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Bitte aussteigen – Weiterfahrt ungefährlich

Den Werbeballon der Zeitung »Die Welt« beobachtet Olga Hohmann von ihrem Küchenfenster aus. Kolumnen schreibt sie lieber für das »nd«.

  • Von Olga Hohmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Ohne Ballon und heiße Luft: das
Ohne Ballon und heiße Luft: das "nd"

Von mei­nem Küchen­fens­ter in Kreuz­berg 61 sah ich jeden Tag mehr­mals den zur Tages­zei­tung »Die Welt« gehö­ren­den Heiß­luft­bal­lon auf- und abstei­gen. Der Ball wies alle Attri­bu­te auf, die die »ech­te Welt«, also die, auf der der Heiß­luft­bal­lon sich beweg­te, eben­falls auf­wies – rund, blau, schwe­bend. Dass er dazu »bezeich­net« war, hielt ich anfangs für eine Art Gedächt­nis­stüt­ze, die uns sagen woll­te, wor­um es sich bei der Dar­stel­lung han­de­le – ich iden­ti­fi­zier­te ihn zuerst nicht als Wer­be­ob­jekt der Tageszeitung.

In mei­ner Kind­heit hat­te mein Vater mir bei­gebracht, mei­ne Leh­re­rin­nen sub­til danach zu fra­gen, wel­che Tages­zei­tung sie läsen. Es war sei­ne Stra­te­gie, sich ver­mit­telt durch mich (als unwis­sen­de Botin) Zugang zur poli­ti­schen Gesin­nung der jewei­li­gen Leh­re­rin zu ver­schaf­fen. Sei­ne Bewer­tung floss dann sofort in mei­ne per­sön­li­che Bewer­tung der betref­fen­den Auto­ri­täts­per­son ein. Ich erin­ne­re mich, dass ich ihm nur ein ein­zi­ges Mal von einer Leh­re­rin berich­te­te, die »Die Welt« las, und dass ich danach sogar mei­ne schlech­ten Noten leicht süf­fi­sant belä­chel­te. Denn, dem Urteil mei­nes Vaters zufol­ge, konn­te ich ihre Bewer­tungs­maß­stä­be nicht mehr ganz für voll nehmen.

Der Welt-Bal­lon hat sich längst von sei­ner Funk­ti­on als Wer­be­trä­ger eman­zi­piert, er ist sei­ne eige­ne »Insti­tu­ti­on«, unab­hän­gig von der Zei­tung, zu der er gehört – und zeigt doch die Hybris des Blat­tes, indem sie die »gan­ze Welt« für sich bean­sprucht. Aus dem­sel­ben Küchen­fens­ter, aus dem her­aus man den Welt-Bal­lon sah, blick­te man auch auf ein neo­ku­bis­ti­sches Wand­ge­mäl­de – eine ver­putz­te Ber­li­ner Brand­mau­er, die die Fens­ter­wand gegen­über spie­gel­te und ver­zerr­te. Die »fal­schen« Fens­ter auf der Mau­er ver­dop­pel­ten die Behaup­tungs­ges­te des Welt-Bal­lons, waren in ihrem Anspruch aber wesent­lich beschei­de­ner. Zwei unter­schied­li­che Repli­ken in einem Bildausschnitt.

Das eins­ti­ge »neue deutsch­land« bean­spruch­te zum Glück »nur« deutsch­land­spe­zi­fi­sche Bericht­erstat­tung für sich. Aber immer­hin gibt es vor, dass man als Autorin ent­schei­den oder iden­ti­fi­zie­ren kann, was »neu« ist in Deutsch­land – oder was »Deutsch­land« ist. Bevor ich anfing, für das »nd« zu schrei­ben, kann­te ich die Zei­tung nur vom Hören­sa­gen. Auch jetzt fällt es mir noch häu­fig schwer, ihren ehe­ma­li­gen Titel aus­zu­spre­chen, denn ich bin ja eigent­lich eher anti­deutsch sozia­li­siert, zumin­dest was die Fei­er­kul­tur betrifft.

In einer ein­schlä­gi­gen anti­deut­schen Knei­pe in einer ein­schlä­gi­gen ost­deut­schen Klein­stadt traf ich damals DJ Mor­gen­roe­the – die ortho­gra­fi­sche Eigen­heit sei­nes DJ-Namens war natür­lich eine bewuss­te Ent­schei­dung, eben­so wie man com­mu­nis­mus (klein und mit c) schrieb. Wir stan­den im Flur neben dem Rau­cher­raum, zu dem ich noch kei­nen Zutritt hat­te – ich war noch kei­ne 16 Jah­re alt. Men­schen mit Jute­beu­teln gin­gen an uns vor­bei, auf den Jute­beu­teln stan­den Sät­ze wie: »Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen.« Ich weiß nicht mehr, wor­über wir uns unter­hiel­ten, aber es war ein gutes Gespräch, zumin­dest stan­den wir eine gan­ze Wei­le in die­sem eigent­lich unan­ge­neh­men Zwi­schen­raum. Ich war beein­druckt von DJ Mor­gen­roe­the, der ein paar Jah­re älter war als ich und mir, neben sei­ner musi­ka­li­schen Kar­rie­re, auch wie ein »ech­ter Intel­lek­tu­el­ler« vorkam.

Mehr als zehn Jah­re spä­ter wur­de DJ Mor­gen­roe­the mein Redak­teur beim »nd«. Ein­ein­halb Jah­re lang schick­te ich ihm alle zwei Wochen eine »neue« Geschich­te – nicht alle davon aus Deutsch­land. In gewis­ser Wei­se wuss­te er bes­ser über mich und mei­nen jeweils aktu­el­len Zustand Bescheid als alle ande­ren Men­schen in mei­nem Leben, abge­se­hen viel­leicht von mei­nem, hier schon häu­fi­ger erwähn­ten, Psy­cho­ana­ly­ti­ker. DJ Mor­gen­roe­the arbei­tet jetzt für »Die Welt« – und gibt ihr hof­fent­lich etwas von sei­ner auf­klä­re­ri­schen Mor­gen­rö­te ab. Damit da drü­ben bei Sprin­ger auch mal die Son­ne aufgeht.

Zum Abschied lud er mich in die Redak­ti­on des »nd« – und dann zum klas­si­schen Mit­tags­me­nü beim Ita­lie­ner neben­an – ein. Ich hat­te das Gebäu­de meh­re­re Male umkreist, bis ich den, durch eine Bau­stel­le ver­deck­ten, Ein­gang gefun­den habe: Den iko­ni­schen Schrift­zug, nach dem ich vom Fahr­rad aus gesucht hat­te, sah man nur von Wei­tem. Beson­ders gefiel mir der Pater­nos­ter und die Auf­schrift an der Wand, sobald man zu weit, also in den Kel­ler oder auf den Dach­bo­den, fuhr: »Bit­te aus­stei­gen – Wei­ter­fahrt unge­fähr­lich«. Viel­leicht ist das schon der Auf­hän­ger für mei­ne nächs­te Kolumne.

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