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  • Dokumentarfilm "Heinrich Vogeler"

Ich erzähle mir einen Künstler

Das Leben des revolutionären Malers Heinrich Vogeler wird in einem Film von Marie Noëlle zum Psychodrama

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 7 Min.
Der Maler Heinrich Vogeler war, noch bevor er Kommunist wurde, Feminist.
Der Maler Heinrich Vogeler war, noch bevor er Kommunist wurde, Feminist.

Das könn­te instinkt­los, wenn nicht Hoch­ver­rat sein: Der Film »Hein­rich Voge­l­er« erzählt die Geschich­te eines Malers, der frei­wil­lig in die Sowjet­uni­on ging. Darf so etwas der­zeit gezeigt wer­den? Ist der ukrai­ni­sche Bot­schaf­ter infor­miert? Muss sich der Bun­des­prä­si­dent entschuldigen?

Aller­dings ist der Regis­seu­rin, Marie Noël­le, zuzu­ge­ste­hen, dass sie alles unter­nom­men hat, um die an sich hoch­po­li­ti­sche Geschich­te zu einem Psy­cho­dra­ma her­un­ter­zu­ko­chen. Sie hat sogar eine Schwei­zer Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin enga­giert, die prompt beim Maler einen Mut­ter­kom­plex feststellt.

Hein­rich Voge­l­er (1872–1942) berich­tet sei­ne Geschich­te in sei­ner zwar frag­men­ta­ri­schen, aber umfang­rei­chen Auto­bio­gra­fie (»Wer­den«), die Erich Wei­nert 1952 her­aus­gab: Von der aka­de­mi­schen Male­rei abge­sto­ßen, lässt sich Voge­l­er 1894 in der gera­de ent­ste­hen­den Künst­ler­ko­lo­nie Worps­we­de nie­der. Das Erbe sei­nes Vaters, eines Eisen­groß­händ­lers, erlaubt ihm den Erwerb und Umbau eines Hau­ses, des Bar­ken­hoffs. In die­ser Zeit erhält er Besuch von einem alten Bekann­ten, dem Schrift­stel­ler Rudolf Alex­an­der Schröder.

Schrö­der eröff­net ihm, dass sein stein­rei­cher Cou­sin eine Zeit­schrift auf­ma­che. Es wer­de noch ein Gra­fi­ker gesucht. Voge­l­er lässt alles ste­hen und lie­gen, reist nach Mün­chen und wird zum Gestal­ter der »Insel«. In Mün­chen lernt der anfangs von man­chen belä­chel­te Voge­l­er die Crè­me de la Crè­me von Lite­ra­tur und Hoch­adel ken­nen, in Flo­renz kurz dar­auf auch den Dich­ter Rai­ner Maria Ril­ke. Als Voge­l­er nach Worps­we­de zurück­kehrt, um sich der Male­rei zuzu­wen­den, ist er dank sei­ner meis­ter­haf­ten Jugend­stil-Gestal­tun­gen ein gemach­ter Mann.

Noël­le zieht es vor, die­se Vor­ge­schich­te – der Künst­ler als Zahn­rad in einer ästhe­ti­schen Indus­trie – weg­zu­las­sen. In ihrem Film, halb bio­gra­fi­sche Erzäh­lung, halb Doku­men­ta­ti­on, stol­pert eines Tages ein töl­pel­haf­ter Ril­ke (Johann von Bülow) ins Maler­pa­ra­dies des Voge­l­er (Flo­ri­an Lukas) und for­dert ihn auf, mit ihm nach Paris zu kom­men, um den Bild­hau­er Augus­te Rodin (Samu­el Fin­zi) und die ech­te Kunst kennenzulernen.

Wenn Ril­ke hier eine Kari­ka­tur ist, so ist Rodin erst recht eine. Er wirkt wie ein Wald­schrat, wenn er an Blu­men schnup­pert und aus­ruft: »In der Natur ist selbst das Häss­li­che schön!« Hat Rodin etwas der­art Törich­tes gesagt? Wohl nicht. Nach­weis­lich sag­te er: »Für den Künst­ler, der die­sen Titel zu Recht führt, ist alles schön in der Natur, weil sei­ne Augen, die kühn alle äuße­re Wahr­heit begrü­ßen, in ihr mühe­los wie in einem offe­nen Buch alle inne­re Wahr­heit lesen.« (Unter­hal­tun­gen mit Paul Gsell, 1911)

Noël­le lässt Voge­l­er und Rodin in Fin-de-Siè­cle-Kos­tü­men mit einer Künst­le­rin von heu­te, Sophie Sain­rapt, zusam­men­tref­fen, die gera­de, ganz von Sinn­lich­keit erfüllt, einen weib­li­chen Akt malt und fest­stellt, zu Vogelers Zei­ten hät­ten nur Män­ner nack­te Frau­en dar­stel­len dür­fen. Das stimmt im Gro­ßen und Gan­zen, doch fällt auf, wie aus­führ­lich Voge­l­er selbst dar­über schreibt, dass Pau­la Moder­sohn-Becker und Cla­ra West­hoff (die spä­te­re Gat­tin Ril­kes) Akte einer Land­ar­bei­te­rin geschaf­fen haben. Über­haupt unter­stützt er die Kunst von Frau­en, ins­be­son­de­re Moder­sohns, und ist, noch bevor er Kom­mu­nist wird, Femi­nist.

