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Bühnen-Déjà-vus

Das diesjährige Berliner Theatertreffen wurde eröffnet

Jährliche Kulturbetriebsroutine: Das Berliner Theatertreffen
Jährliche Kulturbetriebsroutine: Das Berliner Theatertreffen

Am Frei­tag wur­de die dies­jäh­ri­ge Aus­ga­be des Ber­li­ner Thea­ter­tref­fens eröff­net, zehn von einer Jury als »bemer­kens­wert« dekla­rier­te Insze­nie­run­gen aus dem gesam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum (oder was dafür gehal­ten wird) wer­den bei dem Fes­ti­val gezeigt. Nach zwei Jah­ren der coro­nabe­ding­ten digi­ta­len Behelfs­maß­nah­men zur Durch­füh­rung der Bes­ten­schau fin­det nun wie­der alles live, in Far­be und mit reich­lich Schaum­wein in Ber­lin-Wil­mers­dorf statt.

Den Auf­takt mach­te der Regis­seur Chris­to­pher Rüping. Moment – war da nicht was? Genau, Rüping hat­te doch schon im letz­ten Jahr das Thea­ter­tref­fen eröff­net. Damals Zürich, heu­te Bochum. Genau­so wie er auch schon 2015, 2018 und 2019 dabei war. Ist das ein Pro­blem? Nein, weil Rüping ein talen­tier­ter, noch jun­ger Regis­seur ist, der mehr tut, als nur sei­ne soge­nann­te Regie­hand­schrift dem Publi­kum ins Blick­feld zu hie­ven. Und ja, weil es sym­pto­ma­tisch ist für das Thea­ter­tref­fen, des­sen Jah­res­aus­ga­ben man schlecht unter­schei­den kann, weil immer die­sel­ben Groß­stadt­thea­ter ihre Aus­zeich­nung erhal­ten und weil eini­ge Regis­seu­re so bestän­dig aufs immer Neue ein­ge­la­den wer­den, dass sie fast schon an das durch­schnitt­li­che Abon­nen­ten­pu­bli­kum sol­cher Büh­nen erinnern.

Das Fes­ti­val kri­selt seit eini­ges Zeit vor sich hin. Gern spricht man im Kul­tur­be­trieb selbst­re­fle­xiv von der Kri­se der Küns­te, auch von der Kri­se der Kri­tik, von Bedeu­tungs­ver­lust und Publi­kums­schwund. Das Thea­ter­tref­fen kann sich selbst­re­dend nicht über man­geln­de Zuschau­er­zah­len beschwe­ren, aber für das Pro­gramm lässt man gern die immer sel­ben Kri­ti­ker die immer sel­ben Thea­ter berei­sen, die immer sel­ben Büh­nen igno­rie­ren und dann ihre Lieb­lin­ge ein­la­den. Die gan­ze Ver­an­stal­tung ist ein selbst­er­hal­ten­der Orga­nis­mus. Dem es gehö­rig an Mut fehlt.

In einem Begleit­pro­gramm, das neben den zehn aus­ge­wähl­ten Insze­nie­run­gen auf dem Plan steht, wird über öko­lo­gi­sches Bewusst­sein in der Arbeit für das Thea­ter, über neue Macht- und Herr­schafts­struk­tu­ren, über Diver­si­tät und Unter­drü­ckung gespro­chen. Das sind zum einen die tat­säch­lich bren­nen­den Fra­gen die­ser Zeit, das ist zum ande­ren dann doch nur die Fort­füh­rung der alt­be­kann­ten Debat­ten, wie sie der­zeit in jedem pro­vin­zi­el­len Kul­tur­zen­trum geführt wer­den. Inter­es­san­ter wäre es da doch zu erfah­ren, ob es nicht Thea­ter­ar­bei­ten gibt, die sol­che Pro­blem­la­gen bereits anti­zi­pie­ren. Im Spiel­plan des Thea­ter­tref­fens sind sie nicht zu finden.

Es ist müßig her­aus­zu­ar­bei­ten, war­um das Fes­ti­val nur mehr zur jähr­li­chen Rou­ti­ne des kul­tur­in­ter­es­sier­ten Haupt­städ­ters zählt, wenn über­haupt, aber doch nicht wirk­lich zu inter­es­sie­ren ver­mag. Und es ist unfair, die Kri­sen­er­schei­nun­gen des Thea­ters im All­ge­mei­nen nur auf das Thea­ter­tref­fen zu pro­ji­zie­ren. Thea­ter, wie es im deutsch­spra­chi­gen Raum insti­tu­tio­nell betrie­ben wird, wohnt etwas zutiefst Insi­de­ri­sches inne: Will ein lite­ra­risch inter­es­sier­ter Mensch ein Büh­nen­spek­ta­kel besu­chen, wird er unauf­hör­lich mit Namen kon­fron­tiert, die den Ein­ge­weih­ten gel­ten. Es sind nicht etwa die Namen einer beson­ders talen­tier­ten Autorin, eines beson­ders beein­dru­cken­den Schau­spie­lers, es sind die Namen der Regis­seu­re. Das Thea­ter­tref­fen ist ein Regie­fes­ti­val. Wer als Regis­seur mit »sei­ner« Insze­nie­rung zum Thea­ter­tref­fen ein­ge­la­den wird, der hat es geschafft. Der kann auch künf­tig dar­auf hof­fen, mit Auf­trä­gen der gro­ßen Büh­nen geseg­net zu wer­den. Jener Büh­nen, die wie erwähnt rege­mä­ßig wie­der zum Thea­ter­tref­fen ein­ge­la­den werden.

Ein wei­te­res Pro­blem – es ist etwas ver­pönt, das zu sagen – liegt in der Aus­wahl der Stü­cke. Es soll ein poten­zi­el­les Publi­kum geben, das die Spiel­plan­le­po­rel­los der Thea­ter ent­fal­tet und sucht – nach den Schil­lers und Brechts und Frischs und Mül­lers. Aber es fin­det Stück­ent­wick­lun­gen, Aktua­li­sie­run­gen, unli­te­ra­ri­sche Per­for­man­ces. In unse­ren Brei­ten­gra­den war das Thea­ter ein paar schö­ne Jahr­hun­der­te lang aufs Engs­te ver­knüpft mit der Lite­ra­tur. Die Zei­ten sind wohl vor­über. Die Büh­nen in ihrem schein­fort­schritt­li­chen Trott tra­gen selbst die Schuld. Und wer in den kom­men­den Tagen, an denen das Ber­li­ner Thea­ter­tref­fen statt­fin­det, lie­ber zu einem Buch greift, als sich ins Thea­ter zu bege­ben, dem ist das ganz sicher nicht zu verübeln.

Das Ber­li­ner Thea­ter­tref­fen fin­det noch bis zum 22. Mai statt.

www.berliner-festspiele.de

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