­ern erzielte.

Erleb­nis­se wie die­se haben schon bei ganz ande­ren Teams die Köp­fe sin­ken las­sen. Und Coro­na hat die Sache auch nicht ein­fa­cher gemacht. Die Spie­le gegen Schal­ke und Dres­den, die unter Garan­tie aus­ver­kauft gewe­sen wären, fan­den vor lee­ren Rän­gen statt. Kei­ne Unter­stüt­zung für die sonst so heim­star­ken Auer. Und ins­ge­samt allein durch Coro­na ein sie­ben­stel­li­ger Fehl­be­trag auf dem Kon­to. »Bru­tal war das«, erin­nert sich Dot­chev, der all die wid­ri­gen Umstän­de aber nicht als Aus­re­de ver­stan­den wis­sen will. Bei dem Auer Mini-Etat müs­se man »bes­ser und schnel­ler sein als ande­re«, sagt Dot­chev. Und schnel­ler und bes­ser waren sie in die­ser Spiel­zeit ganz sicher nicht. Dass sie zu Recht abge­stie­gen sind, wis­sen sie des­halb selbst.

69 Gegen­to­re sind Liga­re­kord, vor­ne konn­te der Weg­gang von Pas­cal Tes­t­ro­et (der statt­des­sen beim Kon­kur­ren­ten Sand­hau­sen trifft) nicht auf­ge­fan­gen wer­den. Und auch die wich­tigs­te Posi­ti­on im Ver­ein war nicht gut besetzt, die des Chef­trai­ners. Im Som­mer wur­de Aliak­sej Schpi­leuski ver­pflich­tet und schon nach acht Spie­len wie­der geschasst; Klub-Iko­ne Marc Hen­sel über­nahm, dem indes noch der Trai­ner­schein fehl­te. Dass Schpi­leuski, der zuvor den Nach­wuchs von RB Leip­zig trai­niert hat­te, die Liga nicht kann­te, dürf­te dabei das gerin­ge­re Pro­blem gewe­sen sein. Gra­vie­ren­der dürf­te die Tat­sa­che gewe­sen sein, dass Schpi­leuski die Scha­blo­ne des RB-Fuß­balls (mit extrem hohem Angriffs­pres­sing) auf einen Kader über­trug, mit dem man prag­ma­ti­sche­ren Fuß­ball hät­te spie­len müs­sen. Aue hat­te auch in die­ser Spiel­zeit den kleins­ten Etat aller Zweit­li­gis­ten. Eine sol­che Aus­gangs­la­ge zwingt dazu, dass Trai­ner, Sys­tem und Tak­tik die Qua­li­täts­de­fi­zi­te aus­glei­chen müs­sen, wenn man über­haupt eine Chan­ce haben will.

Doch in Aue wur­de die Posi­ti­on des Chef­trai­ners in den letz­ten Jah­ren de fac­to nicht vom jewei­li­gen sport­li­chen Lei­ter besetzt. Son­dern vom jewei­li­gen Ver­eins­prä­si­den­ten, jeweils einem fuß­ball­ver­rück­ten Indus­tri­el­len mit viel Herz­blut und einem gewis­sen Hang zur Bra­chi­al-Rhe­to­rik. Erst hieß der Uwe (1992 bis 2009), dann folg­te Hel­ge (2014 bis heu­te). Bei bei­den lau­tet der Nach­na­me Leon­hardt, es sind Zwil­lings­brü­der. Und das nicht nur bio­lo­gisch, son­dern auch im Geis­te. Über ihre Anspra­chen (»Lie­be Kame­ra­den!«, »Den Frau­en, die noch kei­ne Müt­ter sind, eine Bot­schaft: Wer­det Müt­ter und tragt die Wis­mut-DNA wei­ter!«) und Inter­views hal­ten sich man­che Zuschau­er die Bäu­che vor Lachen, wäh­rend ande­re sich sor­gen­er­füllt umschau­en, ob sie gera­de eine Zeit­rei­se ins frü­he 20. Jahr­hun­dert erleben.

Dabei haben die Leon­hardts wirt­schaft­lich vie­les rich­tig gemacht. Aber es ist eben das deutsch­land­weit wohl popu­lärs­te Miss­ver­ständ­nis unter Offi­zi­el­len, dass jeder, der sich für Fuß­ball inter­es­siert, meint, des­halb auch fach­lich kom­pe­tent zu sein. Einen roten Faden gab es bei den Trai­ner­ver­pflich­tun­gen der letz­ten Jah­re in Aue jeden­falls nicht. So hol­te Leon­hardt nach der Amts­zeit von Dani­el Mey­er und Han­nes Drews, in denen der FCE mit anspruchs­vol­lem Fuß­ball auf­hor­chen ließ, aus­ge­rech­net Dirk Schus­ter als Trai­ner, der ein aus­ge­wie­se­ner Freund von Defen­sivst-Fuß­ball und lan­gen Bäl­len ist. Der heu­ti­ge RB-Leip­zig-Trai­ner Dome­ni­co Tedes­co, der damals im ein­zi­gen, außer­ge­wöhn­lich schö­nen Hotel im Ort wohn­te, hat die Macht­ver­hält­nis­se in Aue 2017 sehr diplo­ma­tisch beschrie­ben: »Man muss wis­sen, wor­auf man sich in Aue ein­lässt, und gewis­se Auto­ri­tä­ten und Pro­zes­se akzeptieren.«

Immer­hin: Auch ver­eins­in­tern scheint sich mitt­ler­wei­le die Erkennt­nis durch­ge­setzt zu haben, dass die Beset­zung der wich­tigs­ten Per­so­na­lie im Klub pro­fes­sio­nel­ler erfol­gen muss. Der nächs­te Trai­ner, das ver­si­chert Dot­chev, wur­de von einer Fünf-Mann-Kom­mis­si­on unter sei­nem Vor­sitz aus­ge­wählt. Timo Rost, über den man beim desi­gnier­ten Dritt­li­ga-Auf­stei­ger SpVgg Bay­reuth nur Posi­ti­ves hört, soll einer der Kan­di­da­ten sein. »Wir haben mit ihm, aber auch mit ande­ren gespro­chen und wis­sen, wer nächs­te Sai­son hier Trai­ner wird«, sagt Dot­chev. Bis zur Bekannt­ga­be müs­se sich die Öffent­lich­keit aber noch ein wenig gedul­den. Bereits jetzt steht aller­dings fest, dass man mit einem 11-Mil­lio­nen-Etat in die kom­men­de Dritt­li­ga-Sai­son geht und damit zu den reichs­ten Klubs in der Spiel­klas­se zäh­len wird. Ein völ­lig neu­es Gefühl im Erzgebirge.

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