Kom­mu­nist wird er im Ers­ten Welt­krieg, in den er wie vie­le frei­wil­lig ein­ge­tre­ten ist und aus dem er belehrt her­aus­kommt. Er greift den Kai­ser an, betei­ligt sich an der Bre­mer Räte­re­pu­blik von Johann Knief, wid­met den Bar­ken­hoff in eine Kom­mu­ne um, ver­fasst kom­mu­nis­ti­sche und päd­ago­gi­sche Schrif­ten, schafft Wand­ma­le­rei­en, die auch Die­go Rive­ra inter­es­sie­ren. Nach­dem er das Land schon seit 1924 wie­der­holt bereist hat, sie­delt er 1932 in die Sowjet­uni­on über, wo er mit einer Viel­zahl von Künst­ler­grup­pen in Ver­bin­dung steht. Nach dem Angriff Nazi­deutsch­lands aus Mos­kau eva­ku­iert, stirbt er ent­kräf­tet 1942, mit 70 Jahren.

Was inter­es­siert Noël­le an die­sem Stoff? Die Frau­en­geschich­ten, viel­mehr zwei Ehe­frau­en. Die Ver­bin­dung Vogelers mit der Dres­de­ner Arbei­te­rin Marie Gries­bach erwähnt sie eben­so wenig wie die mit der Male­rin Ursu­la Deh­mel. Was die Ehe­dra­men betrifft – Vogelers Part­ner­schaf­ten mit Mar­tha Schrö­der (Anna Maria Mühe) und Son­ja March­lew­s­ka (Ali­ce Dwy­er) –, ist ihr kein Effekt zu teu­er: Holo­gram­me, Pro­jek­tio­nen, Bild­be­ar­bei­tun­gen, Ver­frem­dun­gen, Ani­ma­tio­nen, sphä­ri­sche Chöre.

Die Kunst muss dabei eben­so kurz kom­men wie die Poli­tik. Die Wen­dung Vogelers hin zum Expres­sio­nis­mus nach dem Krieg igno­riert der Film, zeigt aller­dings die erstaun­li­chen »Kom­plex­bil­der«, pris­ma­ti­sche Mon­ta­gen, in denen der Maler Nor­bert Bis­ky eine »cine­ma­to­gra­phi­sche Bild­auf­fas­sung« erkennt. Man kann dar­in auch, poli­tisch gewen­det, Form­prin­zi­pi­en des Jugend­stils wiederfinden.

Noël­le lässt den Mäzen Lud­wig Rose­li­us (Uwe Preuss) auf­tre­ten, der als Her­stel­ler des kof­fe­in­frei­en Kaf­fee Hag Mil­lio­nen gemacht hat. His­to­risch kor­rekt stellt sie den Ver­such des Mäzens nach, Voge­l­er von der Poli­tik abzu­brin­gen. Aber dass Rose­li­us, was Voge­l­er selbst her­aus­fin­den muss­te, ein Nazi der ers­ten Stun­de und ein Anti­se­mit war, kommt im Film nicht vor, das wäre wohl nicht so bekömm­lich gewe­sen wie der Kaf­fee. Eine bekömm­li­che Psy­cho­stu­die zum 150. Geburts­tag Vogelers zu pro­du­zie­ren, ist erkenn­bar das Ziel die­ses Werks. Es schließt an ein frü­hes an.

Infol­ge einer Ver­ket­tung unglück­li­cher Umstän­de wohn­te ich 1996 der Auf­füh­rung von Noël­les Debüt »Ich erzäh­le mir einen Mann« auf dem Max-Ophüls-Fes­ti­val Saar­brü­cken bei. In mei­ner Bespre­chung schrieb ich, leid­ge­prüft: »Alles, was Kunst­ge­wer­be und Neo-Archa­ik zu bie­ten haben, fin­det sich in die­sem Ela­bo­rat, das von den Fes­ti­val­be­su­chern begeis­tert auf­ge­nom­men wur­de.« Es ist mir, als hät­te ich, 26 Jah­re vor sei­nem Start, auch schon über Marie Noël­les Voge­l­er-Film geschrieben.

»Hein­rich Voge­l­er. Maler, Genos­se, Mär­ty­rer«: Deutsch­land 2022. Regie: Marie Noël­le. Mit Flo­ri­an Lukas, Anna Maria Mühe u.a. 90 Minu­ten. Start:12. Mai.

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